Geschäftsführerin Elke Hohmann und Vorstandsvorsitzender Thomas Sitte sowie  Ute Buchwald-Malkmus, Vorsitzende des Fördervereins der Stiftung stehen am Fuldaer Bahnhof
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Sie bringen die Deutsche Palliativstiftung voran (von links):Geschäftsführerin Elke Hohmann und Vorstandsvorsitzender Thomas Sitte sowie Ute Buchwald-Malkmus, Vorsitzende des Fördervereins der Stiftung, die als Sitz ein Bürogebäude am Fuldaer Bahnhof gewählt hat, weil man hier aus jeden Ort in Deutschland schnell erreicht.

Stolze Bilanz nach 10 Jahren

Deutsche Palliativstiftung findet Gehör - gerade in Corona-Zeiten

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
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In diesen Tagen wird der Rat der Deutschen Palliativstiftung gesucht wie selten. Das liegt an der Corona-Pandemie und nicht zuletzt einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar. Am Freitag wird die Stiftung zehn Jahre alt.

  • Nach Talkshow von Markus Lanz stehen bei der Stiftung die Telefone nicht mehr still.
  • Finanzlage durch Corona-Pandemie schwierig.
  • Papst Franziskus will, dass die Palliativversorgung weltweit verbessert wird.

Fulda - Die Corona-Pandemie trifft besonders alte Menschen, gerade in Pflegeheimen. Dort wurden Bewohner schon vor der Coronakrise oft ins Krankenhaus gebracht, wenn es ihnen schlecht ging. „Nicht jede Klinikeinweisungen sehr alter und sehr kranker Menschen ist sinnvoll“, sagt Dr. Thomas Sitte (61), Palliativmediziner und Vorsitzender der Deutschen Palliativstiftung.

Die Stiftung hat in einem Pilotprojekt „Palliativversorgung in Pflegeeinrichtungen“ die Palliativ-Ampel entwickelt. Ziel ist, unnötige Krankenhauseinweisungen zu verhindern. Die Stiftung hat kleine Filmclips produziert, in denen Mitarbeitern der Pflegeheime erklärt wird, wie sie Krankenhauseinweisungen vermeiden können und welche Möglichkeiten der palliativen Versorgung es gibt. „Seit die Palliativ-Ampel Ende April in der Talkshow von Markus Lanz angesprochen wurde, stehen unsere Telefon nicht still. Viele Heime fragen nach Rat“, berichtet Sitte.

Corona kostet

Seit ihrer Gründung hat die Deutsche Palliativstiftung Stiftung (DPS) rund 7,4 Millionen Euro für die Förderung der palliativen Versorgung gesammelt. Davon flossen 720.000 Euro in den Kapitalgrundstock der Stiftung.

Beträge von zweimal über 100.000 Euro, die 2011 und 2012 nach Musicalaufführungen von spotlight gesammelt wurden – das war die größten Einzelspenden an die Stiftung. Mit insgesamt 6,7 Millionen Euro gefördert wurden und werden beispielsweise große Konferenzen ebenso wie die Anschaffung eines Fahrradanhängers.

Aktuell ist die Finanzlage der Stiftung schwierig. Alle geplanten Charity- Events für die DPS bis August 2020 sind abgesagt. Auch der Spendenfluss stockt wegen der Coronakrise. Die Stiftung ist für Spenden dankbar: Spendenkonto DE 74 5306 0180 0000 0610 00 bei der VR Bank Fulda.

Gefragt ist die Stiftung auch in der Sterbehilfe-Diskussion. Das Bundesverfassungsgericht entfachte die Debatte neu, als es im Februar urteilte, jeder Mensch habe Anspruch auf Sterbehilfe. „Es wird so getan, als sei ein Gifttrunk Voraussetzung für ein würdiges Sterben. Das ist Unsinn. Palliativmedizin kann starkes Leiden, starke Schmerzen und starke Luftnot fast immer verhindern“, erklärt Sitte.

Die Pflegetipps aus Fulda werden weltweit gelesen. Die Stiftung hat zahlreiche Publikationen zur angemessenen Versorgung Sterbender veröffentlicht. Sie sind mittlerweile in 22 Sprachen übersetzt. Gerade dankte ein Schwesternkurs aus Peru für die Ratschläge, berichten Elke Hohmann (55), Geschäftsführerin der Stiftung, und Fördervereinsvorsitzende Ute Buchwald-Malkmus (48).

Bei einer Generalaudienz in Rom knüpften Edelgard Ceppa-Sitte und Thomas Sitte Kontakt zu Papst Franziskus.

Papst Franziskus will, dass die Palliativversorgung weltweit verbessert wird. Er berief eine Kommission mit zwölf Experten aus aller Welt – darunter Thomas Sitte. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte den Kontakt zwischen Sitte und dem Vatikan hergestellt. Dass Sitte bei seinen Rom-Aufenthalten im gleichen Gästehaus übernachten kann wie der Papst und sich beim Abendessen in die gleiche Warteschlange wie Franziskus einreiht – das sind für den Stiftungschef besondere Momente in den ersten zehn Jahren seit der Gründung der Stiftung.

Gründung der Stiftung

Schon vor der Gründung der Deutschen Palliativstiftung am 8. Mai 2010 waren in Deutschland viele Menschen, nicht nur Mediziner, aktiv, um den palliativen Gedanken zu fördern: Schwerkranken Menschen ist am Ende ihres Lebens oft am besten geholfen, wenn ihre Symptome wie Schmerzen, Atemnot, Angst und Unruhe gelindert werden, und zwar am besten zuhause, ohne dass sie in ein Krankenhaus eingewiesen werden, in dem ihre Krankheit behandelt wird.

Weil 2010 der Ruf nach geschäftsmäßiger Beihilfe zur Selbsttötung in Deutschland lauter wurden, wuchs der Druck auf die Anhänger der Palliativmedizin, sich zu organisieren. Der Fuldaer Palliativmediziner Dr. Thomas Sitte brachte acht Gründungsstifter aus den Bereichen Pflege, Medizin, Physiotherapie, Seelsorge und Betriebswirtschaft zusammen und stellte die Weichen, damit die Stiftung den notwendigen Kapitalstock zusammenkam. Fulda, mitten in Deutschland, wurde Sitz der Stiftung. Sitte wurde Vorstandsvorsitzender – und ist es bis heute geblieben.

Sie gründeten vor zehn Jahren die Palliativstiftung (von links): Sabine Schraut (Wiesbaden), Andreas Müller (Dresden), Detlef Knobloch (Fritzlar), Christina Plath (Göttingen), Eckhard Eichner (Augsburg), Birgit Schäfer und Thomas Sitte (beide Fulda) sowie Matthias Schmid (Gießen).

Ein wichtiges Ziel der Stiftung war, Spenden für die Förderung der Palliativversorgung zu sammeln. Das ist gelungen: Mehr als sieben Millionen Euro kamen in den zehn Jahren zusammen. Um die laufenden Verwaltungskosten zu decken, wurde im Mai 2011 ein Förderverein gegründet, dem heute 1000 Mitglieder angehören.

Auf die Stiftung wurde und wird gehört. Mit einem großen Aufwand an Zeit und Energie erreichte sie, dass der Bundestag 2012 ein Gesetz beschloss, dass Ärzte Patienten Medikamente gegen große Schmerzen oder Erstickungsanfälle überlassen dürfen. „Dass wir das erreicht haben, hätte kaum jemand für möglich gehalten“, sagt Sitte.

Danach kämpfte die Stiftung für das Verbot der geschäftsmäßigen Beihilfe zur Selbsttötung. In ihrem Sinne beschloss der Bundestag 2015 ein Gesetz – ein Gesetz, das das Bundesverfassungsgericht jedoch im Februar 2020 aufhob. Sitte verspricht: „Wir treten weiter für unsere Position ein: Kein Sterbender muss mehr leiden, als er es zulassen will. Geschäftsmäßige ‚Sterbehilfe‘ verändert unsere Gesellschaft zum Schlechten.“

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