Das DIVI hat die aktuelle Belegung der Intensivbetten in Hessen veröffentlicht. (Symbolbild)
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Die DIVI veröffentlicht die aktuellen Belegungen der Intensivbetten. (Symbolbild)

Thesen von Schrappe im Check

Corona: Hitziger Streit um Statistik zu Intensivbetten in Deutschland - „Betrug“ oder „irreführende Vorwürfe“?

  • Daniel Krenzer
    vonDaniel Krenzer
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In der Corona-Pandemie wird viel über die Belegung der Betten auf Intensivstationen gesprochen. Doch es wird Kritik laut, wie aussagekräftig die veröffentlichten Zahlen dazu sind.

Fulda - Die Zahl der freien und belegten Intensivbetten nimmt in der Corona-Pandemie eine entscheidende Rolle ein. Darüber, wie wahrscheinlich in Deutschland - und auch in Hessen - eine Überlastung der Intensivstationen ist und ob es mit den von den Krankenhäusern gemeldeten Zahlen korrekt zugeht, gibt es aktuell eine rege Diskussion – online unter „#Divigate“. Worum geht es? Ein Überblick in Form von Fragen und Antworten.

Warum sind diese Werte so wichtig?
Bei allen politischen Maßnahmen in der Pandemie geht es darum, Menschenleben zu schützen. Dabei wird vorrangig darauf geachtet, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet ist. Denn wenn dies passiert, also in den Krankenhäusern und dabei besonders auf den Intensivstationen den Patienten nicht mehr geholfen werden kann, dann kommt es zur sogenannten Triage. Das heißt, dass Ärzte dann entscheiden müssen, wem sie noch helfen – und wen sie vielleicht zum Sterben nach Hause schicken müssen. Dieses ethische Dilemma hat sich in einigen Ländern der Welt im Laufe der Pandemie ergeben, aktuell gibt es solche Berichte aus Indien. In Deutschland kam es dazu glücklicherweise bei Weitem nicht. Bei den politischen Entscheidungen wurde dabei immer die Entwicklung der Intensivbettenzahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) einbezogen.
Unsere Zeitung veröffentlicht in der Printausgabe seit geraumer Zeit Werte aus den Divi-Statistiken in unseren täglichen Fallzahlen. Dabei gibt es kurzfristige Schwankungen – zum Beispiel über das Wochenende –, aber im Laufe der Zeit sind dort zunehmend Betten aus der Gesamtsumme der verfügbaren Intensivbetten verschwunden. Unter anderem das hinterfragen derzeit Autoren eines umstrittenen Thesenpapiers um den Mediziner und Gesundheitsökonom Matthias Schrappe. Dieser war von 2005 bis 2011 Mitglied im von der Bundesregierung einberufenen Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. (Bleiben Sie mit dem Corona-News-Ticker für Fulda auf dem Laufenden.)

Corona: Warum verschwinden Intensivbetten aus der Statistik? „Ein Schlag ins Gesicht“

Warum sinkt die Zahl der Betten?
Ein Kernpunkt, auf den die Gruppe um Schrappe sich in ihrem Thesenpapier stützt, ist die im Verlauf der Pandemie in Deutschland deutlich gesunkene Zahl an Intensivbetten. „Schwerwiegende Zweifel an der Datengrundlage“ der Divi-Zahlen haben die Autoren vor allem, weil 3000 Intensivbetten schlichtweg verschwunden seien. Da offenbar rückwirkend Korrekturen vorgenommen worden seien, wittert Schrappe im Interview mit der „Welt“ gar Betrug. Dem entgegnen die zuständigen Verbände, im Verlauf der Pandemie seien die Betten der Kinderintensivstationen aus der Gesamtzahl herausgerechnet worden. „Diese spielen für die Versorgung von Covid-19-Patienten keine Rolle“, heißt es in einer Mitteilung. Auf die Veränderung sei „in sämtlichen Statistiken aber auch explizit hingewiesen“ worden. Dies wiederum hat das Team um Schrappe aber offenbar entweder übersehen oder ignoriert.
Zudem zweifeln die Autoren des Thesenpapiers an, dass eine sinkende Zahl des verfügbaren Personals Grund für ein weiteres Abfallen der Intensivbettenzahl verantwortlich sein kann. Intensivbetten dürfen seit einiger Zeit nur noch als verfügbar ausgewiesen werden, wenn auch ausreichend Personal zur Verfügung steht. Ihre Zweifel ziehen Schrappe und Co. aus aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. „In der Zahl der 18.500 neuen Klinik-Pflegekräfte sind Rettungssanitäter und Hebammen eingeschlossen“, teilte Divi dazu dem ZDF mit. Für Intensivstationen kämen ausschließlich examinierte Pflegekräfte in Frage – mit einer dreijährigen Zusatzweiterbildung.
Eine Umfrage bei den Kliniken in der Region ergab, dass die Zahl der verfügbaren Intensivbetten in Osthessen in der Pandemie weitgehend konstant blieb – oder wie im Fall des Fuldaer Herz-Jesu-Krankenhauses und den Main-Kinzig-Kliniken sogar leicht gestiegen ist.

Corona: Zahl der Intensivbetten bleibt in Osthessen weitgehend konstant

Welche Rolle spielt Corona auf Intensiv?
Schrappe stellt fest, dass die Sorge vor einer Triage in Deutschland gänzlich unbegründet gewesen sei. Seinen Untersuchungen nach sei in Deutschland der Anteil der Corona-Patienten, die auf Intensivstationen behandelt wurden, deutlich höher als in anderen Ländern. „Es gab in den Krankenhäusern offensichtlich die Tendenz, Patienten ohne Not auf die Intensivstation zu verlegen“, sagte er der „Welt“. Trotzdem habe der Anteil der Corona-Intensivpatienten an allen Intensivpatienten in der Spitze nie mehr als 25 Prozent betragen. Eine Triage hat in Deutschland also bei Weitem nie gedroht, will die Autorengruppe damit zeigen.
Im Jahresdurchschnitt 2020 waren es bundesweit laut Gesundheitsministerium sogar nur vier Prozent – dabei sind aber die ersten, coronafreien Monate sowie die Sommermonate beinhaltet. Während manche Krankenhäuser kaum Corona-Patienten behandelten, sind es in Schwerpunktkliniken sowie in Regionen mit vielen Fällen deutlich mehr. So gibt das Klinikum Fulda einen durchschnittlichen Anteil von 30 Prozent an.
Kritiker des Thesenpapiers weisen darauf hin, dass in den unterschiedlichen Ländern die dabei verglichenen Werte auf teils völlig unterschiedliche Arten erhoben werden – und somit nicht nebeneinander gestellt werden können. Zudem habe die Gruppe um Schrappe fragwürdige Hochrechnungen vorgenommen, die das Ergebnis verfälschen würden. Auf Twitter nennen viele Mitarbeiter des Gesundheitswesens die „Verharmlosung“ der Situation auf den Intensivstationen „einen Schlag ins Gesicht“.

Hinter den Vorwürfen steckt eine Taktik. Die vermeintlichen Experten stellen Behauptungen in den Raum und garnieren sie mit Adjektiven wie ,anrüchig’, ohne die Fakten einzuordnen.

Gerald Gaß, Präsident der Deutsche Krankenhausgesellschaft
Geht es den Kliniken vor allem um Profit?
Schrappe wirft den Krankenhäusern zumindest indirekt vor, Corona-Patienten bewusst und ohne medizinische Notwendigkeit auf die Intensivstationen verlegt zu haben, weil es dafür eine höhere Fallpauschale gäbe. Zudem stellt er fest, dass die Bundesmittel für die Schaffung einer Notfallreserve abgegriffen worden seien, ohne dass die zusätzlichen Betten jemals zum Einsatz gekommen wären. Für den Profit sei mit der Angst der Menschen gespielt worden, kann man die Kritik im Thesenpapier deuten.
„Die Betten sind aufgebaut worden, die Infrastruktur ist aufgerüstet worden, und das Personal wurde in Bereitschaft gehalten. Dafür wurde das Geld genutzt“, sagte hingegen Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Divi, Marburger Bund und Deutsche Krankenhausgesellschaft äußerten sich zudem gemeinsam: „Wir weisen die irreführenden Vorwürfe vom Spiel mit der Angst, der Manipulationen offizieller Statistiken und sogar die Unterstellung, rein aus finanziellem Interesse Patienten intensivmedizinisch zu behandeln, aufs Schärfste zurück.“ Auch das Klinikum Fulda schloss sich dem gestern auf Nachfrage uneingeschränkt an. „Es ging den Krankenhäusern nie um Panik oder Angstmache, sondern immer um Vorsicht“, betonte eine Sprecherin.

Video: Positive Bilanz - Corona-Notbremse rettet laut Intensivmedizinern Tausende Leben

Wurde statistisch sauber gearbeitet?
Das Thesenpapier von Schrappe und den weiteren Autoren wird in Fachkreisen aufgrund vermeintlicher fachlicher Mängel scharf kritisiert. „Ich teile diese Kritik“, stellte die Münchner Diplom-Statistikerin Katharina Schüller am Dienstag, 18. Mai, im Gespräch mit unserer Zeitung fest. „Da sind eine ganze Reihe Fehlinterpretationen und nachweisbare Fehler enthalten“, stellt Schüller mit Blick auf das Thesenpapier fest. Hochrechnungen, die Schrappe als „zulässig“ bezeichnet, nennt Schüller hingegen „fragwürdig“.
Generell seien wissenschaftliche Arbeiten mit Vorsicht zu genießen, bei denen offensichtlich nicht die neutral aufbereiteten Daten, sondern eine politische Botschaft im Vordergrund stehen. „Natürlich darf ich als Wissenschaftler auch meine Meinung sagen. Aber ich darf das nicht mit korrektem wissenschaftlichem Arbeiten vermischen“, sagt Schüller.
Dem Bundesgesundheitsministerium liegen nach eigener Aussage hinsichtlich der Intensivbetten-Zahlen keine Anhaltspunkte für eine nachträgliche Manipulation vor. „Es ist auch nicht erkennbar, welche Anreize für derartige Manipulationen bestanden haben sollten“, teilte ein Sprecher mit. Die Thesen Schrappes seien „zum großen Teil nicht durch Fakten unterlegt, sondern basieren auf Annahmen und Unterstellungen“, hieß es laut „Welt“ vom Ministerium*, berichtet auch merkur.de. *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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