Der Angeklagte (rechts) gab vor Gericht an, das Opfer habe ihn vor der Messerattacke geschlagen und bedrängt.
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Der Angeklagte (rechts) gab vor Gericht an, das Opfer habe ihn vor der Messerattacke geschlagen und bedrängt.

Widersprüchliche Aussagen

Prozess um Dolch-Attacke in Fulda - Angeklagter: „Das Messer ist wie durch Butter gegangen“

  • Marcus Lotz
    vonMarcus Lotz
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Notwehr oder gezielter Angriff? Im Prozess um einen 18-Jährigen, der sich derzeit wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Fulda verantworten muss, haben am Montag der Angeklagte und die Tatzeugen ausgesagt – und sich gegenseitig widersprochen.

Fulda - Weitgehend einig waren sich die Beteiligten über folgenden Hergang: Am 28. April dieses Jahres hatten sich drei Jugendliche – heute 18, 18 und 15 Jahre alt – zur Wohnung der damaligen Freundin des Angeklagten in Fulda begeben. Dort hielt sich zur Tatzeit auch der Angeklagte auf.

Hintergrund für das Treffen war ein Streit zwischen dem Angeklagten und einem der 18-Jährigen, der bis dahin ausschließlich über die Onlineplattform Instagram ausgetragen wurde. Der Zankapfel: ein Playstation-Controller, den sich der 18-Jährige von der damaligen Freundin des Angeklagten geliehen hatte.

Prozess um Dolch-Attacke in Fulda: Herbe Drohungen im Chatverlauf

Innerhalb kürzester Zeit schaukelte sich der Streit hoch, wie aus den Chatprotokollen hervorging, die der Vorsitzende Richter Joachim Becker verlas. Demnach schrieb der 18-Jährige dem Angeklagten unter anderem: „Ich stech’ dich ab und deine ganze Familie“, „Wenn ich dich finde, bist du tot“ und „Ich stech’ auf deinen Hals ein wie ein Wahnsinniger“. Außerdem drohte der 18-Jährige dem Angeklagten, er werde dessen schwangerer Freundin „den Kopf abschlagen“. Vom Gericht auf den Chatverlauf angesprochen, tat der 18-jährige Zeuge dies als „dummes Gelaber im Internet“ ab: „Es ging nur darum, wer die dickeren Eier hat.“

Einig waren sich alle Beteiligten auch darin, was an besagtem Abend weiter geschah: Nachdem das Trio mehrmals bei dem Pärchen geklingelt hatte, öffnete die damalige Freundin des Angeklagten schließlich die Tür und sagte ihnen, sie „sollen sich verpissen“. Wenig später kam der Angeklagte hinzu – in seiner Hand einen 17 Zentimeter langen Dolch.

Angeklagter zu Dolch-Attacke: „Das Messer ist wie durch Butter gegangen“

Ab diesem Punkt wurden dem Gericht diverse Tatversionen präsentiert. Der Angeklagte behauptete, er habe zunächst den 18-Jährigen lediglich mit dem Dolch verscheuchen, jedoch nicht verletzen wollen. Dieser sei auch zurückgewichen. Anschließend sei der Angeklagte vor dem Hauseingang jedoch von dem Geschädigten angegriffen, gegen die Wand gedrückt und geschlagen worden. „Ich habe keine Luft mehr bekommen. Ich habe den Dolch erst noch zurückgehalten, sah dann aber keine andere Möglichkeit, mich zu befreien“, schilderte der Angeklagte, der beteuerte, nicht in Tötungsabsicht gehandelt zu haben. Auch habe er nur einen von mindestens zwei Stichen überhaupt realisiert. „Man merkt gar nicht, dass man trifft. Das Messer ist wie durch Butter gegangen.“ Der Geschädigte war bei der Tat schwer verletzt worden und musste noch in derselben Nacht zweimal notoperiert werden.

Die von dem Angeklagten mittlerweile hochschwangere Ex-Freundin bestätigte vor Gericht, dass das Opfer auf den Angeklagten losgegangen sei und ihn geschlagen habe. Das Opfer habe den Angeklagten jedoch nicht gegen die Wand gedrückt.

Prozess am Landgericht Fulda: Tatzeugen tätigen widersprüchliche Aussagen

Dieser Version widersprachen der 18-Jährige und dessen 15-jährige Freundin: Der Geschädigte habe mehrfach versucht, den Angeklagten zu beruhigen und sei schließlich angegriffen worden.

Wieder eine etwas andere Version erzählte der Geschädigte selbst: Er sei zwar angegriffen worden, ohne die Attacke provoziert zu haben und habe sich nur gewehrt. Er habe jedoch mit keinem Wort beschwichtigend auf den Angeklagten eingeredet.

Dabei widersprachen die Zeugen nicht nur einander, sondern auch sich selbst. Mehrfach wichen sie von ihren Aussagen ab, die sie damals bei der Polizei getätigt hatten, sodass sowohl von der Verteidigung als auch von der Staatsanwaltschaft der Satz fiel: „Das höre ich heute zum ersten Mal.“

Auf die widersprüchlichen Äußerungen angesprochen, stellte der Polizeibeamte, der einer der Ersten am Tatort war, fest: „Ich höre so etwas jeden Tag. So ist dieses Klientel: Es sind immer die anderen schuld.“

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