Radfahrer und E-Bikes erobern zunehmend die Wanderwege und Wälder – auch in der Rhön.
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Radfahrer erobern zunehmend die Wanderwege und Wälder – auch in der Rhön.

Alte Probleme keimen auf

Konflikte auf schmalen Wegen: Immer mehr E-Bike-Fahrer in der Rhön – und das hat Folgen

  • vonMarius Scherf
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Radfahrer erobern zunehmend die Wanderwege und Wälder – auch in der Rhön. Dank Unterstützung durch Elektromotoren sind auch Touren durch bergiges Terrain für fast alle möglich. Doch die Menge der E-Biker in der Natur verstärkt alte Probleme.

Rhön - „Auf der Wasserkuppe ist der Teufel los. Das sind Karawanen wie bei der Bonifatiuswallfahrt“, sagt Joachim Schleicher, Förster aus Poppenhausen. Trotz Corona-Herbst gibt es überall in der Rhön Erholungssuchende, die mit dem E-Bike unterwegs sind.

Der Trend lässt sich auch in den Verkaufszahlen der Fahrradläden in Fulda ablesen. 60 Prozent der Räder, mit denen Kunden das Geschäft verlassen, seien inzwischen E-Bikes, schätzt man bei Fahrrad-Nau in Fulda-Horas. Bei Fahrrad Keller in Fulda geht man von einem E-Bike-Verkaufsanteil von 5:1 aus. Vor fünf Jahren seien die Zahlen noch umgekehrt gewesen, heißt es.

E-Bike-Verkauf boomt - Immer mehr Radfahrer erobern die Rhön

Tatsächlich boomt der E-Bike-Verkauf in Osthessen sowie ganz Deutschland: 1,1 Millionen wurden laut dem Zweirad-Industrie-Verband in Deutschland im ersten Halbjahr 2020 verkauft – das sind 15,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Des einen Freud, des anderen Leid: Wanderer, Waldbesitzer und Umweltschützer sind über die Entwicklung alles andere als glücklich. Seit Jahren gibt es Spannungen in Hessen wegen des zunehmenden Radverkehrs. Für die Verwaltung des Biosphärenreservats Rhön sind die gestiegenen Zahlen an E-Bikern „eine Entwicklung, die wir wachsam beobachten“, sagt Torsten Raab, Geschäftsführer des Naturparks Hessische Rhön. „Das E-Bike ermöglicht es immer mehr Menschen, die nicht so fit sind, in die Rhön zu kommen.“ Und das führt auch dazu, dass die viel frequentierten Wander- und Fahrradwege immer öfter verlassen werden.

Mountainbiker erobern den Wald und stoßen in Naturschutzgebiete vor

Besonders im Fokus stünden Mountainbiker, die durch den technischen Fortschritt seit Jahren in zunehmender Zahl immer tiefer in Naturschutzgebiete vorstoßen, in die sie eigentlich nicht dürften, erklärt Torsten Kirchner. Der Gebietsbetreuer im Naturschutzgebiet Lange Rhön ist viel draußen unterwegs und hat festgestellt, dass die E-Bike-Frequenz in der Rhön massiv zugenommen hat. Ein wachsendes Problem seien illegale, selbst angelegte Strecken, die über GPS-Koordinaten anderen Fahrern im Internet zugänglich gemacht würden, berichtet er.

Mögliche Konsequenzen für Flora und Fauna: „Tiere bekommen in ihrem natürlichen Lebensraum weniger Ruhezeit und müssen öfter vor Menschen fliehen, was die Nahrungssuche verhindert“, sagt Kirchner.

Torsten Kirchner vom Naturschutzgebiet Lange Rhön ermahnt Radfahrer - und wird beschimpft

Wenn er Radfahrer im Schutzgebiet in der Rhön antrifft und sie ermahnt, interessiere das viele nicht. „Entweder beschimpfen sie einen oder drehen sich nicht mal um“, berichtet er. Eine Idee, dem entgegenzuwirken, wäre für Kirchner, mehr offizielle und für Biker attraktive Strecken auszuweisen. Allgemein sei das Problem mit den illegalen Routen aber hierzulande noch nicht so ausgeprägt wie in anderen Radfahrhotspots, etwa im alpinen Raum.

In Hessen befassen sich Behörden, Verbände und Naturschützer am Runden Tisch „Wald und Sport“ mit dem wachsenden Problem. Viel getan hat sich bisher nicht. Das Umweltministerium habe es versäumt, ein Gutachten, wie man gegen das Anlegen von Routen über Online-Apps abseits geregelter Wege vorgehen könne, in Auftrag zu geben, kritisiert der BUND Hessen. Das Ministerium verweist hingegen darauf, dass E-Bikes bislang kein Thema gewesen seien.

Konflikt zwischen Wanderer und Bikern in der Region? „Der Wald ist für alle da“

Volker Strauch, Vorsitzender des Nabu-Kreisverbandes in Fulda, sieht das Problem vor allem in der Masse, die unterwegs ist: Mountainbiker, Quadfahrer, Wanderer und immer mehr E-Biker. Es könnte eng auf den Wegen werden. „Immer wieder gab es in Hessen von Seiten der Naturschutzverbände und Wandervereine die Forderung, dass man Wanderern und Bikern jeweils eigene Wege zuweist“, sagt Strauch. Doch da passiere zu wenig. „Wanderer wollen – bildlich gesagt – nicht unter die Räder kommen“, sagt Eric Magut vom Deutschen Wanderverband in Kassel. Die Konflikte hätten zugenommen.

Video: Fahrrad-Boom: Diesen Einfluss hatte die Corona-Krise

Geraten auch in der Region Biker und Wanderer regelmäßig aneinander? Jürgen Reinhardt vom Rhönklub winkt ab: „Von Konfrontationen mit E-Bikern kann ich nichts berichten.“ Es sei eher so, dass alle Parteien aufeinander Rücksicht nähmen. „Und genug Wege gibt es bei uns“, findet der Vorsitzende des Klubs.

Vor allem im Wald. Aber gerade hier herrscht viel Verkehr, wie David Nöllenheidt, Leiter des Forstamtes Fulda, erklärt. Den E-Bike-Trend nimmt er ebenfalls wahr, letztlich appelliert er an alle, Rücksicht walten zu lassen: „Der Wald ist für jeden da. Solange alle aufeinander Acht geben, muss das auch nicht zu einem Problem werden.“

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