Johannes Rothmund spricht im Interview über seine ersten 100 Tage als Bürgermeister von Eichenzell.
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Johannes Rothmund spricht im Interview über seine ersten 100 Tage als Bürgermeister von Eichenzell.

11 Millionen Euro zum 100. Amtstag

Johannes Rothmund über die ersten 100 Tage als Eichenzeller Bürgermeister - „Man darf nicht konfliktscheu sein“

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Mehrere Hundert Hände konnte Johannes Rothmund (45, CDU) schütteln, als er die Glückwünsche zu seiner Wahl als Eichenzeller Bürgermeister am 9. Februar 2020 entgegennahm. Bei seinem Amtsantritt im Juni war das schon anders. Die Pandemie war im vollen Gange. Und Corona bestimmte auch die ersten 100 Tage im Amt.

Eichenzell - Johannes Rothmund spricht im Interview über die ersten 100 Tage als Eichenzeller Bürgermeister.

Sie sind seit 100 Tagen Bürgermeister. 100 Tage, in denen Corona den Alltag der Menschen bestimmt...
Man wird Bürgermeister in Eichenzell und geht davon aus, dass man wirtschaftlich keine großen Probleme hat. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Aber: Kurz nach der Bürgermeisterwahl in Eichenzell sind andere Wahlen abgesagt worden. Insofern bin ich dankbar, dass das noch funktioniert hat.
Wie hoch ist das Minus durch Corona? Ist das in Eichenzell schon abzusehen?
Bei der Gewerbesteuer rechnen wir mit Einbußen von 1,25 Millionen Euro. Das kann sich noch ändern bis zum Jahresende – in die eine oder die andere Richtung. Bei der Einkommensteuer warten wir auf die Schätzung von Land und Bund. Da gehen wir im Moment von einem Minus in Höhe von etwa 600.000 Euro aus. Hinzu kommen noch kleinere Ausfälle – etwa bei der Spielapparatesteuer – in Höhe von 100.000 Euro.
Aber es wird ja eine Zahlung vom Land geben, die das kompensieren soll.
Nach vorläufigen Berechnungen werden wir 1,26 Millionen Euro bekommen. Das hilft uns in diesem Jahr, kann aber natürlich nicht für die Haushaltsplanung im nächsten Jahr zugrunde gelegt werden. Die Ausfälle bei der Gewerbesteuer werden durch diese Zahlung kompensiert, die anderen Einnahmen, die uns wegbrechen, leider nicht. im nächsten Jahr müssen wir daher erst einmal vorsichtig planen. Aber ich kann Konsolidierung, ich habe früher Insolvenzrecht gemacht.
Sie waren Rechtsanwalt. Wer verdient sein Geld leichter: der Rechtsanwalt oder der Bürgermeister?
(lacht) Der Rechtsanwalt. Die Arbeitszeit eines Bürgermeisters ist etwas umfangreicher als die eines Rechtsanwalts – ohne meinen früheren Berufskollegen zu nahe zu treten. Was ich allerdings für mich festgestellt habe: Die Tätigkeit als Bürgermeister ist extrem breit gefächert und wird niemals langweilig, während man als Rechtsanwalt, wenn man sich spezialisiert, doch relativ enge Tätigkeitsfelder hat.
Wie lange sind Ihre Arbeitstage?
Arbeiten tue ich gar nicht mehr, ich bin nur noch im Dienst (lacht). Die Tage sind schon lang. Ich versuche morgens um viertel vor acht im Büro zu sein, und abends stehen häufig Abendtermine an.
Da ist die Familie wahrscheinlich wenig begeistert.
Es gibt auch eine Familienzeit, in der die Zeit nur für die Familie reserviert ist.

Die ersten 100 Tage als Bürgermeister von Eichenzell - Johannes Rothmund spricht über Überraschungen

Eine Zeit, in der das Handy aus bleibt?
Nein, das Handy bleibt nicht aus. Es wird vielleicht mal lautlos gestellt.
Gibt es denn ein Projekt, das Sie in den ersten 100 Tagen schon beendet haben?
Ich habe eines gemerkt in diesen 100 Tagen: Und zwar, dass ich Geduld brauche. Man kann bei einem Projekt Dinge nie allein entscheiden. Man braucht immer verschiedene Akteure, die alle mitspielen müssen.
Welches Thema fordert Sie momentan am meisten?
Was ich mir nicht so schwer vorgestellt habe, sind die Gespräche mit den Eigentümern von Grundstücken. Das Thema Baulandentwicklung wird in Eichenzell eine Daueraufgabe sein.
Weil die Gemeinde im Moment auch keinerlei Grundstücke zu verkaufen hat ...
Richtig. Die Nachfrage hingegen ist hoch, sowohl nach Wohnraum, als auch nach Möglichkeiten für Gewerbetreibende oder Handwerksbetriebe, die sich bei uns ansiedeln möchten. Im Moment haben wir deutlich über 400 Personen und Firmen auf der Warteliste für das gesamte Gemeindegebiet. Da wir kein Angebot an gemeindlichen Bauplätzen haben, können wir nur vermitteln. Aber es entstehen auf der anderen Seite auch viele Wohneinheiten. Bestehende Objekte werden zum Teil von privat an privat veräußert. Das sind auch Grundstücke, wo früher Ein- oder Zweiparteienhäuser waren, dort entstehen heute Sechs- oder Achtparteienhäuser. Das ist eine Entwicklung, die dem Wohnraumbedarf nachläuft, die wir erst einmal von Grund auf befürworten. Man muss natürlich schauen, in welchen Gebieten das verträglich ist und an welcher Stelle eher nicht.
Wie viele Baulücken gibt es denn in Eichenzell?
Da kann ich keine genaue Stückzahl nennen. Im Kernort sind es drei oder vier Hektar. Es gibt in den Ortsteilen zum Teil relativ große Flächen, die ebenfalls Bauerwartungsland sind, wo sich die Gespräche aber schwierig gestalten. Um diese Gespräche nicht zu belasten, will ich da auch gar nicht näher drauf eingehen. Das Thema begegnet uns ja nicht nur bei der Entwicklung von Wohnbebauung, sondern auch im Bereich von Gewerbegebieten und auch beim Hochwasser- und Starkregenschutz.
Sie meinen, wenn es um die Frage geht, wo ein Wasserrückhaltebecken gebaut werden kann?
Zum Beispiel, ja. Wenn unser Hochwasserschutzkonzept im Oktober oder November vorliegt, dann werden sich daraus relativ zügig gewisse Empfehlungen ableiten, an welchen Stellen wir tätig sein sollten. Da ist neben der Frage nach der Finanzierbarkeit von Maßnahmen eine ganz entscheidende Frage: Sind die Flächen verfügbar?
Und wenn sie es nicht sind? Mit Enteignung können Sie ja schlecht argumentieren, oder?
Ich stoße auf viel Verständnis bei Flächeneigentümern. Mitunter gestalten sich die Gespräche aber auch dort sehr schwierig. Am Ende muss die Gemeindevertretung einen Weg vorgeben und sagen, was sie dort machen soll. Wenn es heißt: Mit Enteignung kann man nicht argumentieren, dann frage ich: Kann man abwarten und Tee trinken? Am Ende braucht eine Verwaltung, braucht auch ein Bürgermeister, einen Handlungsauftrag, wie man mit dem Thema umgeht.
Was hat Sie in Ihren ersten 100 Tagen überrascht?
Positiv überrascht hat mich, mit welchem Elan hier die Verwaltung ans Werk geht. Wir haben einen tollen Personalstamm, nicht nur in der Verwaltung, auch in unseren Kindergärten und im Abwasserverband. Wenn man aus der freien Wirtschaft in den öffentlichen Dienst wechselt, ist man nicht immer frei von Vorurteilen. Doch sie sind alle nicht berechtigt. Ansonsten hat mich nicht viel überrascht, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Mein Amtsvorgänger hat mich intensiv eingearbeitet.
Hat Ihnen Ihr Vorgänger Dieter Kolb denn schon mal über die Schulter geschaut in den ersten 100 Tagen?
Wir stehen in Kontakt. Er drängt sich aber nicht auf. Er genießt, glaube ich, seinen Ruhestand, was sein gutes Recht ist. Natürlich verfolgt er mit Interesse, was in Eichenzell passiert und was wir mit dem machen, was in seiner Zeit geschaffen worden ist.
Johannes Rothmund spricht im Interview über seine ersten 100 Tage als Bürgermeister von Eichenzell.
Eines seiner letzten Projekte als Bürgermeister war die Bewerbung als „Smart City“. Gestern bekam Eichenzell nun die Zusage, eine Förderung von 65 Prozent, also fast 11 Millionen Euro, zu erhalten. Ein schönes Geschenk zum 100. Amtstag, oder?
Das schönste, das man sich vorstellen kann. Der Dank geht aber vor allem an die Mitarbeiter und Dieter Kolb, der das Projekt eingespielt hat. Wir sind wahnsinnig stolz, dass sich der Aufwand bezahlt macht. Die Vorbereitungen für die Bewerbung liefen schon seit Mitte 2019. Jetzt dürfen wir in den nächsten sieben Jahren an die Konzeptionierung und Umsetzung gehen.
Die Konkurrenz kam zum Teil auch aus Ost-hessen. Neben Eichenzell haben sich Fulda, Burghaun, Neuhof, Bad Hersfeld und Ludwigsau als Verbund beworben. Diese Kommunen kamen nicht zum Zug. Hat Sie die Bewerbung der anderen geärgert?
Ich hätte es gut gefunden, wenn man am Ende nicht mit zwei Bewerbungen für so ein großes Projekt wie „Smart Cities“ gestanden hätte. Schlussendlich ist es der gleiche Fördertopf. Insofern bestand schon eine Konkurrenz, und es gab auch keine intensiven Gespräche, ob Eichenzell Teil des Verbunds werden möchte. Aber es wird 2021 und 2022 ja weitere Bewerbungsrunden geben. Ich biete allen Kommunen gern die Zusammenarbeit an. Es ist auch Bestandteil unseres Projektes – dass die Ansätze, die wir entwickeln, auch anderswo eingesetzt werden können. Ich glaube, dass wir gemeinsam mehr bewirken, als wenn wir gegeneinander arbeiten.
Stichwort Zusammenarbeit: Im Landkreis Fulda ist man sich ja einig, dass der Entwurf zum Landesentwicklungsplan so wie von Wirtschaftsminister Tarek Al Wazir vorgesehen, nicht kommen darf. Auch Eichenzell würde es treffen: Wenn die Kommune als verdichteter Raum eingestuft werden würde, würde sie draufzahlen müssen. Denken Sie, dass sich an den Plänen des Landes noch etwas ändern wird?
Ich gehe davon aus, dass unsere Stellungnahmen gelesen und intensiv bedacht werden. Ich bin da ganz optimistisch. Wir haben uns als Gemeinde sehr deutlich positioniert und klargemacht, welche Konsequenzen diese Regelung für die Region hier hätte. Auch haben wir einige Punkte deutlich gemacht, die im Entwurf des Landesentwicklungsplans – für uns jedenfalls – nicht ganz logisch sind. Dazu gehört zum Beispiel, dass Eichenzell als verdichteter Raum eingestuft wird, ohne die Kriterien zu erfüllen: So haben wir nur 19 Prozent unserer Fläche besiedelt und de facto keine Möglichkeit, uns weiter auszudehnen. Das passt nicht zusammen.
Bei dieser Frage sitzen die hiesigen CDU-Landtagsabgeordneten zwischen den Stühlen: Das Ministerium will den Entwurf, die ost-hessische CDU lehnt ihn ab. Auch Sie hatten sich vor zweieinhalb Jahren um einen Posten im Landtag beworben. Das Rennen machte damals aber Thomas Hering. Sind Sie vor dem Hintergrund nun froh, dass es nicht geklappt hat?
Ich glaube, die Frage stellt sich nicht. Ich genieße es schon, dass ich als Bürgermeister das vorantreiben kann, was wir hier in Eichenzell für wichtig halten. Ich glaube aber auch, dass Thomas Hering in Wiesbaden einen guten Job macht. Wenn man sich diesen Job aussucht, darf man nicht konfliktscheu sein. Das gilt als Landtagsabgeordneter ebenso wie als Bürgermeister.
Im nächsten Jahr stehen Wahlen an. Werden Sie wieder für den Kreistag kandidieren?
Am Ende entscheidet der Kreisverband der CDU, wer für den Kreistag kandidiert. Ich glaube aber, dass es gut ist, wenn auch Funktionsträger dem Kreistag angehören. Und ich denke, dass meine Erfahrung hier und da auch hilfreich ist.
Sie gehen also davon aus, dass Sie wieder kandidieren?
Wenn ich gefragt werde, bin ich zu vielem bereit.
Was wünschen Sie sich für die nächsten 100 Tage?
Ich wünsche mir, dass wir in Eichenzell weiterhin konstruktiv zusammenarbeiten und bei dem ein oder anderen Projekt vorankommen. Und natürlich hoffe ich, dass sich unsere wirtschaftliche Entwicklung stabilisiert. Das ist für Eichenzell schon extrem wichtig. Wenn wir mit den jetzigen Haushaltszahlen planen müssen, werden die nächsten Jahre schwierig. Ich bin aber guter Hoffnung, dass sich die Wirtschaft in Eichenzell relativ schnell erholt.

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