Beim Training der Fliesen-Nationalmannschaft (von links): Andreas Beyer, Marcel Beyer, Yannic Schlachter, Silas Dulle, Tim Necker und Jürgen Kullmann.
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Beim Training der Fliesen-Nationalmannschaft (von links): Andreas Beyer, Marcel Beyer, Yannic Schlachter, Silas Dulle, Tim Necker und Jürgen Kullmann.

Mentale Nervenstärke gefragt

Training in Petersberg für die EM 2021 - beim Fliesen-Nationalteam kommt es auf jeden Millimeter an

Drei Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft im Fliesenlegen trainieren in der Lehrbauhalle Fulda in Petersberg und bereiten sich auf internationale Wettbewerbe vor. Mit dabei ist Yannic Schlachter, der bei den EuroSkills in Graz im September 2021 für das deutsche Team an den Start geht.

Fulda/Petersberg - „Ich will Europameister werden“, sagt Yannic Schlachter während er die Fliesen so zuschneidet, dass sie eine geschwungene russische Flagge an einer Duschwand ergeben. „Wir trainieren zwischen acht und zehn Wochen im Jahr für internationale Turniere. Gerade verlegen wir eine alte Wettbewerbsaufgabe“, beschreibt der 21-jährige Fliesenleger aus Albbruck.

Der Baden-Württemberger hatte sich in einem internen Wettbewerb gegen Mannschaftskollege Silas Dulle aus Zetel in Niedersachsen durchgesetzt und fährt als Nummer eins der Nationalmannschaft zu den EuroSkills nach Graz. „Ich möchte unsere Erfolgsbilanz nach dem WM-Gold 2019 ganz klar fortsetzen“, sagt Schlachter beim Training in Petersberg im Landkreis Fulda.

EM 2021: Bei der Fliesen-Nationalmannschaft kommt es auf jeden Millimeter an

Zurück zur Nationalmannschaft: Für Dulle, der als Ersatzteilnehmer nominiert wurde, hat es nicht ganz gereicht, aber er nutze die Zeit und bereite sich jetzt schon für die WorldSkills 2022 in Shanghai vor. Auch Tim Necker aus Tübingen in Baden-Württemberg ist vor Ort und bereitet sich auf anstehende Wettbewerbe wie den PCI-Alpencup im kommenden Monat vor.

„Wir sehen uns aber nicht als Konkurrenten, sondern unterstützen uns gegenseitig“, sagt Dulle. Der Reiz für die drei Teamkollegen liege vor allem darin, sich mit den Besten messen zu können und seine eigenen Fähigkeiten im internationalen Vergleich zu beweisen. Indes begeistert auch Fliesenlegermeister Johannes Münkel aus Hünfeld - der 30-Jährige hat 50.000 Instagram-User.

Hintergrund: Berufseuropameisterschaften EuroSkills

Bei den Berufseuropameisterschaften EuroSkills treten junge Menschen bis maximal 25 Jahre in insgesamt 45 verschiedenen Berufen und den sieben Kategorien Haus- und Bautechnik, Fertigungstechnik, Informations- und Kommunikationstechnik, Kreative Kunst und Modetechnologie, Dienstleistungen, Transport und Logistik sowie Demonstrations- und Präsentationsberufe gegeneinander an. Die siebte EuroSkills findet im September in Graz statt. 

Doch worauf kommt es beim Wettbewerb der Fliesenleger an? „Präzision, Genauigkeit, ein großes Aufnahmevermögen und vor allem mentale Nervenstärke“, beschreibt Andreas Beyer, Vorstandsmitglied des Fachverbandes Fliesen und Naturstein (FFN) und Teamkoordinator, die Eigenschaften eines perfekten Anwärters auf den EM-Titel.

Beim Wettbewerb selbst müssen die internationalen Kontrahenten innerhalb von 18 Zeitstunden an drei Tagen anspruchsvolle Motive, Gebäude oder Logos des Gastgeberlandes zuschneiden und verlegen. „Eine besondere Herausforderung sind die Schnitte dann, wenn sie gegen Null gehen oder der Scheitelpunkt bei einer Rundung in der Fliese und nicht in der Fuge liegt“ sagt Marcel Beyer, der das Team seit 2020 trainiert.

Fingerspitzengefühl, das Beherrschen der Schnitttechniken und starke Nerven seien das Rezept zum Erfolg, so Beyer. Bei den 800 zu erreichenden Punkten gebe es für jede noch so minimale Abweichung einen Punkt Abzug, beschreibt Beyer die Herausforderung weiter – letztlich zähle jeder Millimeter, und das unter einem enormen Zeitdruck.

 „Unser Ziel ist es, die Fliese präzise an die Wand zu bringen“, ergänzt Swantje Küttner, FFN-Pressereferentin und Teamkoordinatorin, die bis heute von einer Weltmeisterin träumt – die Quote bei der Ausbildung von Fliesenlegerinnen liege noch immer bei ein bis zwei Prozent.

Video: Das Fliesen-Archiv

Für Jürgen Kullmann, stellvertretender FFN-Vorsitzender und Geschäftsführer der Oswald Fliesen und Service GmbH und Co. KG in Fulda, ist die Fliesen-Nationalmannschaft „ein wichtiger Sympathieträger“, der das Handwerk „mit viel Leidenschaft“ repräsentiere. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die FFN Träger der Nationalmannschaft.

Als die Anfrage bei Gabriele Leipold eintraf, stimmte sie dem ‚Trainingslager‘ in der Lehrbauhalle Fulda direkt zu: „Wie freuen uns, ein Handwerk zu unterstützen, das eine viel höhere Wertschätzung verdient und Chancen auf eine Karriere verspricht“, sagt Leipold und verweist darauf, dass das Angebot der Ausbildungsplätze in den handwerklichen Berufen nach wie vor größer sei als die Nachfrage. (von Jana Albrecht)

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