Der Sitz von Reifen Krieg in Neuhof-Dorborn.
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Reifen Krieg in Neuhof muss einen Großteil der Mitarbeiter entlassen.

112 Mitarbeiter betroffen

Aus für Reifen Krieg - Bürgermeister spricht von „Horrorszenario“

  • Norman Zellmer
    vonNorman Zellmer
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Die Coronakrise hat das Aus für das in Schieflage geratene Unternehmen Reifen-Krieg in Neuhof wohl besiegelt. Es fand sich kein Investor. Ein Großteil der Mitarbeiter wird entlassen. Die Gemeinde Neuhof spricht von einem Horrorszenario.

  • 112 Mitarbeiter haben die Kündigung erhalten
  • Kein Interessent trotz intensiver Gespräche
  • Corona-Krise schlägt durch

Beim insolventen Dorfborner Reifenlogistiker Reifen Krieg sind 112 Mitarbeiter freigestellt worden und haben ihre Kündigung erhalten. Das hat der Pressesprecher des Insolvenzverwalters Miguel Grosser von der Anwaltskanzlei Jaffé, Sebastian Brunner, auf Nachfrage gestern mitgeteilt. Der Frankfurter Rechtsanwalt war nach dem Insolvenzantrag Anfang Februar vom Amtsgericht Frankfurt bestellt worden, um nach Lösungen für das in wirtschaftliche Schieflage geratene Unternehmen zu suchen; im April wurde das ordentliche Insolvenzverfahren eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt waren noch positive Signale gemeldet worden, wonach man an der Fortführung arbeite.

Nach Auskunft Brunners hätten sich in den vergangenen Wochen jedoch keine Interessenten gefunden, die als Investoren bei Reifen Krieg hätten einsteigen wollten. „Es hat kein Angebot vorgelegen.“ Niemand habe Geld in die Hand nehmen wollen. Reifen-Krieg-Marketing-Leiter Christian Schild verwies in diesem Zusammenhang auf einen Bericht der Neue Reifenzeitung, wonach es ein Übernahmeangebot für die Gesellschaft von den Firmengründern Holger Krieg und Tobias Fink gegeben haben soll.

Aus des Reifenlogistikers „alternativlos“

Auch habe es Reifen Krieg laut Brunner nicht geschafft, nach dem Auslaufen des sogenannten Insolvenzgeldes nach drei Monaten aus eigener Kraft den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten oder neu zu starten. Zum Aus gebe es „keine Alternative“, so der Experte. Wegen der geltenden Kontaktbeschränkungen habe es keine Betriebsversammlung gegeben. Die Mitarbeiter seien daher kürzlich schriftlich benachrichtigt worden.

Die Coronakrise hat laut Brunner zu dem endgültigen Aus des Reifengroßhändlers beigetragen oder eine Lösung zumindest erschwert. In Zeiten, in denen selbst gesunde Unternehmen wie beispielsweise Lufthansa Hilfsgelder beantragen, und zahllose Firmen ihre Produktion herunterfahren oder Lieferketten reißen, seien die Perspektiven für Firmen wie Reifen Krieg schwierig. „In solchen Zeiten werden die Fragezeichen einfach größer“, sagte er umschreibend. Corona und dessen Auswirkungen hätten es schlicht erschwert, einen regulären Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten.

Unternehmen geriet Anfang des Jahres in Schieflage

Nach dem Aus soll nun die Abwicklung der Firma eingeleitet werden, kündigt der Pressemann an. Ein Team von 30 Mitarbeitern würde in den kommenden Wochen und Monaten die Schritte dazu einleiten. Ob die Firma komplett schließen wird oder im Kleinen neu beginnt, ist offen.

Reifen Krieg, das 2007 in Eichenzell gegründet worden war und 2009 nach Dorfborn zog, war Anfang des Jahres in Schieflage geraten. Man sei im Zuge von „größeren Transaktionen in die Tiefe gerissen worden“, hieß es einst. Hintergrund der Insolvenz sind offenbar Verwerfungen bei der zur US-Beteiligungsgesellschaft Bain Capital gehörenden Fintyre Group, dessen Teil Reifen Krieg seit 2018 ist, wie mehrere Wirtschaftsmedien berichteten. Bis dato galt Reifen Krieg wirtschaftlich als gesund. Mehr als ein Dutzend deutscher Tochterfirmen meldeten nahezu zeitgleich mit Reifen Krieg im Februar Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung an. Ein ähnliches Schicksal wie die Dorfborner erleidet derzeit der Reifengroßhändler RS exclusiv aus Schleswig-Holstein.

Neuhofs Bürgermeister Heiko Stolz (CDU) zeigte sich gestern betroffen und drückte den Mitarbeitern sein Mitgefühl aus. Man wolle schauen, ob und wie man helfen könne. Gerade in der jetzigen wirtschaftlich angespannten Situation wegen Corona sei dies ein „Horroszenario“ und eine „Vollkatastrophe“. Reifen Krieg sei eines der größten Unternehmen der Gemeinde und sei einst ein Vorzeige-Start-up gewesen.

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