Mitglieder des internationalen Auschwitz Komitees kleben zur symbolischen Umbenennung den Schriftzug „Walter-Lübcke-Straße“ auf ein Straßenschild der Sigismundstraße.
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In seiner nordhessischen Heimat ist Walter Lübcke längst mehr als ein Mordopfer.

Dienstag Prozessbeginn

„Hass und Ausgrenzung waren ihm fremd“ – ermordeter Walter Lübcke ist zum Symbol geworden

Vor einem Jahr wird Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet. Die Tat löst bundesweit Trauer und Bestürzung aus. Während in Frankfurt nun ab Dienstag der mutmaßliche Mörder vor Gericht steht, ist Lübcke in seiner nordhessischen Heimat längst mehr als ein Mordopfer.

  • In der Nacht zum 2. Juni 2019 wurde Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder.
  • Das Verbrechen bewegte ganz Nordhessen. Die Bürger erwarten jetzt eine lückenlose Aufklärung durch das Gericht.
  • Ehefrau und die Söhne Lübckes treten als Nebenkläger im Prozess auf. Sie wollen allen Mut machen, sich auch politisch zu engagieren.

Von Göran Gehlen, dpa

Kassel/Wolfhagen - Nur wenige Politiker waren in Nordhessen so präsent wie Walter Lübcke. Egal ob in Festzelten gefeiert oder in Bürgerhäusern gestritten wurde – der CDU-Politiker war meist mittendrin. Vor einem Jahr starb der 65-Jährige plötzlich – ermordet, kurz vor dem Ruhestand.

In Erinnerung bleibt er in Nordhessen aber nicht nur als volksnaher Politiker, sondern auch als Kämpfer für Demokratie. „Er ist für mich ein Symbol für den demokratischen Austausch, für Menschenrechte, Wertschätzung und Respekt“, sagt Reinhard Schaake (parteilos), Bürgermeister in Lübckes Wohnort Wolfhagen im Landkreis Kassel.

Per Kopfschuss getötet

Seit 1992 kannte Schaake den CDU-Politiker als Stadtverordneten, als Landtagsabgeordneten und später als Regierungspräsidenten. Man sei nicht immer einer Meinung gewesen, aber am Ende hätten stets ein gutes Ergebnis und vertrauensvolle Zusammenarbeit gestanden.

Lübcke war in der Nacht zum 2. Juni 2019 auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha mit einem Kopfschuss getötet worden. Auslöser der Tat sollen Äußerungen Lübckes zur Aufnahme von Flüchtlingen gewesen sein. Er hatte bei einer Bürgerversammlung die Einrichtung einer Erstaufnahme verteidigt.

„Ein Anschlag auf uns alle“

Die Ermittler gehen von einer rechtsextremistischen Motivation des Schützen aus. Der 46-jährige Stephan E. und ein mutmaßlicher Unterstützer stehen ab Dienstag (16. Juni) vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wegen Mordes und Beihilfe zum Mord.

In den Wochen nach Lübckes Tod bewegte das Verbrechen ganz Nordhessen. Zehntausende gingen auf die Straßen. Es gab Mahnwachen und Demonstrationen. Der Höhepunkt war Ende Juli erreicht, als sich 8000 dem Aufzug einer rechtsextremen Kleinstpartei in Kassel entgegenstellten. Dabei hielten sich einige Demonstranten Porträts des erschossenen Lübcke vor das Gesicht. Die Botschaft: „Der Anschlag auf Lübcke, war ein Anschlag auf uns alle.“

Bürger erwarten lückenlose Aufklärung

„Viele Menschen in der Region sind nach wie vor tief entsetzt und traurig“, sagt Michael Rudolph, Bezirksvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds Hessen-Thüringen. Er lebt in Kassel. Auch Wut und Entschlossenheit spielten mit. „Viele engagierte Bürgerinnen und Bürger haben sich seit Jahren und Jahrzehnten gegen Rechtsextremismus eingesetzt.“

Sie erwarteten jetzt eine lückenlose Aufklärung durch das Gericht, aber auch durch den Untersuchungsausschuss im Landtag. „Hierbei müssen neben der persönlichen Verantwortung der Angeklagten auch mögliche Verstrickungen in das Terrornetzwerk des NSU und zum Mord an Halit Yozgat geklärt werden“, erklärt Rudolph.

Ferner sei zu untersuchen, warum bereits bekannte Personen wie Stephan E. wieder aus dem Fokus des Landesamtes für Verfassungsschutz geraten konnten. Die Familie des Ermordeten pflegt das Vermächtnis: „Hass und Ausgrenzung waren ihm fremd – und in diesem Geist wollen auch wir dafür eintreten, dass Hass und Gewalt keinen Platz in unserer Gesellschaft haben sollen“, erklärten die Ehefrau und Söhne Lübckes. 

Familie tritt als Nebenkläger auf

Sie treten als Nebenkläger im Prozess auf. Die Familie will allen Mut machen, sich für die freiheitliche Gesellschaft einzusetzen und sich auch politisch zu engagieren. „Wir alle, die wir für unsere freiheitliche Demokratie eintreten, dürfen nicht verstummen, sondern müssen klar Position beziehen.“

Projekte, die in Nordhessen künftig an den CDU-Politiker erinnern werden, gibt es reichlich: In Kassel wird die Benennung einer Brücke nach Lübcke erwogen, in Wolfhagen will sich eine Schule nach ihm benennen. Das Regierungspräsidium plant einen Walter-Lübcke-Saal und ein Kunstwerk.

Was in den vergangenen Monaten fehlte, war ein öffentliches Erinnern, das von der breiten Bevölkerung getragen wird. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Beschränkungen des Lebens machten dies schlicht unmöglich.

Mehrere Gedenkveranstaltungen zum Todestag

Zwar bemühten sich das lokale „Bündnis gegen Rechts“ und die von Unternehmen getragene Initiative „Offen für Vielfalt“, an den Ermordeten zu erinnern. So gab es kleine Gedenkgottesdienste und am Regierungspräsidium wurde ein Banner mit dem Schriftzug „Demokratische Werte sind unsterblich“ aufgehängt. Doch im Vergleich zu vergangenem Jahr war es ruhig.

Doch auch ohne große Veranstaltungen sei das Gedenken an Lübcke sehr intensiv gewesen, sagt Reinhard Schaake. Er besuchte anlässlich des Todestags mehrere kleinere Gedenkveranstaltungen in Kassel und Wolfhagen. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder werde in der Region sehr aufmerksam verfolgt werden.

Schaake wünscht sich, dass dort die Wahrheit mit den Hintergründen vollständig ans Licht kommt und seine Familie, aber auch die Menschen aus Istha, Wolfhagen und der Region den Schmerz überwinden können: „Mögen die Menschen, die sich zur eigenmächtigen Gewaltanwendung gedrängt fühlen, umdenken und erkennen, dass die Grund- und Lebensrechte jedes einzelnen Menschen als elementare Grundlage für ein friedliches Miteinander von allen zu respektieren sind.“

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