Fotos: Lisa Krause, Felix Weigl, Deutsche Familienstiftung

Familienschule will mit Schauspielerin Kristin Weigl Freude am Vorlesen wecken

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Vorlesen stärkt nicht nur die Sprachentwicklung eines Kindes. Es stärkt auch die Bindung in der Familie. Davon ist Dr. Ludwig Spätling (70) von der Deutschen Familienstiftung überzeugt. Mit einem Abend rund um das Vorlesen möchte er Erwachsene und Kinder wieder für Bücher begeistern. An Bord geholt hat er dafür die Schauspielerin Kristin Weigl.

Von unserem Redaktionsmitglied Lisa Krause

Frau Weigl, wie kam es dazu, dass Sie das Projekt quasi als „Lesepatin“ begleiten werden?

Kristin Weigl: Ich habe tatsächlich im Vorhinein durch die Medien erfahren, dass immer weniger Kindern zuhause vorgelesen wird. Und als Herr Dr. Spätling dann auf mich zugekommen ist, war das für mich schon fast wie ein Wink des Schicksals. Es ist toll, dass ich die Möglichkeit bekomme, Eltern sowie Kindern mit auf den Weg geben zu dürfen, wie wichtig Bücher sind. Die Lust am Lesen und Vorlesen muss unbedingt angeregt werden. Eltern müssen wieder verstärkt vorlesen.

Welchen Stellenwert hatte das Vorlesen denn in ihrer Kindheit?

Kristin Weigl: Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine Eltern mir tatsächlich jeden Abend vorgelesen haben. Es war ein richtiges Ritual – jeden Abend vor dem Schlafengehen. Wenn ich daran zurückdenke, erfüllt mich das noch immer mit Wärme. Und ich bin mir sicher, dass mir das auf meinem weiteren Weg unglaublich geholfen hat. Schon im Grundschulalter habe ich selbst Geschichten geschrieben oder bei Vorlese-Wettbewerben mitgemacht. Ich war damals ein riesiger Star-Wars-Fan und so stolz, als ich aus einem neuen Paperback vorlesen durfte (lacht). Das sind Momente, die vergisst man nicht mehr.

Und welche Geschichten durften bei Ihnen damals auf keinen Fall fehlen?

Kristin Weigl: Als ich noch sehr klein war, hatte ich einen Band mit verschiedenen Geschichten, an den Titel kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Es waren aber lauter Gute-Nacht-Geschichten. Ich bin momentan sogar auf der Suche nach diesem Buch, aber das gestaltet sich schwieriger als gedacht (lacht). Ich habe aber auch früh damit angefangen, etwa die Geschichten von Oz zu lesen. Unser damaliger Bücherschrank gab da einiges her. Das war wirklich eine sehr sehr schöne Zeit.

Das Vorlesen und Lesen war sicherlich auch förderlich für ihren Beruf als Schauspielerin.

Kristin Weigl: Ja, auf jeden Fall. Denn das Vorlesen stärkt das Selbstbewusstsein. Und vor allem weckt es den Mut zum kreativen Denken. Alles Dinge, die ganz wichtig sind für die Entwicklung eines Kindes. Deshalb bin ich wirklich entsetzt darüber, dass die allgemeine Lust am Vorlesen immer weiter zurückgeht. Umso wichtiger sind daher Lese-Projekte wie das der Deutschen Familienstiftung. Ich glaube, wir können tatsächlich etwas bewirken.

Ein weiterer Fakt der Studien ist auch, dass Eltern selbst immer weniger lesen. Können Sie das bestätigen?

Ludwig Spätling: Ja, das sehe ich auch so. Viele junge Leute sind es gar nicht mehr gewohnt, einen längeren Text zu lesen, sei es in einem Buch oder in einer Tageszeitung. Ein wenig merke ich das sogar bei mir selbst: Morgens beim Frühstücken lese ich erst einmal nur die Schlagzeilen und erst im Laufe des Tages wird dann intensiv gelesen. Die jungen Leute hingegen machen das nicht mehr. Da bleibt es meist bei der Schlagzeile. Aber: Wir haben die Möglichkeit, genau das zu ändern. Die Studien zeigen uns schließlich, wie negativ sich das Nichtlesen auf Kinder auswirken kann. Daraus müssen wir Lehren ziehen und handeln.

Was genau können Eltern tun, um das Vorlesen besser in ihrem Alltag zu integrieren?

Ludwig Spätling: Es ist wichtig, sich erst einmal damit auseinander zu setzen und dann neue Regeln aufzustellen. Zudem spielen auch die technischen Möglichkeiten eine Rolle: Inwiefern binde ich das Digitale als Wissensvermittlung ein? Denn das ist keineswegs etwas Schlechtes. Im Gegenteil. Wir müssen nur lernen, richtig damit umzugehen.

Was bewirkt das Lesen?

Ludwig Spätling: Ich sehe neben den positiven Effekten auf die geistige sowie sprachliche Entwicklung noch etwas ganz Anderes und gleichzeitig enorm Wichtiges: Und zwar werden – durch das Ritual des Vorlesens – die Eltern gestärkt. Das ist auch ein wesentliches Ziel der Deutschen Familienstiftung. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn Mutter und Vater gestärkt und selbstbewusst sind und auch so handeln, überträgt sich das automatisch auf das Kind.

Inwiefern spielt hier das Vorlesen eine Rolle?

Ludwig Spätling: Ganz einfach: Vorlesen erzeugt Bindung. Zwar ist bei den ganz Kleinen der Inhalt noch gänzlich unwichtig, doch die Stimme sowie die geistige und körperliche Nähe schaffen eine enge Vertrautheit zwischen Eltern und Kind. Dieser Effekt sollte nicht unterschätzt werden.

Und wie sieht es mit dem Lerneffekt aus?

Ludwig Spätling: Dieser ist sehr hoch. Es ist nachweislich bewiesen, dass der IQ eines Kindes, welches regelmäßig mit Büchern und dem Vorlesen in Kontakt kommt, höher ist als bei Kindern, bei denen das weniger oder gar nicht der Fall ist. Nicht nur wird der Wortschatz wie von selbst vergrößert, auch Regeln der deutschen Sprache oder Zusammenhänge über Bilder werden nebenbei vermittelt und verankern sich als erstes Wissen im kindlichen Gedächtnis.

Wie intensiv sollte das Vorlesen im Alltag integriert werden?

Ludwig Spätling: Es reichen bereits täglich etwa 15 Minuten aus. Und diese Zeit kann wunderbar in das gesamte Abendritual eingebaut werden. Das ist auch kein Zeitverlust. Im Gegenteil. Es ist einfach schön, zu sehen, wie Kinder das Gehörte aufnehmen, nachfragen, sich dadurch entwickeln.

Kristin Weigl: Richtig. Eltern sollten sich immer wieder die positiven Effekte ins Gedächtnis rufen: Das Selbstbewusstsein und die Emotionsfähigkeiten werden gestärkt. Und das passiert ganz nebenbei. Zudem erleben Kinder Geschichten, in denen Helden und Antihelden vorkommen. Sie lernen, sich in andere Charaktere hineinzuversetzen. Sie lernen, Verhalten einzuordnen. Ein ganz wichtiger Punkt, um sich später mal in unserer Gesellschaft eingliedern zu können. Darüber hinaus finden Kinder in den Geschichten häufig ihre Vorbilder. Man sieht, es steckt so viel mehr dahinter.

Wie können Eltern ihr Kind für das Vorlesen begeistern?

Kristin Weigl: Es ist wichtig, einen geborgenen Rahmen für das Kind zu schaffen. Es geht nicht darum, 15 Minuten zu lesen, die Geschichte ‚durchzunehmen‘, um daraus schließlich etwas zu lernen. Man sitzt ja schließlich nicht im Klassenzimmer. Und schon beim Aussuchen von Büchern ist es wichtig, Titel zu wählen, die Eltern selbst mögen. Denn ob sie Spaß an dem Thema haben, merkt das Kind sofort. Begeisterung für etwas steckt an.

Gibt es Tricks, die Spannung zu erhöhen?

Kristin Weigl: Man sollte keine Scheu davor haben, die Stimme zu verstellen. Natürlich braucht es dafür etwas Fantasie, aber meist kommt diese ganz von allein. Überlegen Sie einfach mal, wie sich ein Stift anhören würde, wenn er sprechen könnte. Auch Fragen sind erlaubt. Man kann ruhig mal erstaunt fragen: Was ist denn da passiert? Wie würdest du denn in solch einer Situation reagieren? Man kann auch das Kapitel abschließen mit einer Frage wie: Mal sehen, was die Prinzessin morgen macht? Bevor man am nächsten Tag weiterliest, kann man das Kind fragen: Was war noch mal passiert?

Was, wenn das Kind zum gefühlt 200. Mal seine Lieblingsgeschichte vorgelesen bekommen möchte?

Kristin Weigl: Dann ist das auch in Ordnung. Ich sehe daran nichts Negatives. Und man kann die Geschichte ja auch mal etwas abwandeln, neue Charaktere dazu erfinden oder Situationen anders enden lassen.

Die Familien dürfen sich am 5. Februar auf einen spannenden Vorleseabend freuen. Was sollen Eltern daraus mitnehmen?

Kristin Weigl: Ich wünsche mir, dass Eltern sich anschließend bewusster Zeit nehmen und diese zusammen mit ihrem Kind einfach genießen – ganz egal, wie man sie gestaltet. Da ist man ja vollkommen frei.

Ludwig Spätling: Und wir möchten auch Mut geben. Eltern können das. Sie brauchen keine Angst davor haben, schlecht oder langweilig zu lesen. Einfach mal machen. Ein bisschen Theater spielen. Sich selbst mal auf die Schippe nehmen. Das stärkt einen selbst auch ungemein – und macht einfach Spaß.

Hintergrund – über die Veranstaltung

Die Familienschule in Fulda lädt für Mittwoch, 5. Februar, 18.30 bis etwa 20.30 Uhr zu einem Vorleseabend für Familien, Eltern, Großeltern und Interessierte ein. Schauspielerin Kristin Weigl wird an diesem Abend Passagen aus verschiedenen Büchern für Kinder vorlesen.

Der Spaß steht dabei im Vordergrund. Eltern können sich darüber hinaus wertvolle Tipps in Sachen Vorlesen holen. Hinterher besteht auch die Möglichkeit, sich mit Kristin Weigl sowie Dr. Ludwig Spätling auszutauschen. Wer Interesse hat, kann sich telefonisch anmelden unter (0661) 9338872 oder per E-Mail an info@familienschule.de

Der Eintritt ist kostenfrei, für eine Spende sind die Veranstalter dankbar.

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