Die fastenwilligen Menschen in Deutschland wollen in diesem Jahr am ehesten auf Alkohol verzichten.
+
Die fastenwilligen Menschen in Deutschland wollen in diesem Jahr am ehesten auf Alkohol verzichten.

Fastenzeit ab Mittwoch

Fasten in der Corona-Zeit: Darauf verzichten die Deutschen am ehesten - Aktionen in der Region Fulda

Sich einzuschränken, kann weit machen, versprechen die Kirchen. Von Aschermittwoch bis Ostern laden sie dazu ein, diese Zeit bewusster zu erleben - und den Blick auf mehr Klimaschutz oder auf die Paarbeziehung zu richten.

Fulda - „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, singen die Narren mit Wehmut. Dabei geht diesmal coronabedingt kaum etwas an närrischer Ausgelassenheit. Und dann ab Aschermittwoch in einer Zeit der Einschränkungen und Entbehrungen auch noch freiwillig verzichten, etwa auf Alkohol, Fleisch oder Süßigkeiten? Die Corona-Situation lasse sich als Aufforderung verstehen, auch die Fastenzeit neu in den Blick zu nehmen, antworten Geistliche der beiden großen christlichen Kirchen im Rhein-Main-Gebiet. Besondere Aktionen für diese 53 Tage vor Ostern richten den Blick auf den persönlichen Umgang mit dem Klimaschutz oder die Paarbeziehung.

Fasten in der Corona-Zeit: Darauf verzichten die Deutschen am ehesten

Die gerade auch seelisch belastende Situation in der Zeit der Corona-Pandemie könne „eine besondere Herausforderung sein, sich der Gottesfrage zu stellen und die eigenen Ängste und Sorgen Gott anzuvertrauen“, sagt der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Der evangelische Dekan Andreas Klodt sieht Fasten ganz ähnlich als „freiwilligen Verzicht darauf, über alles verfügen zu wollen“. Die Pandemie führe allen Menschen vor Augen, dass sie nicht alles bestimmen könnten: „Ich habe nicht alles in der Hand, kann nicht alles kontrollieren.“ Von dieser Einsicht aus ist es nur ein kurzer Schritt zur theologischen Aussage: „Der Mensch ist geschaffen von Gott. Und Gott ist und bleibt unverfügbar.“ Die Pandemie zeige Grenzen auf, sagt Klodt. Und „Fasten willigt in diese Grenzerfahrung ein.“

Was vielleicht für manche Ohren etwas abgehoben klingt, übersetzen konkrete Aktionen ins Alltagsleben. Zwar ist die Aktion „Autofasten“ in den Bistümern Trier und Mainz sowie in den evangelischen Kirchen im Rheinland und in Hessen-Nassau nach 22 Jahren eingestellt - „aufgrund der finanziellen Unwägbarkeiten, die die Corona-Krise für die Träger der Aktion zeitigt“. Dafür gibt es aber noch den Aufruf zum „Klimafasten“.

Fasten und Aschermittwoch in der Region Fulda

Evangelische Gläubige können in der Fastenzeit Impulse aus der Christuskirche erhalten. „Bis zum Osterfest gibt es eine Nachricht aufs Handy - ein Bild, ein Gedicht, ein Bibelwort, eine Frage - kurzum eine Anregung für einen Moment zum Innehalten mitten im Alltag“, erklärt Pfarrerin Jana Koch-Zeißig. Interessierte sollten vor allem Neugierde und jeden Tag ein wenig Zeit investieren, heißt es. Zur Anmeldung reiche eine kurze Nachricht per WhatsApp an die Pfarrerin: 0157 50485167. „Die Telefonnummer wird für die Dauer der Fastenzeit anonym gespeichert und danach wieder gelöscht.“

Am Aschermittwoch, 17. Februar, wird Besuchern von katholischen Gottesdiensten nach alter Tradition als äußeres Zeichen der Bußgesinnung das Aschenkreuz aufgelegt.

Die Austeilung der Asche erfolgt in Zeiten der Corona-Pandemie anders als gewohnt, erklärt das Bistum Fulda. Nachdem der Priester das Segensgebet über die Asche gesprochen und sie ohne weitere Begleitworte mit Weihwasser besprengt hat, spricht er einmal für alle Anwesenden: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ oder „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst“.

Dann reinigt der Priester seine Hände. Gläubige, die das Aschekreuz erhalten möchten, können nach vorne treten. Pfarrer und Gemeinde tragen dabei eine Maske. Das Kreuz wird den Gläubigen dann ohne Berührung aufgelegt: „Dazu nimmt der Priester die Asche und lässt sie auf das Haupt fallen, ohne etwas zu sagen.“

Fasten in der Corona-Zeit: „Wollen wir so weitermachen wie vor der Pandemie?“

„Auf den ersten Blick scheint es keinen Sinn zu machen, bei den schon über ein Jahr andauernden Einschränkungen durch Corona auch noch zu einem Klimafasten einzuladen“, räumt Pfarrer Hubert Meisinger vom Mainzer Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ein. Doch bei der Aktion gehe es nicht darum, weitere Erfahrungen von Einschränkungen zu machen. Vielmehr werde eine entscheidende Frage zur Umkehr gestellt: „Wollen wir so weitermachen wie vor der Pandemie?“

Die fastenwilligen Menschen in Deutschland wollen in diesem Jahr am ehesten auf Alkohol verzichten.

Die Initiatoren sprechen von einer „Ethik des Genug“ und haben für jede Fastenwoche Schwerpunkte entwickelt. Los geht es mit dem eigenen Wasserverbrauch. Dann geht es um sparsames Heizen, vegetarische Ernährung oder einen bewussteren Umgang mit digitalen Räumen.

„Sowohl das Fasten als auch die Einschränkungen aufgrund der Pandemie geschehen mit Blick auf die Mitmenschen“, sagt Bischof Kohlgraf der Deutschen Presse-Agentur. Religiös motiviertes Fasten sei kein Selbstzweck, sondern wolle sensibel für das Leid von Mitmenschen machen. „Auch die verordneten Einschränkungen haben ihren Grund in der Rücksichtnahme gegenüber anderen Menschen.“ Ein Unterschied zwischen Fasten und den Corona-Einschränkungen sei aber, dass der eine Verzicht freiwillig, der andere staatlich verordnet sei. Aber wie die Pandemie blicke auch die Passionszeit mit der Kreuzigung Jesu Christi auf Leiden und Tod. Die Erwartung von Ostern und Auferstehung „kann Hoffnung geben, auch in einer dunklen Zeit wie dieser“.

Video: Warum fasten wir? Ein Erklärvideo

Die katholische Arbeitsgemeinschaft für Familienbildung lädt zur Fastenzeit zu „7 Wochen neue Sicht“ ein, den Ehepartner oder die Freundin mit neuen Augen anzuschauen. Die Initiatoren verschicken dazu Postkarten in den Briefkasten, in die E-Mail-Box oder aufs Handy, die nichts weniger versprechen, als dass die Empfänger „genussvolle Momente der Nähe erleben und gemeinsam neue Ideen ausprobieren“. Das Angebot richte sich an alle Paare, wird betont.

Die schon seit 1983 bestehende evangelische Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ steht diesmal unter dem Motto „Sieben Wochen Ohne Blockade“. Der Eröffnungsgottesdienst kommt am 21. Februar aus der Johanneskirche in Erbach im Rheingau. Zur diesjährigen Aktion sagt die Frankfurter Theologin Kathrin Althans: „Der Verzicht macht Appetit – auf das Leben.“ (dpa, lea)

Das könnte Sie auch interessieren