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Christoph A. Brandner ist tot - die Fuldaer Zeitung nimmt Abschied von ihrem „Kulturpapst“

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Von: Michael Tillmann

Christoph A. Brandner an seinem „Lieblingsarbeitsplatz“: Die Stiftsruine in Bad Hersfeld war für ihn wie ein Wohnzimmer.
Christoph A. Brandner an seinem „Lieblingsarbeitsplatz“: Die Stiftsruine in Bad Hersfeld war für ihn wie ein Wohnzimmer. © Charlie Rolff

An ihm haben sich viele gerieben. Seine Kritiken haben sie geachtet und (sich vor ihnen) gefürchtet. Intendanten, Schauspieler, das geneigte Publikum und natürlich seine Kolleginnen und Kollegen trauern. Christoph A. Brandner, salopp formuliert der „Kulturpapst der FZ“ (darüber würde er geschmeichelt schmunzeln), ist tot. 

Fulda - „ChB“ starb im Alter von 77 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit .„Wir sind tief betrübt, denn mit Christoph Brandner verlieren wir einen unserer profiliertesten Journalisten, der die Fuldaer Zeitung mit seinen geschliffen formulierten und intellektuell herausragenden Texten mehr als fünf Jahrzehnte lang geprägt hat“, würdigt Herausgeber Dr. Thomas Schmitt den Verstorbenen.

Dessen Steckenpferd war stets die Kultur. Und niemand in Osthessen hat über fünf Jahrzehnte hinweg die Hersfelder Festspiele so intensiv, so sachkundig und so leidenschaftlich begleitet wie jener Christoph A. Brandner, der aus Freiwaldau im Sudetenland stammte und seit 1952 in Fulda lebte. 

Fulda: Christoph A. Brandner ist tot - die Fuldaer Zeitung nimmt Abschied

Selbst wenn das einem der vielen Intendanten, die den Kritiker erleben durften (oder innerlich kochend wohl eher ertragen mussten!) überhaupt nicht schmeckte. So verlor einst Volker Lechtenbrink als Intendant die Fassung und beschimpfte den FZ-Rezensenten als einen, der „Kübel voll Scheiße über mich und das Ensemble ausgekippt hat. Er möge an seiner Bildung verrecken.“ 

Ist es despektierlich, in einem Nachruf einen solch vulgären Ausspruch zu erwähnen? Zitieren wir Christoph A. Brandner selbst, wie er Kritik an seiner Arbeit ganz grundsätzlich einordnete: Entweder sei man Liebling oder Lumpenhund. Im besonderen Fall kann von Liebling sicher keine Rede sein.

Man könnte es auch so formulieren: Der getroffene Hund hat gebellt. Mehr als 2000 Kultur-Rezensionen hat „ChB“ (so sein Kürzel) während seiner journalistischen Karriere für die Leserinnen und Leser unserer Zeitung geschrieben. Aus Bad Hersfeld, über Aufführungen im Fuldaer Schlosstheater oder vom Kissinger Sommer. Aus München, Bad Orb, Bregenz oder Verona.

Christoph A. Brandner war ein hoch geschätzter Kulturrezensent 

Und dabei war es wohl kaum die Absicht des jungen Christoph A. Brandner, sich später einmal „auf die ganz große Kritiker-Bühne“ zu begeben. In seinem Bewerbungsschreiben an den Verlag Parzeller aus dem Jahre 1968 sei zitiert: „Den Beruf des Journalisten möchte ich ergreifen, weil ich glaube, dass dieser meinen vielfältigen Interessen und meinem Wunsch nach einer abwechslungsreichen und interessanten Tätigkeit entgegenkommt.“ 

Sein Wunsch beziehungsweise die damit verbundene Erwartung erfüllte sich – auch wenn Brandner mit der ihm eigenen Portion Ironie in einem „Selbstinterview“ vor zwei Jahren auf einen durchaus holprigen Start als Rezensent verwies.  Warum Selbstinterview?

Wenige Wochen nach Ausbruch der Corona-Pandemie wurden die Festspiele 2020 abgesagt. Und mit einem „Quantum Trauer“ verfiel Brandner auf die Idee, sich selbst zu interviewen. Dieser geistreiche Versuch, sich derart zu trösten, war zwar kein Ersatz für eine Vorführung, aber so etwas wie ein „Vermächtnis“. 

Er gestaltete den Lokalteil der Fuldaer Zeitung mit deutlich kultureller Prägung

1968 begann Brandner sein Volontariat bei der FZ. Zwei Jahre später wurde er Redakteur. Und noch einmal 17 Jahre später wurde er Lokalchef der Fuldaer Zeitung – und übernahm damit den wohl schönsten Posten innerhalb unserer Zeitung. Mit Akribie und deutlich kultureller Prägung gestaltete er das „Herzstück“ der Zeitung bis zum Jahre 2004.

Dann reichte er mit knapp 60 Jahren den Stab an den Verfasser dieses Textes weiter. In Altersteilzeit war er dann zunächst noch verantwortlich für das „regionale Feuilleton“, dann wurde er zum hochgeschätzten Kollegen in der neu organisierten Kulturredaktion.

Als Autor und – wie sollte es sein – ständiger Begleiter der Festspiele blieb „ChB“ unserer Redaktion und seinem Lesepublikum bis zuletzt erhalten.  Dass Christoph A. Brandner bei der Südthüringer Zeitung nach Öffnung der Grenze noch „journalistische Aufbauhilfe Ost“ leistete, sei ebenso erwähnt wie die Erinnerung an Christophs ständigen Begleiter, den Rotstift, den sonst wohl nur Lehrer haben. 

Rotstift als Begleiter - Christoph A. Brandner forderte sprachliche Präzision

Wie viele andere Kolleginnen und Kollegen erinnert sich der heutige stellvertretende Chefredakteur Thomas Schafranek an sein Volontariat in der Lokalredaktion: „Die von Christoph Brandner korrigierten Texte auf dem Probeabzug waren vor lauter Rot kaum noch zu erkennen.“

In der Tat: Brandner formulierte nicht nur selbst geschliffen. Er forderte sprachliche Präzision auch stets von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein. Und damit verfügte er über eine Fähigkeit, die längst nicht jedem gegeben ist. 

In diesen Tagen wollte Christoph A. Brandner mit seiner Ehefrau Mechthild zu Tochter, Schwiegersohn und Enkeln nach Traunstein umziehen. Die schwere Krankheit verhinderte die gemeinsame Zukunft am Chiemsee. Christoph A. Brandner starb am 29. April im Krankenhaus in Traunstein.

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