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Film-Rezension: Das Grauen im Oderbruch – Achtung, „Unterm Birnbaum“-Spoiler

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Die Novelle „Unterm Birnbaum“ gehört zwar nicht zu den Hauptwerken von Theodor Fontane (1819 – 1898), doch sie vereint gekonnt eine Kriminalgeschichte mit einem düsteren Seelenporträt. In eben diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Fuldaer mecom-Verfilmung unter der Regie von Uli Edel (Montag, ZDF, 20.15 Uhr).

Der Film, der am Freitag seine TV-Premiere bereits auf Arte feierte, ist auch schon online in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Für das ZDF hat das Fuldaer Unternehmen mecom diese zeitlose Geschichte zusammen mit der Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer in die Gegenwart versetzt. Entstanden ist ein stilsicherer Ausstattungsfilm, der sich in zwei gleichwertige Teile splittet. Da ist zunächst der Mord an dem Geldeintreiber Schulze (Peter Schneider), den das verschuldete Paar (überzeugend: Fritz Karl und Julia Koschitz) begeht.

Äußeres und inneres Geschehen verbunden

Sie wähnen, es sei der perfekte Mord, und sowohl die neugierige Nachbarin Jeschke (Katharina Thalbach agiert hier leider ein bisschen zu klischeehaft) als auch der Dorfpolizist Geelhaar (unterfordert: Devid Striesow) blamieren sich kolossal, weil sie die Leiche des Verschwundenen unter dem titelgebenden Birnbaum vermuten (wo bei Fontane wie bei Edel ein Toter liegt, aber eben ein ganz anderer). Doch nach und nach schleicht sich der Wahn bei den Mördern ein, sie versuchen, ihn mit Tabletten (Ursel) und gesellschaftlicher Ablenkung (Abel) in Schach zu halten. Vergebens.

Was die Verfilmung ausmacht: Gekonnt wird das äußere mit dem inneren Geschehen verbunden. Ursel, zunächst in fast jeder Szene anders gekleidet und stets sorgfältig geschminkt, lässt sich sichtlich gehen, je mehr das Grauen über die eigene Tat von ihr Besitz ergreift. Abel hingegen scheint sich im Griff zu haben, um am Ende umso mehr durchzudrehen. Der Gasthof der Hradscheks im Oderbruch ist (fast zu nostalgisch) heruntergekommen, das bäuerliche Drumherum kontrastiert in seinen erdigen Tönen mit dem heiter hellen Berlin, wo die Luxus-verliebte Ursel einen Moment der Ruhe genießen kann.

Logische Schnitzer

Da er nach einer Novelle verfilmt wurde, unterliegt der Film den Gesetzen der „kleinen“ Erzählform. Vieles ist vorgegeben, Entwicklungen bis zum Zeitpunkt der Geschichte werden nicht geschildert, so dass der Zuschauer durchaus mit der Frage zurückbleibt, wieso eine Frau wie Ursel überhaupt ein Leben im verachteten Oderbruch führt, in einem Dorf, durch das sie wandelt wie eine völlig Fremde. Die Liebe zu Abel sei es gewesen, wird kurz angerissen.

Nähe aber stellt sich zwischen den beiden erst ein, als sie ihren mörderischen Plan fassen. Auch gibt es logische Schnitzer. Denn, wenn der Ruin an „nur“ 8000 Euro hängt, wie Ursel mit Entsetzen erfährt, wäre es ein Leichtes, ihn durch den Verkauf ihres schnittigen Autos oder des überaus gut sortierten Weinkellers des Gasthofes zumindest vorerst abzuwenden. Doch es muss schnell gehen: Der Mord, Abels zwischenzeitliche Verhaftung und seine „Rehabilitation“ gehen hopplahopp vonstatten.

Es wird gruselig

Das gibt dem Film andererseits anschließend Zeit, die seelischen Untiefen der beiden Protagonisten darzustellen. Und hier verlassen Edel und seine Darsteller das Krimi-übliche Terrain. Lange ruht die Kamera auf den Gesichtern der Eheleute, das Geschehen versinkt immer mehr im Dunkel, die Musik kündet plakativ größtes Unheil an. Fritz Karl und Julia Koschitz füllen ihre Rollen sehr gut aus, machen Labilität der Charaktere sichtbar. Und gruselig wird es schlussendlich auch ein bisschen.

Wie bei Theodor Fontane, der es meisterlich verstand, seinen Realismus mit magischen und im „Birnbaum“-Fall eben finsteren Elementen ein wenig in Frage zu stellen.

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