Bei den Direktvermarktern genießen die Tiere viel Freilauf.
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Bei den Direktvermarktern genießen die Tiere viel Freilauf.

Artgerechte Tierzucht

Bewusster Fleischkonsum: Zwei Rhöner sind Vorreiter der Direktvermarktung

  • vonMarius Scherf
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Fleisch aus artgerechter Tierzucht und Verkauf direkt durch den Bauern – das ist das Konzept der Direktvermarkter. Vor mehr als 30 Jahren haben es in der Region einige Landwirte vorgemacht. Heute zeigt sich: Die Idee ist zeitgemäßer denn je.

  • Oswald Henkel ist in der Rhön Vorreiter in Sachen Bio-Landwirtschaft und hat den Begriff Direktvermarktung bei Fleisch mitgeprägt.
  • Hubert Wingenfeld betreibt den Rhönhof Wingenfeld und setzt auf ökologische Landwirtschaft.
  • Das Fleisch wird von Oswald Henkel und Hubert Wingenfeld direkt an den Verbraucher verkauft.

Fulda - Oswald Henkel kann auf eine lange Betriebsgeschichte zurückblicken und ist in der Region Vorreiter in Sachen Bio-Landwirtschaft. Seit 33 Jahren, erzählt der 63-Jährige aus Hofbieber-Mahlerts, ist er nun „öko“. Und er war einer der Ersten in der Rhön, der den Begriff Direktvermarktung bei Fleisch mitprägte.

„Die Idee, sich zusammen zu tun und Fleisch auf dem Hof zu vermarkten, war aus der Not heraus geboren“, erzählt der Landwirt. „Damals wurde es zunehmend schwieriger auf dem globalisierten Markt, als kleiner Betrieb zu bestehen.“ Henkel hatte die Wahl: Entweder sein Betrieb wächst mit oder er besetzt eine Nische. Er setzte auf Letzteres.

Oswald Henkel ist Landwirt vom Rhönhof Henkel.

Oswald Henkel und Hubert Wingenfeld verkaufen Fleisch direkt an die Verbraucher

Ähnlich dachte auch Hubert Wingenfeld. Gemeinsam mit Frau Marianne und Sohn Tobias betreibt er den Rhönhof Wingenfeld in Hofbieber-Wiesen. Die Landwirtschaft gibt es seit 1980, aber seit nun mehr als 25 Jahren fährt auch der 63-Jährige ökologisch.

„Ich wollte mit der Chemie auf dem Acker und der Tierhaltung nicht mehr weitermachen wie bisher.“ Beide Bauern und etwa 300 andere Betriebe, die sich seit 1989 in der Vereinigung hessischer Direktvermarkter zusammenschlossen, verkaufen seitdem hauptsächlich ihr Fleisch direkt an den Verbraucher.

Wingenfeld und Henkel setzen dabei vor allem auf Fleisch von Rind und Schwein. An die 70 Schweine und 50 Rinder haben beide jeweils in der Mast. Von Kotelett bis Wurst und Steak gibt es fast alles bei ihnen zu kaufen.

Das Wichtigste für beide: Die Wertschätzung für die Tiere. Sie sind aus eigener Zucht und leben relativ lange, die Schweine etwa bis zu einem Jahr. Geschlachtet und verarbeitet wird in der Region.

Hubert Wingenfeld lässt seine Tiere bei der Metzgerei Kirchner in Tann-Unterrückersbach verarbeiten, beim Steak zuschneiden legt er sogar selbst Hand an. Der Vorteil bei all dem: „Bei uns sind die Wege kurz, direkt und transparent“, sagt Oswald Henkel.

Der Verkaufswagen der Familie Henkel.

In der Corona-Krise: Bauern verzeichnen eine gestiegene Nachfrage an Biofleisch

„Es gibt eine steigende Anzahl an Leuten, die bewusster konsumieren wollen. Für die große Masse zählt aber noch immer der Preis. Der Wettbewerb darum ist ein Skandal“, findet Oswald Henkel. Bei ihm kostet die Bauernwurst aus Schwein beispielsweise 18 Euro das Kilo. Bei Hubert Wingenfeld auf dem Hof kostet das Kilo Rinderfilet 35 Euro.

Die Resonanz seiner Kunden gibt dem Bauern recht. „Mit unserer Direktvermarktung konnten wir unseren Betrieb erhalten. Die Nachfrage steigt, gerade bei den jüngeren Leuten und in der Stadt“, sagt Wingenfeld. Zu Beginn der Corona-Krise konnte er eine gestiegene Nachfrage nach seinem Biofleisch verzeichnen. Die Leute kamen einfach zu ihm und dafür musste er nicht mal groß Werbung machen.

Biosphärenrind

Mit dem Rhöner Biosphärenrind e.V. existiert in der Region ein weiterer Zusammenschluss von Landwirten mit dem Ziel, Biofleisch aus der Region in die Geschäfte zu bringen. Vor mehr als 20 Jahren haben sich Nebenerwerbslandwirte zusammengetan, heute sind es mehr als 100. Das Konzept liegt mehr denn je im Trend. „Fleisch, das aus der Region und dazu noch Bio ist – besser geht es heute eigentlich nicht“, sagt Vorsitzender Stefan Hohmann. Der Zuspruch sei groß, in der Woche werden zwischen 20 und 30 Tiere am Schlachthof Fulda geschlachtet. „Wenn die Leute sehen, woher das Fleisch kommt, steigt auch wieder das Vertrauen in die Landwirtschaft“, findet der Landwirt.

„Der Verbraucher beginnt mit jedem Fleischskandal, mehr zu hinterfragen, woher sein Steak oder Wurstaufstrich kommen – und das ist gut so“, findet der 53-Jährige gerade im Hinblick auf den Tönnies-Skandal. Biorind aus der Direktvermarktung könne beim Verbraucher wieder viel verloren gegangenes Vertrauen gut machen. „Am wichtigsten bleibt, dass der Kunde hinterfragt und bereit ist, mehr Geld in gutes Fleisch zu investierten“, resümiert der Hilderser.

„Statt Weltmarkt sind wir Wochenmarkt“

Die wichtigsten Verkaufsorte neben dem Hofladen sind für die Direktvermarkter jedoch die Wochenmärkte in den Städten, auf denen sie ihre Waren anbieten. Versand im Internet gibt es nicht. „Wir haben zusammen die Bauernmärkte in Frankfurt und Fulda aufgebaut“, erzählt Oswald Henkel.

Das Fleisch verkaufen Oswald Henkel und Hubert Wingenfeld direkt an den Kunden.

Beide vertreten sich heute noch wechselseitig im 14-Tage-Rhythmus auf dem Bauernmarkt an der Konstablerwache donnerstags und samstags. „Statt Weltmarkt sind wir Wochenmarkt“, bringt er das Konzept der Direktvermarktung auf den Punkt.

160 Direktvermarkter verkaufen unter dem Namen „Landmarkt“ ihre eigenen Produkte

Doch die Landwirte haben sich auch weitere Vertriebskanäle erschlossen. 160 Bauern der Vereinigung hessischer Direktvermarkter verkaufen seit mehr als zehn Jahren unter dem Namen „Landmarkt“ ihre eigenen Produkte in mehr als 200 ausgewählten hessischen Rewe-Märkten in eigener Regie. Das heißt, sie bestimmen auch ihren Abgabepreis. 36 Millionen Euro Umsatz haben die beteiligten Landwirte, laut Oswald Henkel, im vergangenen Jahr damit gemacht.

„Wir sind nicht angetreten, reich zu werden“

Hubert Wingenfeld verkauft gar nicht an den Einzelhandel weiter. Seine Zukunftsaussichten schätzt er auch so sehr gut ein. Bis nächstes Jahr will er einen neuen Stall für seine Schweine und Rinder gebaut haben – mit noch mehr Auslauf für seine Tiere.

Steigende Kosten

„Es könnte heute noch mehr Direktvermarkter geben“, findet Oswald Henkel, Besitzer des Rhönhofs Henkel, „wenn da nicht so viele Vorschriften wären.“ Der 63-jährige Landwirt stört sich nicht an den Regeln und Standards im Allgemeinen, sondern daran, dass sie den kleinen Anbietern „überproportional auf die Füße fallen“. „Die strengen Regeln sind gemacht, um die Risiken, etwa bei der Hygiene, bei den Großen zu minimieren. Ein kleiner Schlachter arbeitet viel sorgfältiger und ist ein viel kleineres Risiko. Die Kosten, die anfallen, müssen auch die Direktvermarkter tragen.“ Auch technische Neuerungen schlagen zu Buche: „Wir wollen unseren Verkaufswagen fitter machen. Die neue Software kostet 2000 Euro, obwohl vor drei Jahren schon eine komplett neue Waage für 5000 Euro angeschafft werden musste.“

Auch Oswald Henkel blickt frohen Mutes der Zukunft entgegen: „Wir sind nicht angetreten, reich zu werden, sondern unsere Existenz nachhaltig zu sichern. Das ist uns gelungen.“

Die Bio-Produkte sind auch für den Schlachthof Fulda eine Nische im Konkurrenzkampf gegen die großen Betriebe. Im Minutentakt werden dort Tiere zu Lebensmittel verarbeitet. Der Schlachthof sieht sich auch nicht als Corona-Brennpunkt.

Lesen Sie hier: Legehennen vor der Schlachtbank retten: Projekt „Unser glückliches Huhn“ wächst

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