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Fuldaer Wilhelm Hartmann ist immer noch für das Ahrtal aktiv - Helfer spürt auch Gegenwind

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Von: Andreas Ungermann

Die Schäden, die die Flutkatastrophe im Sommer 2021 angerichtet hat, sind noch nicht behoben. Wilhelm Hartmann aus Fulda hilft den betroffenen Menschen vor Ort.
Die Schäden, die die Flutkatastrophe im Sommer 2021 im Ahrtal angerichtet hat, sind noch nicht behoben. Wilhelm Hartmann aus Fulda hilft den betroffenen Menschen vor Ort. © privat; Boris Roessler/dpa

Der Fuldaer Gärtner Wilhelm Hartmann gehörte zu den ersten Helfern, die nach der Flutkatastrophe ins Ahrtal ausrückten. Bald wurde er in den Sozialen Medien zum Helden – aber inzwischen sieht er sich auch Kritik ausgesetzt.

Fulda - Die vergangenen Monate waren emotional für Wilhelm Hartmann aus Fulda. Im Ahrtal sei er nach der Flutkatastrophe auf Menschen gestoßen, „die äußerlich unverletzt, aber innerlich zerstört waren“. Familien hätten am 14. Juli 2021 noch zu Abend gegessen, seien ins Bett gegangen und am nächsten Morgen in einer völlig neuen Situation aufgewacht – mit immensen Verlusten, auf die sich nicht hätten vorbereiten können.

Flutkatastrophe im Ahrtal: Helfer aus Fulda nun auch Kritik ausgesetzt

Wie nach den Flutkatastrophen 2002 und 2018 habe ihn das Helfersyndrom gepackt. Hartmann und seine Mitstreiter bauten ein Containerdorf, ein Baustoffzelt auf. Aktuelles Projekt sei die Versorgung der Bevölkerung mit Möbeln.

Zwar liefen bei ihm nicht mehr so viele Anfragen auf wie zu Anfang, aber: „Es gehen täglich immer noch Dutzende Gesuche und Angebote für Spenden per WhatsApp, Mail oder Social Media bei mir ein“, sagt Hartmann. Noch heute – ein Jahr nach der verheerenden Flut verbringe er 80 Prozent seiner Lebenszeit mit der Hilfe für das Ahrtal.

Wegen seiner Hilfe wurde sogar ein Weg nach Wilhelm Hartmann benannt.
Wegen seiner Hilfe wurde sogar ein Weg nach Wilhelm Hartmann benannt. © privat

Jedoch wird im Westen Deutschlands nun auch Kritik laut, die Rede ist von „Besatzern“, die der Bevölkerung ihren Willen aufzwingen wollen. Gemeint sind mit der Kritik Hartmann und Lohnunternehmer Markus Wipperfürth. Hartmann droht nun allerdings Ungemach seitens der Kreisverwaltung: Am 31. Mai hat der Kreistag im Landkreis Bad Neuenahr-Ahrweiler beschlossen, dass sowohl der Betrieb der Helfer-Unterkunft „Wilhelmshafen 2.0“ als auch die Spendenannahme im „Baustoffzelt Kaiser 2.0“ umgehend zu beenden sei. Letzteres sei bis zum 31. Juli zurückzubauen.

Dass weiterhin zu Spenden aufgerufen, diese angeliefert, aber nun als Geschenke deklariert würden, sei nicht hinnehmbar, erklärt Landrätin Cornelia Weigand (parteilos) in einer Pressemitteilung auf der Internetseite des Landkreises Bad Neuenahr-Ahrweiler. (Lesen Sie hier: Mahnung, Erinnerung, Schulterschluss: „Klavier von Ahrweiler“ ans Feuerwehr-Museum übergeben)

Die Landrätin wirft Hartmann vor, er habe seine Kosten nicht offen und transparent dargelegt. Aufgrund von nicht dokumentierten Warenflüssen und Schätzwerten könnten keine Mittel für Umzug, Betrieb und Abbau des Helfer-Zentrums – weder durch Soforthilfen des Landes Rheinland-Pfalz noch über den Wiederaufbaufonds – ausgezahlt werden.

Ein Jahr nach der Flutkatastrophe

Das Leben an der Ahr ist ein Jahr nach der Katastrophe noch lange nicht so wie zuvor. Die Sturzflut am 14. und 15. Juli 2021 hat alles verändert. 135 Menschen sind gestorben. 766 weitere wurden teils schwer verletzt. Zwei Personen werden immer noch vermisst.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will am Donnerstag, 14. Juli, ab 11 Uhr mit Betroffenen, Helfern und Kommunalpolitikern in den Gemeinden Altenahr und Dernau sprechen. Es wird auch eine Gedenkveranstaltung Bad Neuenahr-Ahrweiler geben, wo Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) erwartet wird. Steinmeier wird hingegen an der Gedenkveranstaltung in Euskirchen in Nordrhein-Westfalen teilnehmen.

Der Sommer 2022 hat dem Ahrtal zwar frisches Grün, einige Blumen und Wärme gebracht. Die schlimmen Erlebnisse, die Zukunftssorgen und das zermürbende Warten auf die Rückkehr in ein früheres Leben oder wenigstens auf eine Perspektive kann er aber nicht vertreiben.

„Die Aufbaueuphorie ist verflogen“, sagt Bernd Gasper, dessen große Familie seit Generationen in Altenburg lebt. Seine Schwiegermutter kam bei der Flut ums Leben. Gaspers Bilanz nach einem Jahr: „Es ging weder unbürokratisch noch schnell.“ Die Idee von der Modellregion funktioniere auch nicht so richtig – viele Ideen verpufften. Ein Katastrophen- und Alarmplan Hochwasser für den Kreis fehle nach wie vor.

Gasper vermisst auch einen Hochwasserschutzplan für die rund 85 Kilometer lange Ahr – von der Quelle im nordrhein-westfälischen Blankenheim in der Eifel bis zur Mündung in den Rhein in Sinzig.

Winzer Alexander Stodden aus dem Weinort Rech erklärt: „Es macht mich mürbe, dass es nicht vorangeht“, sagt er. „Es gibt keine Materialien und keine Handwerker.“ Seit Wochen warte er etwa auf den Maler und auf eine längst bestellte Brandschutztür. Die bei der Sturzflut entstandenen Schäden in seinem Familienbetrieb von 1900 – dem renommierten Rotweingut Jean Stodden – hätten Gutachter inzwischen mit rund zwei Millionen Euro beziffert.

„Die Politik hat sich in dieser Krise nicht mit Ruhm bekleckert“,sagt Stodden und meint damit womöglich auch Landrat Dr. Jürgen Pföhler (CDU) gegen den nach der Katastrophe scharfe Kritik laut wurde, weil Warnungen und Evakuierungen viel zu spät erfolgt sind. Erst nach 22 Uhr rief er am 14. Juli den Katastrophenfall aus. Ein fataler Fehler.

Hartmann seinerseits kritisiert, vor dem Kreistagsbeschluss habe er keine Möglichkeit erhalten, sich vor dem Gremium zu äußern. Als Auswärtiger ohne Erstwohnsitz im Kreisgebiet habe er – nach der Geschäftsordnung – kein Rederecht erhalten. Der Fuldaer wertete vor allem das Auftreten Weigands als „ablehnend“. Zudem beklagt er hohe bürokratische Hürden sowie mangelnde Anerkennungen und finanzielle Unterstützungen seitens der öffentlichen Hand. Das betreffe nicht nur ihn, sondern auch andere Freiwillige.

Video: Hochwasser in Blessem: Gebürtiger Fuldaer ist von Flutschäden betroffen

In den sozialen Medien erhält er dafür Zustimmung, jedoch auch Gegenwind. Zwei Lager haben sich gebildet, Hartmanns Engagement stellt mittlerweile ein Politikum dar. Die auf Portalen wie Facebook ebenfalls verbreitete Pressemitteilung des Kreises wird beispielsweise als längst überfällige deutliche Stellungnahme gewertet, während Hartmanns Anhänger die Kritik an politischen Entscheidungen und Bürokratie teilen.

Ein weiterer Beschluss hat jüngst erst den „Plan B“ vereitelt, mit dem der Fuldaer seine Basislager im Ahrtal am Laufen halten wollte. Zwar habe der Kreis zugesagt, Hartmann dürfe sein Zentrum weiter betreiben, wenn der Kreis aus der politischen und finanziellen Verantwortung raus sei. Allerdings schob auch die Gemeinde Grafschaft dem Betrieb einen Riegel vor. „Plan C“ sehe nun den Betrieb auf einem privaten Grundstück vor, kündigt Hartmann an.

Denn er will „weitermachen, so lange wie es notwendig ist“. Und das sei der Fall. Auch wenn er über die jüngsten Entwicklungen enttäuscht sei, überwiegen für ihn nach eigener Aussage die Freude über Spendenbereitschaft, Solidarität, viele neue Freundschaften und die geleistete Hilfe. Den Effekt beziffert Hartmann mit mehr als zehn Millionen Euro.

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