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Kaum ein Bach ohne Biber: 60 bis 70 Tiere leben derzeit allein im Fuldaer Stadtgebiet

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Von: Hartmut Zimmermann

Biber knabbert an Baum
Der Biber fühlt sich in der Region Fulda zuhause. (Symbolbild) © Patrick Pleul/dpa

„Wieder Biber in Osthessen“ – so titelte die Fuldaer Zeitung im Februar 2002. Was damals für die Naturfreunde eine Sensation war, ist heute tierischer Alltag: Auf mindestens 60 bis 70 Tiere wird der aktuelle Bestand allein im Stadtgebiet Fuldas geschätzt.

Fulda - Das erste Tier hatte sich damals wohl bei Ziegel niedergelassen. Ein Wildunfall, bei dem ein weiteres Tier der Art auf der B 40 zwischen Bronnzell und Neuhof überfahren wurde, bewies, dass der Nager von der Fliede kein Einzelgänger war: Die Biber-Population, die sich nach Auswilderungen an der oberen Sinn entwickelt hatte, breitete sich über den Landrücken ins Flussgebiet der Fulda aus.

Heute gibt es im Großraum Fulda kaum einen Bach, an dem der Biber, der in der Region seit 1684 ausgerottet war, nicht seine markanten Spuren hinterlässt. „Zu Anfang ist der Biber nur denjenigen aufgefallen, die mit wachen Augen durch die Natur gegangen sind“, berichtet Madeleine Bosold von der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) bei der Stadt Fulda. (Lesen Sie hier: Naturschutzbehörde erteilt Erlaubnis: Biberdamm in Bermuthshain entfernt)

Fulda: 60 bis 70 Bieber leben derzeit allein im Stadtgebiet

„Denn zuerst hat der Biber sich nur an der Fliede, der Fulda und am Fulda-Kanal niedergelassen – dort ist das Wasser nämlich tief genug, so dass er keine Dämme zu bauen braucht“, erläutert sie. Diesen Aufwand betreiben die Tiere aber nicht aus Langeweile, sondern nur dann, wenn das Wasser dort, wo sie sich niederlassen wollen, nicht so tief ist, dass sie schwimmend und tauchend zu ihrer „Burg“ gelangen können.

Eindeutiges Zeichen: Hier leben Biber.
Eindeutiges Zeichen: Hier leben Biber. © Hartmut Zimmermann

Weil aber inzwischen die begehrten Plätze an den größeren Gewässern alle vergeben sind, besiedeln die großen Nager inzwischen auch erstaunlich kleine Bäche. Dazu zählen die Giesel mit ihren Quellbächen in Richtung Istergiesel und Nonnenrod ebenso wie der Engelbach zwischen Bronnzell und Engelhelms.

Weil er dort meistens Dämme baut, bilden sich an den Bächen oberhalb der Staustufen regelmäßig größere Wasserflächen. Diese fallen auch weniger naturkundigen Spaziergängern ins Auge – ebenso wie die zahlreichen entlang der Ufer kegelförmig abgenagten Baumstämme.

„Innerhalb des gesamten Stadtgebietes sind es derzeit etwa 16 Reviere“, hat die UNB gezählt. Bei jedem langjährig bestehenden Revier gehe man von drei bis fünf Tieren aus, so Bosold. Weil vor allem die männlichen Jungtiere sehr bald von den Eltern „verbissen“ werden – „Hotel Mama“ gibt es bei den Nagern nicht – müssen die sich neue Reviere suchen.

Dabei stellt sich heraus, dass auch wirklich kleine Gewässer für den Biber offenbar attraktiv sind – wenn neben dem Wasser auch ausreichend Futter in der Nähe zu finden ist.

Biber in Fulda: Ein Rückkehrer, der sich zu Hause fühlt

Denn die Biber sind Vegetarier, die sich vom Frühjahr bis zum Herbst gerne von Gräsern, Wurzeln und Kräutern ernähren, die sie im Uferbereich finden. Rinde und frische Triebe von Weiden, Erlen und anderen Laubbäumen, aber auch Schilf, Mädesüß und Brennnesseln stehen häufig auf dem Speiseplan. Und wenn in erreichbarer Distanz zufällig ein Mais- oder Weizenfeld zu finden ist, wird auch dort gern „geweidet“.

Der Staumeister

Eine hohe Dichte an Biberdämmen finden sich entlang der Giesel zwischen Istergiesel und Zell, entlang des Gieselweihers in Richtung Harmerz, aber auch am Engelhelmsbach bei Bronnzell. Mindestens ein neues Revier befindet sich am Käsbach. Es erstreckt sich vom Westring in Richtung Sickels. Biber finden sich überall entlang der Fulda und am Fuldakanal zwischen Ziegel und über den Aueweiher hinaus bis Lüdermünd.

Entlang der Fulda finden sich allerdings keine Dämme, da die Biber-Burgen im tieferen Wasser immer tauchend erreichbar sind. Bei den kleineren Nebengewässern muss der Baumeister nachhelfen und das Wasser aufstauen.

Jüngstes Beispiel für Aktivitäten an kleinen Gewässern sind die Staustufen, die der Biber am Käsbach geschaffen hat. Der Bach fließt von Sickels zur Fulda, unterquert auf Höhe des Segelflugplatzes den Westring und verläuft entlang der belebten Straße schnurgerade bis zur Fulda. Seit einigen Monaten ist der Wasserstand dort dank mehrerer Dämme deutlich gestiegen. Das „Auffahrt-Ohr“ zwischen Unterführung und Westring ist weitgehend geflutet.

Noch interessanter ist das Stück oberhalb des Regenrückhaltebeckens in Richtung Westring-Brücke: Während oben tagein, tagaus die Autos entlangrauschen, hat der Biber dort sein Revier eingerichtet und in der Staufläche neben dem meistens trocken liegenden Rückhaltebecken einen ordentlichen See mit Biberburg in der Mitte entstehen lassen. (Lesen Sie auch: Schulpfarrer Bieber entdeckt verirrten Biber in Fulda: Einsatzkräfte befreien Nager aus misslicher Lage)

An der Giesel stellen Überlaufrohre sicher, dass der Biber-See nicht zu breit wird.
An der Giesel stellen Überlaufrohre sicher, dass der Biber-See nicht zu breit wird. © Hartmut Zimmermann

„Man kann beobachten, dass derzeit fast alle Seitenflüsse der Fulda, die einen lehmigen Untergrund aufweisen, durch Biber erobert werden“, so die UNB-Bilanz. „Die Wasserlandschaften, die der Baumeister schafft, sind teilweise sehr beeindruckend.“ Die aufgestauten Flächen böten einer Vielzahl an Tier- und Pflanzenarten neuen Lebensraum. Auch seltene Arten wie Eisvögel fänden so neue Jagdgründe. „So trägt der Biber auf jeden Fall zu einer Förderung des Artenreichtums im Stadtgebiet bei“, fällt die Bilanz der UNB positiv aus.

Video: Polizisten retten verwirrten Biber aus misslicher Lage

Ab und zu sind aber auch steuernde Eingriffe erforderlich: Weil der vom Biber gestaute Bach eine Querung des Gieseltal-Radwegs zwischen Zell und Istergiesel geflutet hatte, wurde in einige Dämme dort ein 40-Zentimeter-Rohr eingebaut, das ab einem gewissen Wasserstand für Abfluss sorgt und so allzu weiträumige Überschwemmungen verhindert.

„Dabei wird aber darauf geachtet, dass der Wasserstand so hoch bleibt, dass der Biber ausreichend Schwimm- und Tauchtiefe hat“, so Madeleine Bosold. Gerade für das Zurückhalten großer Wassermengen nach ausgiebigen Regenfällen seien die Staudamm-Reihen der Biber an den Nebenbächen der Fulda wichtig und hilfreich.

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