Die ärztliche Versorgung zu sichern, das ist im Landkreis Fulda ein Dauerthema.  (Symbolfoto)
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Die ärztliche Versorgung zu sichern, das ist im Landkreis Fulda ein Dauerthema.  (Symbolfoto)

Kampf gegen Ärzte-Mangel

Jeder zweite Hausarzt bis 2030 im Ruhestand: So will der Landkreis Fulda Nachfolger gewinnen

  • Walter Kreuzer
    VonWalter Kreuzer
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  • Jessica Vey
    Jessica Vey
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Die ärztliche Versorgung zu sichern, das ist im Landkreis Fulda ein Dauerthema. Jeder zweite Hausarzt im Landkreis geht bis 2030 in Ruhestand. Nachfolger zu finden, wird immer schwieriger.

Osthessen - Laut der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen liegt die Versorgung im Bereich der Hausärzte im Kreis Fulda bei 110 Prozent und der Altersdurchschnitt bei 54 Jahren. Jedoch täuscht der Versorgungsgrad, denn es wird der komplette Raum Fulda betrachtet – und nicht unterschieden zwischen Stadt Fulda und ländlichen Bereichen. In der Stadt konzentriert sich die Zahl der Hausärzte und am Land fehlen sie perspektivisch.

Um Jungmediziner in die Region zu locken, hat das Landratsamt immer wieder Initiativen gestartet. Ganz aktuell: das Fulda-Stipendium, das vom Landkreis und drei hiesigen Krankenhäusern finanziert wird, um ärztlichen Nachwuchs für die Region zu gewinnen. Medizin-Studierende, die sich für eine mindestens dreijährige Tätigkeit als Arzt oder Ärztin im Landkreis entscheiden und einen Bezug zur Region haben, werden mit 500 Euro monatlich gefördert.

Fulda: So kämpft der Landkreis gegen den Ärzte-Mangel auf dem Land

Ein weiterer Baustein: Seit 2018 können Medizinstudenten ab dem fünften Semester ihr Studium in Fulda abschließen. Dafür kooperiert die Philipps-Universität Marburg mit der Hochschule Fulda und dem Klinikum Fulda. Auch Programme wie die Landpartie, in dem Medizinstudenten in Hausarztpraxen im Kreis Fulda Praktika belegen, sollten junge Ärzte auf die Region aufmerksam machen.

Nun, weg von den Hausärzten und hin zu den Fachärzten: Auch hier unterscheidet die KV nicht zwischen Stadt und Land. Bei Augenärzten, Chirurgen und Orthopäden, bei Dermatologen, Frauenärzten, Hals-Nasen-Ohren-, Kinder- und Nervenärzten, bei Psychotherapeuten und Urologen erreicht der Kreis Fulda überall einen Versorgungsgrad von über 100 Prozent. Im Bereich Chirurgen und Orthopäden liegt der Wert sogar bei 140 Prozent, bei Frauenärzten und Urologen knapp 130 Prozent. Beim Altersdurchschnitt liegen alle Arztgruppen bei über 50 Jahren. Außer eine Gruppe: Fuldaer Augenärzte sind im Schnitt 47 Jahre jung.

Jungmediziner aufs Land zu locken – das ist eine Herausforderung. Mit Programmen wie etwa der „Landpartie“ versucht der Landkreis Fulda junge Menschen dafür zu begeistern, eine Praxis im ländlichen Raum zu übernehmen. Denn: Die Hälfte der hiesigen Mediziner geht bis 2030 in Ruhestand. Nachfolger müssen her – doch eine eigene Praxis zu übernehmen, das traut sich nicht jeder zu und es entspricht oft nicht den Lebensumständen – beispielsweise denen von Frauen. Sie bekommen die Kinder. Oft sind sie es, die zu Hause bleiben.

Mutter und Ärztin sein: Gisenia Barrientos Obando praktiziert im MVZ Rhön

Für Gisenia Barrientos Obando (38) aus Weyhers, die im MVZ Rhön praktiziert, kam die Übernahme einer eigenen Praxis deshalb erst einmal nicht infrage. Sie hat eine dreijährige Tochter. Als sie noch in der Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin war, arbeitete sie in einer Praxis in Fulda. Ihre Chefin habe alles allein gemanagt und habe manchmal bis in die Nacht hinein gearbeitet. „Es ist viel Bürokratie“, weiß Obando. „Man muss sich um Abrechnungen und um Bestellungen kümmern. Damit kenne ich mich kaum aus, und es ist sehr zeitintensiv.“ Sie hätte außerdem investieren müssen – ein freiberuflich arbeitender Arzt muss einen Arztsitz erwerben. (Lesen Sie auch: MVZ Rhön bekommt Zuwachs: Welkerser Hausarzt Simon Dietrich schließt Praxis und lässt sich anstellen)

Weil ihre Tochter Leyla erst drei Jahre alt ist, kam für Allgemeinmedizinerin Gisenia Barrientos Obando aus Weyhers eine Praxisübernahme als freiberufliche Ärztin nicht infrage.

Die Peruanerin, die vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen ist, entschied sich für eine Festanstellung. Diese fand sie im Landarzt MVZ Rhön. Das Medizinische Versorgungszentrum ist vor zwei Jahren aus der Not heraus gegründet worden – denn zwei Arztpraxen in Poppenhausen und in Ebersburg-Schmalnau drohten wegzubrechen. Die Ärzte wollten damals aus unterschiedlichen Gründen aufgeben – auch die überbordende Verwaltung und die wirtschaftlichen Risiken, eine Praxis allein weiterzuführen, waren Gründe.

Main-Kinzig-Kreis testet Telenotarzt

Der Main-Kinzig-Kreis ist der bevölkerungsreichste in Hessen. Das bedeutet nicht, dass es hier nicht die üblichen Probleme mit der hausärztlichen Grundversorgung gäbe. Immerhin werden in der Studie „Fokus Gesundheit 2018“ der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) lediglich die Planungsbereiche Bad Orb (neben Bad Orb zählen hierzu die Gemeinden Flörsbachtal und Jossgrund) und Schlüchtern als „statistisch überversorgt“ geführt. Der Versorgungsgrad bei Hausärzten für den Bereich Schlüchtern – dazu zählen die Kommunen Schlüchtern, Steinau und Sinntal – wird mit 111,39 Prozent angegeben. Die Grenze zur Überversorgung legt die KV bei 110 Prozent an. Aktuell liegt die Quote bei 105,64 Prozent und 1,5 freien Arztsitzen.

Im Bereich Bad Soden-Salmünster/Wächtersbach mit diesen Städten sowie Birstein und Brachttal liegt der Versorgungsgrad bei 87,68 Prozent – 5,5 Arztsitze sind nicht besetzt. Der Altersdurchschnitt der Hausärzte liegt bei 54 Jahren. Bei den Fachärzten sind zum Stichtag Juli 2019 die Arztsitze weitgehend besetzt. Was den Nachfolgebedarf angeht, heißt es aus dem Kreishaus, dass dieser im hausärztlichen Bereich am höchsten sei. Dieser werde „gemäß der Angaben der teilnehmenden Hausärzte an der Versorgungsanalyse im MKK analysiert“.

Ein Kennzeichen für ländliche Gegenden wie den Bergwinkel im östlichen Main-Kinzig-Kreis ist die dünne Besiedlung und die damit verbundenen langen Wege. Ist die Bevölkerung, was den Hausarztbesuch angeht, darauf eingerichtet, stellt sich beim Rettungsdienst ein anderes Problem: Es kommt auf jede Minute an.

Eine Lösung, die vom DRK-Kreisverband Gelnhausen-Schlüchtern gemeinsam mit dem Landkreis in einem Pilotprojekt getestet wird, ist der Telenotarzt. Gut ein halbes Dutzend Rettungswagen sind mit der Technik ausgerüstet. So können Notfallsanitäter und Rettungsassistenten über Mobilfunk mit dem Notarzt in Kontakt treten. Dieser erhält so alle notwendigen Daten und kann Anweisungen für bestimmte Medikamente oder Behandlungsschritte geben, die vor Ort ausgeführt werden.

Im MVZ Rhön sind alle Ärzte festangestellt. Gesellschafter aus der Region tragen das wirtschaftliche Risiko. Verwaltung und Organisation werden von der Hamburger Conclusys GmbH übernommen. Das Büro schließt Verträge mit den Ärzten und dem Personal und kümmert sich um Abrechnungen, Regresse und Einkäufe – was in inhabergeführten Praxen in der Regel vom Arzt mit erledigt werden muss.

Gisenia Barrientos Obando arbeitet in der Praxis in Schmalnau als Allgemeinmedizinerin in Dreiviertel-Stelle. So kann sie fast täglich ihre Tochter nach Feierabend um 13 Uhr aus der Kita in Weyhers abholen. „Für mich als Mutter ist das perfekt. Als angestellte Ärztin habe ich mehr Zeit für meine Tochter. Das ist sehr wertvoll“, betont die 38-Jährige. „Außerdem kann man den Fokus komplett aufs Medizinische legen.“

Video: Wie lange muss im Wartezimmer einer Arztpraxis gewartet werden?

In Peru hat Obando ihren Mann kennengelernt, der Halb-Deutscher und Halb-Grieche ist. Mit ihm kam sie 2011 nach Deutschland. Über berufliche Stationen in Aschaffenburg, Fulda und Rothemann kam sie im Oktober 2020 in die Rhön. Mit ihrer Familie lebt sie in Weyhers, wo sie gebaut hat. „Ich würde als Praxisinhaberin wahrscheinlich mehr verdienen. Aber mein Mann arbeitet in führender Position, und mit meiner 31-Stunden-Stelle kommen wir gut zurecht. Die Zeit, die ich dank der Festanstellung für meine Familie übrig habe, ist unbezahlbar“, sagt sie.

Auch der Poppenhausener Bürgermeister Manfred Helfrich (CDU) ist heute froh, dass durch die Gründung des MVZ Rhön die Arztstandorte in Poppenhausen und in Schmalnau gesichert werden konnten. Die Gemeinden sowie der Kreis hatten sich mit je 50.000 Euro finanziell beteiligt – außerdem gab es einen 150.000-Euro-Zuschuss vom Land für die MVZ-Gründung. (Lesen Sie auch: Zwei Ärzte unterbrechen Ruhestand, um im MVZ Vogelsberg auszuhelfen)

Fachkräftemangel auch im Vogelsberg

Es fehlen Fachkräfte – das gilt sowohl für die Ärzte als auch für die Apotheken“, fasst Dr. Jens Mischak (CDU) einen Themenkomplex zusammen, der ihn seit Amtsantritt als Gesundheitsdezernent im Vogelsbergkreis 2016 begleitet hat. Ein Beispiel ist die hausärztliche Versorgung im Altkreis Lauterbach: Laut der Analyse „Fokus Gesundheit 2018“ der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) gab es dort damals eine Überversorgung, da der Bedarf zu 111,77 Prozent gedeckt war. Hausärzte durften sich nicht mehr niederlassen. 2021 stellt sich die Situation mit einer Versorgung von 91 Prozent und sechs offenen Arztsitzen völlig anders dar.

Schwerer als diese Statistik wiegt die Demografie: Bis 2025 erreicht jeder zweite Hausarzt das 65. Lebensjahr, bis 2030 sind es zwei Drittel der Mediziner. Dabei reicht laut „Fokus Gesundheit“ die durchschnittliche Altersspanne von 38 Jahren in Wartenberg bis zu 72 Jahren in Romrod.

Die Maßnahmen wie Stipendien-Programm für Medizinstudenten, Weiterbildungsverbund oder Zuschüsse für eine Praxisübernahme wie in Schlitz sind weitgehend Standard. Die Gründung eines interkommunalen Medizinischen Versorgungszentrums hat dagegen Modellcharakter. Das gilt auch für das Projekt „Gemeindeschwester 2.0“, das personell aufgestockt und dem Pflegestützpunkt zugeordnet wurde. Mischak: „Sie heißt jetzt bei uns PrimA, Prävention im Alter. Der Begriff Gemeindeschwester hat falsche Erwartungen geweckt.“ Es handle sich nicht um „eine Schwester wie früher mit Häubchen, die Verbände anlegte und medizinische Dinge machte“. Sie wirke eher in psychosozialer Hinsicht und kümmere sich um Menschen, die zu Hause und immobil sind. Dadurch würden auch die Praxen entlastet.

Das Kreiskrankenhaus Alsfeld, das Kreiskrankenhaus des Wetteraukreises in Schotten und das Eichhof-Krankenhaus Lauterbach decken die stationäre Grundversorgung ab. 29 Apotheken gibt es im Kreis. Bis 2025 werden 22 Inhaber mindestens 60 Jahre alt – mit entsprechendem Nachfolgebedarf.

„Für den ländlichen Raum ist die ärztliche Versorgung enorm wichtig“, so Helfrich. Daran hänge viel. „Denn wenn der Arzt weggeht, dann wird es beispielsweise auch für die Apotheke schwierig, zu bestehen.“

Das MVZ Rhön wird außerdem in dem aktuell im Bau befindlichen Wohn- und Geschäftshaus Steinwiesen neue Praxisräume beziehen. Der Standort Schmalnau wird aufrechterhalten. Helfrichs Vision ist, dass möglicherweise Fachärzte – ein Gynäkologe oder ein Kinderarzt – an einzelnen Tagen in den Räumen des MVZ Sprechstunden anbieten könnten. Um das Angebot im ländlichen Raum noch zu verbessern.

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