Die Verteidiger Knut Hillebrand (links) und Medeni Kurt (rechts) hoffen auf ein mildes Urteil.
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Die Verteidiger Knut Hillebrand (links) und Medeni Kurt (rechts) hoffen auf ein mildes Urteil.

Massive Einblutungen

Mordmerkmal der Heimtücke: Staatsanwaltschaft Fulda fordert lebenslange Haftstrafe

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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War es gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge? Ein minder schwerer Fall des Totschlags? Oder sogar Mord aus Heimtücke? Und liegt gar die besondere Schwere der Schuld vor? Beim Prozess gegen einen 27-jährigen Mann, der seine Ehefrau in einer Wohnung in Bad Salzschlirf erwürgt haben soll, wurden die Plädoyers vorgetragen. 

Fulda - Zwischen vier Jahren und einer lebenslangen Haftstrafe bewegen sich die Forderungen der Rechtsanwälte des Angeklagten, der Staatsanwaltschaft und des Nebenklagevertreters. Es hat gestern fast fünf Stunden gedauert, bis alle ihre Plädoyers am Landgericht Fulda gehalten hatten. Es ist das Ende einer Beweisaufnahme mit rund 40 Zeugen, die dem Gericht die letzten 24 Stunden des 27 Jahre alten Opfers schilderten.

Dabei wurde deutlich: Die Frau, die 2018 mit ihrem Mann aus dem Irak geflüchtet war und zuletzt in Lebach lebte, wollte die Ehe beenden. Womöglich hatte sie auch einen Geliebten, den sie in der Nacht vor ihrem Tod in Frankfurt getroffen hat. Am 9. August – nach dem Aufenthalt in Frankfurt – hatte sie vor, eine Bekannte in Bad Salzschlirf zu besuchen.

Tötung in Bad Salzschlirf: Massive Einblutungen am Körper

Zu dem Zeitpunkt ist ihr der Ehemann, der wohl einen Verdacht hatte, schon gefolgt. Am Bahnhof in Frankfurt soll er sie mit dem Geliebten gesehen haben. In der Wohnung in Bad Salzschlirf trafen die beiden schließlich aufeinander. „Die Beteiligten gingen ins Wohnzimmer, wo es zur Aussprache kam. Dort sagte sie, dass sie sich trennen will. Sie ließ sich davon auch nicht abbringen“, schilderte Staatsanwalt Andreas Hellmich. Auf Wunsch des 27-Jährigen setzten sie das Gespräch unter vier Augen im Nebenraum fort. Was dort geschah, darüber sind sich die Prozessbeteiligten uneinig. Hellmich sieht es so: „Sie sprachen über die Trennung, er konfrontierte sie mit dem, was er am Bahnhof gesehen hatte, und sie gab zu, einen Geliebten zu haben.“

In einer schriftlichen Einlassung erklärte der Angeklagte, dass seine Frau „unbekümmert, ohne jede Scheu und mit viel Verachtung“ zu ihm gesagt habe, dass sie die Beziehung beenden möchte. Als er ihr entgegnete, dass die Kinder bei ihm bleiben sollen, sei sie laut geworden. „Er sagte, dass er ihr daraufhin den Mund zugehalten und sie ihn gebissen habe. Dann habe er sie 15 Sekunden lang gewürgt. „Das passt aber nicht mit dem zusammen, was uns der Rechtsmediziner vorgetragen hat. Ihr Körper hat gesprochen: Sie hatte massive Einblutungen. Das war keine harmlose Rangelei“, führte Hellmich aus.

Staatsanwaltschaft sieht direkten Tötungsvorsatz gegeben

Demnach müsse die Frau mindestens eine Minute bis drei Minuten lang gewürgt worden sein. Hellmich, der zu Beginn des Prozesses Totschlag angeklagt hatte, geht von vorsätzlichem Handeln aus und sieht außerdem das Mordmerkmal der Heimtücke gegeben: „Sie hat bis zuletzt nicht mit einem Angriff gerechnet, war arg- und wehrlos“, sagte Hellmich. Der Angeklagte habe die „äußerste Gefährlichkeit seines Tuns“ beim Würgen erkannt. „Zu keinem Zeitpunkt wollte er ihr helfen. Er hat ihr sogar das Gesicht zugedeckt.“ So sieht es auch Nebenklagevertreter Erwin Hubert.

Mehr noch: Er geht sogar davon aus, dass niedere Beweggründe und die besondere Schwere der Schuld vorliegen. „Es handelt sich um einen direkten Tötungsvorsatz. Seine Motivation war es, sie für den Trennungswunsch und die vermeintliche Untreue zu bestrafen.“ Sein Vorgehen – auch nach der Tat – sei kaltblütig gewesen. „Er kam ganz gefasst aus dem Zimmer und wollte einen Kaffee trinken gehen, sich also entfernen, bevor er entdeckt wird.“

Lebenslang? Urteil wird am Mittwoch gesprochen

Verteidiger Medeni Kurt erklärte, dass es nicht nachgewiesen sei, wie lange sein Mandant die Frau gewürgt habe. Es gebe keine Würgemale. Kurt betonte, dass auch eine Herz-Rhythmus-Störung nicht auszuschließen sei. In seinen Augen liege eine Körperverletzung mit Todesfolge vor. Er betonte die schwere Kindheit und Jugend des Angeklagten, der ohne Mutter und mit einem alkoholkranken Vater aufgewachsen sei.

Pflichtverteidiger Knut Hillebrand stellte heraus, dass der 27-Jährige nicht als aggressiv bekannt sei. Er habe die Getötete sehr geliebt. Es sei eine Spontantat ohne Vorsatz gewesen. „Es gab ja ein großes Entdeckungsrisiko, weil die anderen nebenan waren“, erklärte Hillebrand. Seiner Meinung nach sei das Mordmerkmal der Heimtücke nicht gegeben, weil die Frau nicht wehrlos gewesen sei. Die Verteidiger forderten eine milde Strafe mit bis zu vier Jahren Haft. Staatsanwalt Hellmich plädierte auf eine lebenslange Haftstrafe. Hubert forderte außerdem, dass der Angeklagte Hinterbliebenengeld zahlen soll: jeweils 15000 Euro an die beiden Kinder sowie 10000 und 12000 Euro an zwei Geschwister des Opfers.

Der Angeklagte bat am Ende die Familie des Opfers um Entschuldigung. Das Urteil wird die Kammer unter Vorsitz von Richter Josef Richter am Mittwoch um 12 Uhr sprechen.

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