Im Bandendiebstahl-Prozess in Fulda kamen am Dienstag zwei weitere Angeklagte zu Wort.
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Im Bandendiebstahl-Prozess in Fulda kamen am Dienstag zwei weitere Angeklagte zu Wort.

Widersprüchliche Aussagen

„Ich hatte nichts zum Anziehen“: Jüngster Angeklagter äußert sich im Bandendiebstahl-Prozess in Fulda

  • Anja Hildmann
    VonAnja Hildmann
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Im Prozess in Fulda gegen sechs Männer, die des Verdachts des Bandendiebstahls angeklagt sind, wurden vergangene Woche bereits vier Angeklagte gehört. Am Dienstag kamen die restlichen zwei Männer zu Wort.

Fulda - Nachdem in der ersten Sitzung vier der sechs Angeklagten ihre Sicht der Tatbestände schilderten, kam die Zweite Große Strafkammer am Dienstag (11. Mai 2021) erneut zusammen, um die übrigen zwei Männer anzuhören. Im improvisierten Gerichtssaal im Polizeipräsidium Osthessen wurden zwei Erklärungen abgegeben, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. 

Die sechs Angeklagten rumänischer Herkunft stehen seit Anfang Mai 2021 in Fulda wegen Verdacht auf Bandendiebstahl vor Gericht. Die Männer sollen als Bande in unterschiedlicher Zusammensetzung in Fulda, Eichenzell, Kassel und Lohfelden Diebstähle verübt haben. Sie sollen bei den acht Straftaten im Juli, August und September 2020 hochpreisige Waren aus Bekleidungs- und Elektronikgeschäften sowie Lebensmittel- und Baumärkten entwendet und weiterverkauft haben.

Fulda: Jüngster Angeklagter im Bandendiebstahl-Prozess spricht von Tat aus Not

Dabei seien sie laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft arbeitsteilig vorgegangen und hätten während der Taten über Telefon Kontakt gehalten. Der Schaden belaufe sich auf insgesamt mehr als 20.000 Euro. Der Jüngste der sechs Angeklagten hatte bereits in der ersten Sitzung vergangene Woche mehrfach versucht, die Äußerungen der vermeintlichen Mittäter zu kommentieren.

Mit dem Hinweis, dass er am nächsten Termin ohnehin die Möglichkeit erhalte, die Vorfälle aus seiner Sicht zu schildern, bremste der Vorsitzende Richter Joachim Becker den 19-Jährigen. „Ich werde erklären, was geschehen ist,“ begann er am Dienstag seine Aussage. Er äußerte sich zu den drei Fällen in einem Bekleidungsgeschäft im Emaillierwerk in Fulda vom 11. und 29. Juli und vom 8. August 2020, an denen er zusammen mit drei weiteren Angeklagten beteiligt gewesen sein soll. 

Bei der ersten Tat habe er die Tüte, in die er etwa 17 Artikel gepackt habe, aus Angst, entdeckt zu werden, im Kassenbereich stehen gelassen. Daraufhin habe er den Laden ohne Diebesgut verlassen – anders als seine Komplizen. Auch bei der zweiten Tat habe er selbst nichts entwendet, sagt er. Ware, die für seine schwangere Freundin bestimmt gewesen sei, habe er noch im Laden bei einem seiner Kollegen in die Tüte gesteckt, mit der dieser dann das Geschäft verlassen habe.

Mehrfach betonte er in seiner Erklärung, sich aus persönlicher Not an den Straftaten beteiligt zu haben. „Ich hatte nichts zum Anziehen und nichts zu Essen. Was hätte ich tun sollen?“, fragte er unter Tränen. „Hätte ich die Möglichkeit, die Kleidungsstücke zu bezahlen, würde ich es tun.“

Die Frage des Richters, ob es bei den Taten eine Vorabsprache gegeben habe, verneinte der 19-Jährige. Der Vorsatz, zu stehlen, habe in allen drei Fällen nicht bestanden – auch nachdem die Täter erfolgreich gewesen seien. Es sei stets eine spontane Entscheidung gewesen. Richter Becker zeigte sich bei dieser Aussage skeptisch und richtete eine Frage an den Angeklagten:„Glauben Sie das eigentlich selbst?“

Nach der emotionalen Äußerung des Jüngsten kam der Älteste der sechs Angeklagten zu Wort. Der 31-Jährige ließ über einen seiner zwei Rechtsanwälte eine Erklärung abgeben, in der die Vorfälle anders geschildert wurden: Dr. Sven Schoeller trug vor, dass sein Mandant mit seinen Mittätern, unter anderem dem 19-Jährigen, zuvor besprochen habe, gemeinsam in das Bekleidungsgeschäft zu gehen und zu stehlen.

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Dabei hätten sie außerdem vereinbart, arbeitsteilig vorzugehen: Manche sollten die Kleidungsstücke einpacken, manche das Verkaufspersonal ablenken und andere Schmiere stehen. Nach dem Erfolg der ersten Diebestour sei gemeinsam beschlossen worden, weitere Diebstähle in dieser Form durchzuführen.

Seine Aufgaben seien der Transport der Ware, die Ablenkung des Personals sowie die Absicherung vor Ort gewesen. Fragen wollte der 31-Jährige nicht beantworten. Zum Schluss verlas Richter Becker Transkripte von Telefonüberwachungen, die als Beweismittel angeführt wurden. In den Gesprächen zwischen den Angeklagten ging es unter anderem um Fluchtwege, um das Verhalten vom Personal und um mögliche Verkaufswerte der Ware. Außerdem wurden Anweisungen erteilt.

Die Verhandlung wird Dienstag (18. Mai 2021) um 9 Uhr am gleichen Ort fortgesetzt. Es sollen erstmals Zeugen aussagen.

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