Auf Baustellen droht Stillstand. Denn die Preise für Baustoffe wie Holz und Dämmstoffe steigen rasant – oder können momentan gar nicht geliefert werden.
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Auf Baustellen droht Stillstand. Denn die Preise für Baustoffe wie Holz und Dämmstoffe steigen rasant – oder können momentan gar nicht geliefert werden.

Unternehmen aus Fulda berichten

Preise steigen rasant, Lieferungen bleiben aus: Auf vielen Baustellen droht Stillstand - „Extreme Probleme“

  • Christian Weber
    vonChristian Weber
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Schock an der Baustelle: Für Häuslebauer, Baufirmen und Architekten wird die Kalkulation aktueller Projekte immer schwieriger. Weil die Preise für Baustoffe wie Holz und Dämmstoffe rasant steigen – oder momentan gar nicht geliefert werden können. Unternehmen aus Fulda berichten.

Fulda - Seit dem vierten Quartal 2020 gibt es bei verschiedenen Materialien eine „sehr dynamische“ Preisentwicklung, sagt der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, Felix Pakleppa. Bei Holz, Mineralölerzeugnisse und Betonstahl seien starke Preissteigerungen zu verzeichnen.

Der Bundesverband Farbe berichtet sogar von Preiserhöhungen um rund 50 Prozent – bei Wärmedämmung, teilweise auch bei Trockenbauprofilen. Lieferengpässe durch Corona-bedingte Ausfälle in der Logistik, unerwartete Verschiebungen der internationalen Nachfrage sowie Stilllegungen und Unfälle in Fabriken sind die Gründe, die die Anbieter anführen.

Fulda: Wenn Baustellen stillstehen - Geschäftsführer von Günther Bau befürchtet Kurzarbeit im Sommer

Die extremen Lieferengpässe bis hin zu Lieferstopps könnten bald so manche Baustelle auch in der Region lahm legen – und Betriebe in Bedrängnis bringen. „So etwas habe ich in 30 Jahren nicht erlebt“, hadert etwa Alexander Günther (46), Geschäftsführer von Günther Bau aus Fulda. „Wir haben gerade extreme Probleme, Dämmstoffe zu bekommen.“ Was normalerweise sofort geliefert wird, werde nun für Ende Mai in Aussicht gestellt. „Es gibt auch große Probleme mit Rohren aus Kunststoff.“

Eine paradoxe Situation, die momentan viele Baufirmen trifft: Die Auftragsbücher sind voll, aber wichtige Materialien nicht zu bekommen. „Wenn sich die Lage nicht schnell entspannt, werden Baustellen still stehen. Dann werden wir im Sommer in Kurzarbeit gehen müssen“, meint Günther. (Lesen Sie hier: Fulda nutzt Corona-Zeit und Hessentag-Ausfall für Straßenbau: Bronnzeller Kreisel wird zur Dauer-Baustelle)

Dietmar Ahle vom Bundesverband Farbe sagt, die Lieferengpässe und Preiserhöhungen kämen in einer Phase, in der die Kapitaldecke bei Bauherren ebenso wie bei den Handwerksbetrieben ohnehin dünner werde. Ahle befürchtet daher „Stillstand auf den Baustellen und eine Pleitewelle bei den Betrieben.“ Diese Befürchtung unterstreicht auch die Frühjahrsumfrage des ZDB (Zentralverband Deutsches Baugewerbe).

Bundesverband Farbe warnt vor „Stillstand auf den Baustellen und eine Pleitewelle bei den Betrieben“

Gut 70 Prozent der befragten Firmen haben derzeit Probleme bei der Beschaffung von Stahl, bei Kunststoffen sind es rund 80 Prozent und bei Holz sogar 84 Prozent. Auch wa.de berichtet über den Anstieg der Holzpreise*. Die Lieferschwierigkeiten führen immer häufiger zu Bauverzögerungen. Und: Fast alle der befragten Unternehmen haben zuletzt Preissteigerungen bei Baumaterial festgestellt, 75 Prozent sprechen von deutlichen Preissteigerungen, 22 Prozent von leichten, so der ZDB. Hoffnung auf Besserung ist nicht in Sicht: In den kommenden Monaten wird mit weiteren Preissteigerungen gerechnet, da die Nachfrage hoch bleibt.

Gerade für Holzbauunternehmen sei es schwer, in dieser Situation Aufträge zu planen und zu kalkulieren. „Die Nachfrage nach Holz ist im Inland aber auch durch vermehrten Export insgesamt gestiegen. Hinzu kommen die klimabedingten Folgen von Trockenheit, Stürmen und Borkenkäfern in den vergangenen Jahren, die sich zusätzlich auch auf Logistik und Produktion auswirken“, erklärt Peter Aicher, Vorsitzender vom Verband Holzbau Deutschland.

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Betroffen von Preissteigerungen sind auch Fertighausanbieter, etwa Rensch-Haus aus Kalbach-Uttrichshausen. „Ja, wir spüren die Entwicklung in verschiedenen Bereichen“, sagt Geschäftsführer Martin Rensch. „Wir haben unsere Lagermengen angepasst und gehen aktuell davon aus, dass wir Bauelemente und Materialien noch in ausreichender Menge erhalten. Wie sich dies weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten.“ Kunden von Rensch-Haus spüren die Entwicklung aktuell nicht, da das Unternehmen den vereinbarten Preis für zwölf Monate fest garantiert, sagt Rensch, der hinzufügt: „Ich rate jedem der bauen will, sich zügig zu entscheiden.“

Private Häuslebauer stehen in der Tat vor einem Dilemma: Die tatsächlichen Kosten für den Hausbau sind derzeit oft kaum kalkulierbar, viele Planungen spätestens bei der Materialbeschaffung Makulatur. „Wir sehen seit zwei, drei Jahren erhebliche Probleme bei der Schätzung von Baukosten“, bestätigt Andreas Staubach (62), Architekt beim Fuldaer Architektenbüro Staubach und Partner.

In den vergangenen Monaten habe sich die Situation weiter verschärft. „Es ist schwer, darauf zu reagieren. Wir befürchten, dass die Preise weiter anziehen“, glaubt Staubach. Der private Häuslebauer profitiere zwar einerseits von niedrigen Zinsen. Diesen Vorteil fressen die Kosten für Baustoffe und Bodenpreise aber wieder auf. Was also tun? „Ich würde jetzt eher eine Immobilie kaufen und sanieren“, rät Staubach. (Lesen Sie hier: Jökel Bau aus Schlüchtern errichtet Hochhäuser in Frankfurt - Bagger mit 3D-Steuerung im Test)

Leinweber: Exorbitante Preissteigerungen beim Holz - Keine Entspannung der Lage in Sicht

Im Interview mit der Fuldaer Zeitung spricht der Geschäftsführer von Leinweber Baucentrum in Fulda, Sebastian Leinweber, von einer angespannten Situation auf den Baustellen. Grund dafür sei vor allem der Lieferengpass von Baustoffen.

Herr Leinweber, gibt es bereits Lieferschwierigkeiten in der Region?
Die Situation ist angespannt. Engpässe gibt es momentan vor allem bei Holz, Kunststoff und Stahl. Wir haben noch gewisse Lagerbestände, das meiste davon ist aber schon verkauft. Momentan greift ein Problem ins andere, solch eine Situation hatten wir noch nicht.  
Was genau ist das Problem?
Zum einen ist die Nachfrage groß. Beim Holz kommt hinzu, dass sich die USA stark auf dem europäischen Markt bedienen, weil sie momentan keine Ware aus Kanada bekommen. Das führt dann dazu, dass teilweise auch andere Hersteller, die eigentlich nicht betroffen sind, nichts mehr liefern können, weil zum Beispiel keine Holzpaletten mehr da sind.  
Warum gibt es bei Kunststoff Schwierigkeiten?
Da wirken verschiedene Faktoren. Zum Beispiel ein Produktionsausfall in einem belgischen Werk, das über 50 Prozent des deutschen Bedarfes an Kunststoffgranulat liefert. Die Folge ist, das nicht nur reine Kunststoffartikel wie Dämmstoffe oder PVC-Rohre betroffen sind, sondern auch Farbhersteller Probleme bekommen, weil sie keine Kunststoffeimer mehr bekommen.
Was sind die Folgen dieser Entwicklung?
Eine Folge sind natürlich Preissteigerungen, die teilweise wie beim Holz exorbitant sind und erhebliche Verzögerung bei der Lieferung bestimmter nicht-regionaler Produkte.
Rechnen Sie mit einer Entspannung in diesem Jahr?
Beim Kunststoffmarkt rechnen wir mit einer Entspannung in der zweiten Jahreshälfte. Beim Holz sieht es schlechter aus. Da ist es aus unserer Sicht nicht absehbar, wann sie die Lage sich entspannt.

*wa.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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