Urne statt Sarg: Die Feuerbestattung hat sich in Deutschland längst durchgesetzt.
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Urne statt Sarg: Die Feuerbestattung hat sich in Deutschland längst durchgesetzt.

Trend auch in Fulda erkennbar

Beliebtheit der Urne ungebrochen - Eine Bedrohung der Friedhofskultur?

Die Feuerbestattung hat sich in Deutschland längst durchgesetzt. Doch warum entscheiden sich so viele Menschen gegen die klassische Erdbestattung?

Fulda - Der Bundesverband Deutscher Bestatter gibt das Verhältnis von Feuer- zu Erdbestattungen mit etwa 70 zu 30 Prozent an. Den Trend zur Einäscherung führt er auf eine Vielfalt von Gründen zurück. So ergäben sich daraus beispielsweise neue Möglichkeiten der Beisetzung in Urnengräbern, Grabeskirchen oder Bestattungswäldern.

Der Bestatter Stefan Schneider von Storch Bestattungen aus Fulda kann diese Entwicklung bestätigen. Für sein Unternehmen belaufe sich der Anteil an Feuerbestattungen auf mindestens zwei Drittel. Seiner Erfahrung nach sind es vor allem rationale Erwägungen – sowohl der Verstorbenen selbst, als auch ihrer Hinterbliebenen –, die die Entscheidung zur Urne begründen. „Grabpflege, Grabstein, die Grabstelle generell, das sind alles Kostenpunkte, die bei einem Urnengrab geringer ausfallen“, resümiert der Experte.

Fulda: Beliebtheit der Urne ungebrochen - Eine Bedrohung der Friedhofskultur?

Meist hätten die Verstorbenen selbst erlebt, was es heißt, ein Erdgrab über Jahrzehnte zu pflegen, und wollen diese Bürde ihren Angehörigen schlicht ersparen. „Ich weiß noch, in meiner Kindheit war es üblich, nahezu täglich zum Friedhof zu gehen, um die Gräber zu gießen“, erzählt der Bestatter. Dies sei einfach nicht mehr zeitgemäß. Außerdem herrsche heutzutage eine viel größere Mobilität. Häufig würden Hinterbliebene zum Beispiel vor der Frage stehen, was mit dem Grab des Vaters passiert, wenn plötzlich berufsbedingt ein Umzug von Hamburg nach München ansteht. „Eine Urne lässt sich schnell und einfach umbetten“, erklärt Schneider, „Bei einem Erdgrab ist das mit erheblich mehr Aufwand verbunden.“

Ein weiterer Aspekt, der wie kaum ein zweiter für den Wandel der Bestattungskultur steht, ist der Trend zu sogenannten Bestattungswäldern. Auch hier wird der Verstorbene zunächst eingeäschert. Stefan Schneider kann für sein Unternehmen diesen Trend ebenfalls bestätigen. Anfangs sei er verwundert gewesen, wie stark diese Bestattungsart, die Anfang der 2000er Jahre zuerst in der Schweiz aufkam, hierzulande nachgefragt wurde. Die Entwicklung an sich könne zwar häufig als Ausdruck einer besonderen Naturverbundenheit gedeutet werden. Im Grunde schwinge in den meisten Fällen aber gleichzeitig der rationale Aspekt einer vereinfachten Grabpflege mit.

Für den Erhalt der Friedhofskultur - und gegen Bestattungswälder

Dem Trend zu Bestattungswäldern kritisch gegenüber stehen Heinz und Susanne Böse vom „Max Böse Grabmalzentrum“, die sich für den Erhalt der Friedhofskultur einsetzen. Es bestehe die Gefahr, dass die klassischen Ruhestätten durch die Begräbniswälder immer weiter „ausbluten“ würden. Der Friedhof biete als geschützter Raum für Trauernde alle Möglichkeiten des Gedenkens. Man müsse daher den Wandel der Bestattungskultur gleichsam als Chance begreifen, um neue, kreative Friedhofskonzepte zu entwickeln, welche die gewandelten Bedürfnisse der Trauernden widerspiegeln. Entsprechend plädiert Susanne Böse für eine Vielfalt auf den Friedhöfen – was Ruhestätten unter altem Baumbestand innerhalb der Friedhofsmauern mit einschließen könne.

Für Böse stehe die Person des Verstorbenen im Zentrum. Es gehe um Individualität. Der Ausdruck eines Grabmals solle im besten Fall „eine Brücke zur Persönlichkeit des Verstorbenen schlagen“. Lediglich eine kleine Plakette, mit dem Namen – oder wie in manchen Begräbniswäldern üblich nur einer Nummer – am Stamm des Baumes, ohne etwa eine Grableuchte oder ähnliche Trauerhandlungen zuzulassen, „hätte etwas von Spurlosigkeit“. (Lesen Sie auch hier: Letzte Ruhe unter Bäumen: Bei Kerzell soll 2022 der erste Waldfriedhof im Raum Fulda entstehen)

Video: Bio-Urnen aus dem 3D-Drucker

Die Bestattungskultur wandelte sich in jeder Epoche. Standard scheint schon länger die Kremation sowie der Wunsch nach kleineren Grabflächen zu sein. Ob der Waldtrend anhalten wird und Friedhöfe schon bald ausgedient haben, scheint dagegen eine gewagte These. Denn die klassischen Ruhestätten reagieren und bieten nun ebenfalls neue Möglichkeiten der Beisetzung an. So antwortet die Stadt Fulda auf dem Hauptfriedhof West mit dem Areal „Himmelsgarten“ auf den Wunsch vieler Bürger, unter Bäumen zur letzten Ruhe gebettet zu werden.

Susanne Böse weist in diesem Zusammenhang auf das wachsende ökologische Bewusstsein in der Bevölkerung hin. Daher sei nicht unwahrscheinlich, dass die CO2-Bilanz bald auf diesem Feld ebenso eine Rolle spielen wird. Ihrer Ansicht nach sei durchaus denkbar, dass viele Umweltbewusste in Zukunft auf die Verbrennung ihres Leichnams verzichten werden – um auch auf ihrem „letzten Weg“ den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. (Von Tobias Kannapin)

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