Bestatter Philipp Heres und seine Kollegin Nina Brand-Kruth bei der Einsargung eines Verstorbenen.
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Bestatter Philipp Heres und seine Kollegin Nina Brand-Kruth bei der Einsargung eines Verstorbenen. 90 Prozent der Bestattungen sind laut Heres allerdings Urnen-Bestattungen.

Corona-Tote bekommt niemand mehr zu Gesicht

Reportage: Bestatter Philipp Heres (36) berichtet vom Tod, der Würde und Corona

  • Sarah Malkmus
    vonSarah Malkmus
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Er ist so unerschütterlich wie einfühlsam, und er behandelt jeden Toten wie einen Freund: Der 36-jährige Philipp Heres ist Bestatter und führt sein Institut in Neuhof. Er erzählt uns vom Tod, von Würde und von der Beerdigung von Corona-Toten.

Neuhof - Sein Gesicht wird zur Hälfte von einer schwarzen Maske verdeckt, während er den in weiße Laken gehüllten Körper freilegt. Eine schwarze kastige Tasche steht auf dem Boden und erinnert an die eines Arztes. Philipp Heres greift nach einer Schere und schneidet das grün gemusterte Hemd auf, das den leblosen Körper umhüllt. Der 89-jährige Mann mit weißem Haar sieht friedlich aus. „Das ist mein Vater“, sagt der Sohn des Verstorbenen mit unerwartet lauter Stimme und streicht dem Toten liebevoll über die Hände. Dass Angehörige bei der Einsargung dabei sind oder gar helfen, kommt öfter vor, erzählt Heres.

Eine schwarze Anzughose, ein weißes Hemd, Krawatte und Sakko sind fein säuberlich aufgebügelt und hängen am Türgriff. „Die dicken Socken lassen wir an, oder?“, fragt Heres’ Kollegin Nina Brand-Kruth. „Ist ja schließlich kalt“, ergänzt sie, ohne eine Antwort zu erwarten und zieht sie an den Knöcheln des Leichnams straff, als hielten sie den Toten warm.

Der 36-jährige Philipp Heres ist Bestatter und führt sein Institut in Neuhof. 

Bestatter Heres kleidet die Toten in ihr letztes Gewand

In dem weiß gefliesten, hohen Raum ist es hell und kalt. Die terrakottafarbene Eingangstür gibt dem Raum ein wenig Farbe. Eine rote Kerze weilt einsam auf einem Ständer neben der Zelle. Die Kühlzelle aus Edelstahl, aus der Heres und seine Kollegin den Toten gezogen haben, nimmt etwa ein Viertel des Raumes ein. Ein kleines Thermometer zeigt in roter Schrift drei Grad an, manchmal vier.

Verkehrtherum und mit dem Kragen nach unten legen Heres und Brand-Kruth nun das weiße Hemd auf dem Oberkörper des Toten ab und ziehen langsam und behutsam die Arme des Toten durch die Ärmel. Sie arbeiten mit liebevoller Vorsicht. Dann heben sie den Oberkörper des Mannes an, als wollten sie ihn in die Arme schließen. Schließlich stülpen sie das Hemd über den Kopf des Toten, um es am Rücken herunterzuziehen. Es wird die letzte Robe des Mannes sein. Und sie soll ihn kleiden, als bestreite er seinen wichtigsten Tag. Indes legt der Sohn sich die Krawatte seines Vaters selbst um den Hals, bindet sie und nimmt sie ab. Der Vater soll sie nun tragen.

In einer Tasche befinden sich all jene Dinge, die Philipp Heres benötigt, um die Toten für die Beerdigung vorzubereiten.

Als Bestatter trägt Philipp Heres immer einen schwarzen Anzug

„Es ist zwar ein lebloser Körper“, sagt Heres ruhig, aber mit klarer Stimme. „Doch nur weil er leblos ist, heißt das nicht, dass er keinen Respekt verdient.“ Tote sind keine Objekte. Es sind Körper, in denen kein Leben mehr ist. Respekt ist ein Wort, das Heres häufig nutzt. Auch wenn es um seine eigene Robe geht. Freizeitkleidung trägt er während der Arbeit nie. Der Bestatter trägt immer einen schwarzen Anzug.

Die Farbe Schwarz verbinden viele mit Ungewissem, mit Angst, mit Tod. Aber sie kann ebenso Respekt und Wertschätzung ausstrahlen. Fragt man Heres, ist das so. Und genau darum geht es ihm: um Respekt, um Wertschätzung.

Im Corona-Jahr 2020: Acht Beerdigungen dieser Art

Nicht immer sieht eine Einsargung in diesen Tagen so persönlich aus. Genauer gesagt: Sie darf nicht immer so aussehen. Denn Corona hat selbst vor dem Geschäft mit dem Tod nicht Halt gemacht. Wenn Heres Menschen bestattet, bei denen das Virus nachgewiesen wurde, mutet die Prozedur stets seltsam an. Der intime und persönliche Moment zwischen den Lebenden und dem Toten fällt der Pandemie dann schmerzlich zum Opfer. Acht Beerdigungen dieser Art hat der 36-Jährige bereits organisiert.

„Bodypack“ nennt sich der Sack, in dem Menschen bestattet werden, die an oder mit dem Coronavirus gestorben sind.

Statt eines schwarzen Anzugs trägt der Bestatter dann einen weißen Schutzanzug. Neben Mundschutz und Handschuhen, die er jetzt während der Pandemie ohnehin tragen muss, blickt er außerdem durch eine Schutzbrille. Den Toten hüllt er in einen weiß glänzenden Leichensack und verschließt diesen mit einem Reißverschluss. Für immer. Eine Schutzmaßnahme, eine sterile Vorschrift. „Kennt man vielleicht aus dem ,Tatort‘“, sagt er. Das Wort Leichensack nutzt der 36-Jährige jedoch nicht gern. Er empfindet es als abwertend. Er nennt es „Bodypack“.

Informationen des RKI

Es existieren keine Daten zur Ansteckungsgefahr von Covid-19-Verstorbenen. Aus diesem Grund muss ein infizierter Verstorbener als ansteckend angesehen werden.

Auf der Todesbescheinigung muss auf die SARS-CoV-2-Infektionsgefahr hingewiesen werden.

Grundsätzlich müssen beim Umgang mit Covid-19-Verstorbenen die Maßnahmen der Basishygiene eingehalten werden. 

Beim direkten Kontakt sind diese: Barrieremaßnahmen (Einmalhandschuhe, Schürze und Schutzkittel, wenn ein Risiko besteht, dass Körperflüssigkeiten oder Sekrete freigesetzt werden: zusätzlich Mund-Nasen- und Augenschutz), Händehygiene, Flächendesinfektion, Abwasser- und Abfallentsorgung wie bei anderen infektiösen Verstorbenen.

Darüber hinaus sollte vermieden werden, dass Mitarbeiter eingesetzt werden, die einer Risikogruppe angehören.

Eine Ankleidung findet bei Coronatoten ebenso nicht mehr statt. Der Tote muss in jener Kleidung bestattet werden, die er trug, als er starb. Niemand darf sich den Verstorbenen dann noch einmal ansehen, niemand darf sich von Angesicht zu Angesicht verabschieden. Der in den großen weißen Sack gehüllte Körper wird in den Sarg gelegt, der Sarg wird verschlossen und nie noch einmal geöffnet. Stirbt ein Mensch an oder mit dem Virus im Krankenhaus, findet Heres den Leichnam bereits in einem solchen Sack in der Kühlzelle vor. Den Verstorbenen wird selbst der Bestatter dann nicht mehr zu Gesicht bekommen. Der Reißverschluss muss geschlossen bleiben.

Bestatter: „Ich bin 365 Tage im Jahr erreichbar“

Geht es um den Tod, schrecken viele Menschen zurück. Manche fürchten ihn, manche verdrängen ihn. Heres arbeitet mit ihm. Jeden Tag aufs Neue ist er mit dem Mysterium konfrontiert. Doch das ist für ihn normal, nicht düster, nicht traurig. Da ist keine Angst in seinen Augen, da ist die Wertschätzung des Lebens. Sein Blick auf den Tod kann heilsam sein für jene, die ihn fürchten. „Es ist nunmal der Weg, den jeder von uns gehen muss.“

Kommt Heres nach der Arbeit nach Hause, ist das wie Eintauchen in eine andere Welt. „Klamotten aus und Schluss“, sagt er. Und das, obwohl er an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden erreichbar ist. Feiern andere Weihnachten, sitzt der Bestatter mitunter mit Angehörigen der Verstorbenen zusammen, tröstet, redet, organisiert. Aber das ist, was ihn erfüllt – und was er bedächtig lächelnd seinen Traumberuf nennt: den Trauernden zur Seite stehen und den Toten einen würdevollen Abschied bereiten.

Vom Bäcker über den Rettungsdienst zum Inhaber eines Bestattungsinstituts

Bestatter war Heres nicht immer. Gelernt hat er das Bäckerhandwerk, anschließend war er sieben Jahre im Rettungsdienst tätig. Schon früh hat er einem Bekannten bei Einsargungen geholfen, erst später ein Bestattungsinstitut übernommen. Nun führt er seit zehn Jahren sein eigenes.

Neben die Liege aus Edelstahl, auf der der Leblose angekleidet wurde, schiebt der Bestatter nun den Sarg auf einem speziellen Wagen. Dann greifen Heres, Brand-Kruth und der Sohn vorsichtig nach den Beinen des Mannes und legen sie behutsam hinein. Dann folgt der Oberkörper.

Bestatter Heres: „Ich habe so etwa alles gesehen“

Sorgfältig und akkurat wird eine seidene Decke gefaltet und auf den Körper des Toten gelegt, als gebe es nur eine einzige richtige Position, die diese Decke einnehmen darf. Kleine Fältchen werden mit den Händen glattgestrichen. Sitzt hier und da das Sakko nicht richtig, sagt Heres „das erledigen wir sofort“, und zupft ein paar Mal an den Schulterpolstern. „So“, sein Blick gleitet prüfend über den Leichnam. Dann holt der 36-Jährige einen Kamm aus der kastigen Tasche und kämmt das weiße Haar des Mannes. Bevor der Sarg geschlossen wird, faltet Heres die Hände des Toten. Ein alter katholischer Brauch.

Der Tod hat sich dem 36-Jährigen in all den Jahren in vielen Facetten gezeigt. „Ich habe so etwa alles gesehen, was man sich vorstellen kann“, sagt er. Säuglinge, Kinder, Junge, Alte, Unfallopfer und Suizidtote. Und trotz seiner Routine behandelt er jeden Toten wie einen Freund. Wenn er das darf; wenn Corona ihm das erlaubt.

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