Im Interview spricht Bischöfin Beate Hofmann über Corona, Rassismus und gelebte Ökumene.
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Im Interview spricht Bischöfin Beate Hofmann über Corona, Rassismus und gelebte Ökumene.

Nach zwei Jahren im Amt

Bischöfin Beate Hofmann über Mitgliederschwund in der Kirche, Impfpflicht und Rassismus

  • Hartmut Zimmermann
    VonHartmut Zimmermann
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Die erste kurhessische Bischöfin Beate Hofmann blickt nach zwei Jahren im Amt auf Corona, auf Rassismus und Antisemitismus und auf gelebte Ökumene. 

Frau Hofmann, Sie stehen als erste Bischöfin der kurhessischen Kirche in einer Reihe von Vorgängern, die – wie Sie heute – einen Schrumpfungsprozess gestalten mussten. Weniger Mitglieder, tendenziell weniger Geld, dazu die Corona-Pandemie: Kann man unter diesen Umständen Zukunft gestalten?
Kurz bevor die Synode mich zur Bischöfin gewählt hat, wurde die „Freiburger Studie“ veröffentlicht, die sehr nüchtern Zahlen zur Mitgliederentwicklung der Kirchen darlegt. Damit war schon vorher klar, dass ich mein Amt in einer Zeit der Transformation, der Veränderung übernehme. Dabei empfinde ich die Pandemie als einen Veränderungsbeschleuniger. Und trotz allem Schrecklichen, was sich mit Corona verbindet, liegt darin auch eine Chance. Denn Corona führt uns vor Augen, wozu wir als Kirche da sind. Wir nehmen die Erwartungen der Menschen an uns deutlicher wahr. Und wir haben uns in vielen Bereichen viel schneller in Bewegung gesetzt, als wir es ohne diesen Druck getan hätten.
Was kann Kirche tun in Zeiten aufflammender rassistischer und rechtsextremer Gewalt?
Das Thema begleitet mich seit meiner Wahl als Bischöfin: Kurz nach meiner Wahl wurde Walter Lübcke ermordet, wenig später folgte der Anschlag auf die Synagoge in Halle, und dann kam der Hanauer Anschlag vom 19. Februar 2020. Wir sind als Kirche der Initiative „Offen für Vielfalt – Geschlossen gegen Ausgrenzung“ beigetreten. Mir war es wichtig, die Menschen, die an dem Thema dran sind, zusammenzubringen. Deswegen haben wir in der vergangenen Woche den Jahresempfang unserer Landeskirche in Hanau (Main-Kinzig-Kreis) gestaltet und in dem Jugendzentrum die Opfer-Angehörigen von Hanau und Walter Lübckes Sohn Christoph zusammengebracht. Mit ist es wichtig, dass wir als Kirche das Leben in Vielfalt fördern und den Umgang mit Unterschieden einüben.

Fulda: Bischöfin Beate Hofmann über Corona, Ökumene und Rassismus

Ist Antisemitismus eine stetige oder eine wachsende Bedrohung?
Ich glaube, Antisemitismus war immer da, aber er wird jetzt wieder offensichtlicher. Die Hemmschwelle, sich antisemitisch und rassistisch zu äußern, sinkt.
Mit welcher Erwartung schauen Sie auf die Zeit der „Ampel“-Regierung?
Im Koalitionsvertrag sehe ich viele Punkte – von der sozialen Gerechtigkeit bis zur Nachhaltigkeit und dem Klimaschutz –, die wir auch voranbringen wollen. Da sehe ich Übereinstimmungen. Aber wir haben erstmals einen Bundeskanzler, der nicht Mitglied einer christlichen Kirche ist, und auch im Parlament und in den Ministerien sind mehr Menschen ohne Kirchenbindung. Da geht es zudem um die Frage, inwieweit wir als Partner bei gesellschaftlichen Fragen wahrgenommen werden und ob die neue Regierung die Chancen der Subsidiarität sieht.
Was kann ökumenisches Miteinander in Zeiten des „Weniger“ leisten?
Wir denken im Bereich der Kindertagesstätten über eine engere Zusammenarbeit nach. Und wir schauen gerade sehr intensiv auf die Chancen einer gemeinsamen Immobilien-Nutzung. Da erlebe ich die Zusammenarbeit mit Bischof Michael Gerber als sehr zielorientiert auf unsere gemeinsame Aufgabe als Christinnen und Christen in der Region. Das bezieht Gemeindehäuser ebenso ein wie Kirchen. Im Bistum Fulda gibt es durch den Reorganisationsprozess eine hohe Bereitschaft zur Kooperation. Wir haben ja mit den „Simultankirchen“ (von den Konfessionen gemeinsam genutzten Sakralbauten) ein seit Jahrhunderten eingeübtes Modell, warum sollten wir das nicht wiederbeleben?
Sind die Menschen überall zu so viel Miteinander bereit?
Ich habe gelernt, dass das verschieden ist. Aber ich nehme wahr, dass für viele Menschen der Konfessionsunterschied an Bedeutung verliert und dass es ihnen wichtig ist, dass „Kirche“, dass das christliche Zeugnis präsent ist. Katholisch oder evangelisch – das spielt bei Gottesdienstformen noch eine größere Rolle, aber insgesamt deutlich weniger als früher.
Sie haben in Ihrem Grußwort während der Priesterweihe im Fuldaer Dom die Hoffnung auf eine Zulassung von Frauen zum Priesteramt formuliert. War das kess – oder übergriffig?
Aus meiner Sicht war das ehrlich. Mir war es wichtig zu sagen, was diese Ausschluss-Erfahrungen mit den Frauen und mit uns als evangelischen Geschwistern machen. Denn ich habe viele katholische Kolleginnen, die sehr darunter leiden, ihre Gaben nicht einbringen zu können. Diesen Schmerz nehme ich deutlich wahr. Ich habe allerdings nicht damit gerechnet, dass das für manche Menschen so empörend wirkte. Und ich bedauere, dass auch Michael Gerber Ziel scharfer Kritik wurde. Das habe ich nicht gewollt. Neben der Kritik habe ich aber – das freut mich – auch viele sehr positive Briefe bekommen.

Video: Start der Bischofskonferenz in Fulda

Wie stehen Sie zur Frage der Impfpflicht?
Unsere Synode hat einen klaren Impfappell verabschiedet, auch um deutlich zu machen: Die Impfung schützt nicht nur euch, sondern auch die anderen. Es ist für mich auch ein Akt der Nächstenliebe dafür zu sorgen, dass ich möglichst wenig infektiös bin. Ich kenne die Argumente gegen die Impfung, aber ich kenne auch die Zahlen aus den Intensivstationen und über Long-Covid-Patienten. Die Abwägung ist für mich eindeutig: Das Risiko sich zu infizieren und schwer zu erkranken, ist sehr viel höher als mögliche Komplikationen durch eine Impfung.
Ich glaube, dass eine Impfpflicht helfen würde in den Krankenhäusern, den Altenheimen, den Behinderteneinrichtungen, den Schulen, den Gefängnissen. Eine Herdenimmunisierung, in der man das Pandemiegeschehen frei laufen lässt, ist für mich menschenverachtend gegenüber denen, die sterben werden, gegenüber denen, die Long-Covid haben, und gegenüber denen, die das als Mitarbeitende auf den Intensivstationen auffangen und aushalten müssen.
Als Kirche Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zusammenzubringen und zugleich eine klare Position zu vertreten, ist sehr herausfordernd. Aber wenn uns „Ausgrenzung“ der Nicht-Geimpften vorgeworfen wird, dann sage ich sehr klar: Meine Hautfarbe oder meine Behinderung, die bringe ich mit. Aber mich impfen zu lassen oder nicht – das ist eine aktive Entscheidung. Und wenn ich das nicht tue, dann werde ich nicht ausgegrenzt, sondern dann grenze ich mich aus einem gesellschaftlichen Konsens aus. Die Frage ist: Wer sind die Schwachen? Das sind für mich die Kinder, die Risikopatienten und alle, die die Folgen der Pandemie ausbaden.

Das gesamte Interview lesen Sie in der Printausgabe der Fuldaer Zeitung von Samstag, 11. Dezember, oder im E-Paper.

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