Fuldas Bischof Dr. Michael Gerber hat sich in seiner Predigt zum Jahreswechsel an die Bevölkerung gewandt. 
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Fuldas Bischof Dr. Michael Gerber hat sich in seiner Predigt zum Jahreswechsel an die Bevölkerung gewandt. 

Predigt im Fuldaer Dom

Fuldas Bischof Michael Gerber gedenkt zum Jahreswechsel den Opfern von Corona und dem Anschlag in Hanau

  • Ann-Katrin Hahner
    vonAnn-Katrin Hahner
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Fuldas Bischof Dr. Michael Gerber hat sich in seiner Predigt zum Jahreswechsel an die Bevölkerung gewandt. Lesen Sie im Folgenden eine Zusammenfassung des Bistums Fulda.

Fulda - Die Coronakrise, die das Jahr 2020 prägte, hat nach den Worten des Bischofs von Fulda, Dr. Michael Gerber, „eine erschreckend umfassende und nachhaltige Wirkung.“ In einer Predigt zum Jahreswechsel sagte Bischof Gerber: „Bei Corona haben wir es nicht mit einer Probe, sondern mit dem Ernstfall zu tun. Für viele Menschen ist das, was vor Jahresfrist noch sehr weit weg war, bitterer Ernst geworden.“

Deshalb galt das Gebet im Gottesdienst zum Jahresabschluss 2020 im Fuldaer Dom vor allem für „die vielen, die an und mit Corona gestorben sind und die Angehörigen, die um sie trauern.“ Zudem wurde gebetet für alle, „die jetzt im Dienst am Nächsten besonders herausgefordert sind“ - für die Beschäftigten in Medizin und Gesundheitswesen - sowie für jene, die durch die Pandemie wirtschaftlich getroffen sind. Gerber erinnerte im Rückblick 2020 auch an die Anschläge von Hanau im Februar und das schreckliche Ereignis vom Rosenmontag in Volkmarsen.

Bischof Michael Gerber gedenkt zum Jahreswechsel den Opfern von Corona und dem Anschlag in Hanau

Zum Jahreswechsel gehöre auch das Gedenken der Toten in Hanau und das Mitgefühl mit jenen, die von dem, was damals geschah, betroffen sind: „Ihre Biografien werden ein Leben lang geprägt sein von jenen Momenten am Anfang dieses Jahres.“ 

Mit Blick auf die Finanzen der Kirche erklärte der Bischof von Fulda, das Bistum werde - mit Blick auf knapper werdende Ressourcen - gut unterscheiden und die Frage stellen müssen: „Was ist unser Kernauftrag als Kirche, wo sind wir unverzichtbar, wenn es darum geht, konkrete Wege zu beschreiten, wie Menschen heute in eine Beziehung zu Jesus Christus und zu seinem Evangelium finden und daraus die Herausforderungen ihres Lebens sowie Kirche und Gesellschaft gestalten?“

Die zweite Frage sei: „Wo sind wir profiliert und im Konzert, bisweilen auch im Wettstreit mit anderen gesellschaftlichen Größen tätig in den Bereichen Caritas, Bildung und Kultur?“ Gerber sagte dazu: „Kirche ohne Caritas, Bildung und Kultur wäre keine Kirche. Was auf diesen Feldern geschieht, hat nicht nur eine Wirkung in die Gesellschaft sondern prägt entscheidend auch die Kirche in ihrem Selbstverständnis und in ihrem Verhalten.“ Doch das Bistum werde künftig kritischer als bisher prüfen müssen: „Was ist wo angesichts der unterschiedlichen Anbieter jetzt unsere Aufgabe?“

Jahreswechsel wirft Fragen auf: Wohin soll sich die Kirche 2021 bewegen?

Hinzu komme eine dritte Frage: „Was können wir als Bistum Fulda zusammen mit anderen gesellschaftlichen Größen tun?„ Bischof Gerber äußerte sich zum Jahresabschluss dankbar für die Begegnungen und gemeinsamen Initiativen mit „unserer evangelischen Schwesterkirche Kurhessen-Waldeck und dabei besonders der guten Zusammenarbeit mit Bischöfin Dr. Beate Hofmann“: „Große Themen wie Corona, Hessentag, Ökumenischer Kirchentag erleben wir als gemeinsame Herausforderung und sind für uns ein gutes Übungsfeld für weitere und langfristige Kooperationen.“ Das gelte auch für die Beziehungen zur Politik, die er „als eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit“ erlebe. 

Der Bischof von Fulda formulierte zum Jahreswechsel auch eine vierte Frage, die sich das Bistum Fulda nun stellen müsse: „Wovon müssen wir uns verabschieden – oder wofür müssen künftig andere gesellschaftliche Kräfte aufkommen?“ Als Beispiel verwies er auf aktuelle Medienbeiträge über die Auflösung der Bibliothek der Franziskaner-Ordens auf dem Fuldaer „Frauenberg“. Nur ein Teil der Bücher dort konnte in den Bestand der Bibliothek des Bistums übernommen werden.

Gerber sagte wörtlich: „Schauen wir kritisch auf den Vorgang hinter dem Vorgang: Da ist eine Ordensgemeinschaft, die segensreich und glaubwürdig seit Jahrhunderten hier in Fulda wirkt und dies hoffentlich noch sehr lange tun wird. Bedingt durch einen eklatanten Mangel an Nachwuchs muss sie – wie viele andere Gemeinschaften auch – sich von vielen Aufgaben verabschieden. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Bistümer hier vieles aufgefangen. So auch das Bistum Fulda etwa, wo es die Verantwortung von Ordensgemeinschaften für Schulen übernommen hat.“ Dieses „Prinzip der Übernahme von Verantwortung durch ein Bistum“ könne in der gegenwärtigen Phase nicht so einfach erweitert werden. Denn „das Bistum“ sei, wo es um Finanzen gehe, „die Gemeinschaft der kleiner werdenden Kirchensteuerzahlerinnen und Kirchensteuerzahler“. Deshalb müsse entschieden werden, „wo investiert wird und wo nicht oder nicht mehr.“

Menschen ermutigen, sich in der Kirche zu engagieren - Agenda für 2021

An diesem Beispiel ist nach Überzeugung des Bischofs von Fulda deutlich zu sehen: „Der Verlust an Menschen, die sich in der Kirche engagieren und der Mangel an Berufungen, ist nicht nur ein Problem der Kirche, sondern hat eine deutliche Wirkung in die Gesellschaft hinein. Es ist damit eine offene Frage, wie es mit manchem kulturellen Erbe weitergeht und wer wo an anderer Stelle in der Gesellschaft dies auffängt.“ Gerber will damit nach eigenen Worten „bewusst nicht den Blick auf den Staat oder die Kommunen richten, die in auch in den kommenden Jahren durch die Folgen der Pandemie sehr herausgefordert sein werden.“ Um auf Dauer kulturelles Erbe zu sichern, werde es „noch manches zivilgesellschaftliche Engagement brauchen.“

Eine krisenbewehrte Demokratie lebe „entscheidend davon, dass Menschen sich an unterschiedlicher Stelle einsetzen für das Gemeinwohl über das hinaus, was ein Staat per Gesetz einfordern kann. Diese Kultur zu erhalten und zu fördern ist Auftrag der unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräfte - auch der Kirche.“ Gerber äußerte sich zum Jahresabschluss deshalb dankbar dafür, „dass wir in unserem Bistum sehr viele Menschen an unterschiedlichen Stellen haben, die mit einer großen Wachheit und hohem persönlichen Einsatz sich engagieren. Davon lebt unsere Kirche entscheidend!“

In den vergangenen Monaten sei sichtbar geworden: „Wir brauchen in der Gesellschaft wie in der Kirche ein Klima, das innovationsfreudig ist, wo Initiativen sich entwickeln können, auch manches ausprobiert werden kann.“ Dabei gehe es für die Kirche um die Frage: „Wie erreicht die Botschaft des Evangeliums Menschen von heute?“ Gerber erklärte dazu: „Nicht jedes innovative Projekt ist gleich der Hit und manches kommt bisweilen auch etwas schräg daher.“ Doch hier gelte es selbstkritisch zu betrachten, „wie wir dann reagieren. Liegt unser Fokus dann auf den Defiziten, dem Unvollkommenen oder können wir in dem, was uns da begegnet, ein tieferes Anliegen erkennen und ein Ringen um eine angemessene Form? Wo und wie ermutigen und wo und wie entmutigen wir Menschen, sich mit ihrer Kraft und Kreativität für die Botschaft des Evangeliums einzusetzen?“

Bistum Fulda: Wege des neuen Glaubens finden

Ein Blick auf große Innovationsschübe der Kirchengeschichte zeige: „Der frühe Franziskus und die frühe Klara unmittelbar nach ihrer Bekehrung wären uns - ebenso wie der frühe Benedikt und der frühe Ignatius - ziemlich schräg vorgekommen, wären wir ihnen in diesem Stadium begegnet. Und doch lag bereits in dieser noch sehr unvollendeten Form der Keim zu etwas Großem.“ Auch bei knapper werdenden Ressourcen werde das Bistum künftig verstärkt in Projekte investieren müssen, „die neue Wege suchen, Menschen für das Evangelium zu gewinnen. So etwa im Neuen Jahr in der Citypastoral in Kassel.“ Längst nicht alles werde dann ein Erfolg sein: „Und trotzdem braucht es ein Vertrauen. Der Rückzug ins nur Bekannte wäre ein Fehler und – wie ich meine – auch nicht evangeliumsgemäß.“

Unter welchen Rahmenbedingungen werden Menschen angeregt, ihre Kraft und ihre Kreativität in den Dienst des Evangeliums zu stellen, Menschen von heute für die Frohe Botschaft zu begeistern und wie können wir diese Rahmenbedingungen fördern? Auf der Basis dieser Frage werde das Bistum Fulda im Jahr 2021 in unterschiedlichen Dialogformaten Empfehlungen dazu diskutieren. Allen, die an ganz unterschiedlichen Orten und oft im Verborgenen, in wenig spektakulären Projekten „nach Wegen des Glaubens für Menschen heute suchen“, sendete Gerber in seiner Predigt zum Jahreswechsel die Botschaft: „Ihr seid hier richtig im Bistum Fulda, wir zählen auf Euch!“ (pm)

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