Zwei Jahre in Fulda

Bischof Michael Gerber im Interview: „Frage nach der Rolle der Frauen ist hochrelevant“

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Fuldas Bischof Dr. Michael Gerber (51) ist seit nunmehr zwei Jahren in Amt und Würden, in der Region und bei den Menschen fühlt er sich angekommen – trotz Corona und der Herausforderungen, vor die ihn die Gesamtsituation der Kirche auch hier vor Ort stellen.

Fulda - Bischof Michael Gerber spricht im Interview über seine zwei Jahre in Fulda und die Herausforderungen für die Kirche im Bistum und in der Welt.

Herr Bischof, Sie sind jetzt seit zwei Jahren im Amt. Sind Sie in Fulda – der Stadt, der Region, dem Bistum – angekommen?
Ich fühle mich sehr wohl und genieße die Barockstadt und die urwüchsige Landschaft. Ich bin viel draußen unterwegs – auch wegen Corona – und habe die Region schätzen gelernt. Ich schaue auf sehr viele wertvolle Begegnungen mit den Menschen. Und ich sage das auch sehr gerne in Freiburg: Ich habe es nicht bereut, nach Fulda gegangen zu sein.

Fuldaer Bischof Michael Gerber: „Frage nach der Rolle der Frauen hochrelevant“

Wie ist denn der Fuldaer?
Gibt es „den“ Fuldaer überhaupt? Ich nehme die Menschen hier als sehr verwurzelt und heimatverbunden, mit Stolz auf ihre Stadt und Tradition wahr. Meinen Eindruck bestätigen mir übrigens immer wieder Freunde von außerhalb.
Was hat sich in den vergangenen zwei Jahren in Ihrem Leben verändert?
Es hat sich ganz klar mein Lebensschwerpunkt geändert, aber ich kann sagen, viele wichtige Freundschaften sind geblieben. Und dann ist da noch die Doppelerfahrung: Der Wechsel nach Fulda und die Corona-Zeit. Ich erlebe das Bistum Fulda länger im Corona-Modus als ohne, da bin ich dankbar, dass ich elf Monate Vorlauf hatte. Jetzt habe ich deutlich mehr Verantwortung, aber auch die Möglichkeit, mehr Schwerpunkte zu setzen. Außerdem werde ich in einem anderen Maß wahrgenommen als früher.
Und was haben Sie hier schon verändert?
Das müssen Sie die Menschen fragen. Ich habe begonnen, Impulse zu setzen und Grundfragen zu stellen: Wir müssen die Kirche von ihren elementaren Vorgängen her neudenken. Wie finden die Menschen von heute einen Zugang zu Jesus, zum Evangelium und zu den Mitmenschen?
Wie wird die Kirche nicht in 100 Jahren, aber vielleicht in 5 Jahren aussehen? Haben Sie Visionen?
Die habe ich, ich bin tief beeindruckt von einem Bild der Kirche aus dem Bonifatius-Musical: als Kammer für das Salz der Erde. Wir müssen auf dieser Grundlage Kirche anders denken. Die frühen Christen haben Kirche sehr viel mehr von den Personen her gedacht. Die große Frage der Gesellschaft lautet: Wo hilft der Glaube, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen? Ich erlebe, wie der Glaube zum Beispiel Familien Kraft gibt, die mit schweren Krankheiten umgehen müssen. In diesen Tagen hatte ich Kontakt zu einer Unternehmensberaterin, die mir davon erzählte, wie der Glaube ihr hilft, im Beruf ihre Frau stehen zu können. Menschen erleben Kirche in jeder Epoche anders. Und wir müssen uns fragen: Wie wachsen wir in unserer Begrenztheit?
Erwarten die Menschen aber nicht plakativere Antworten, etwa beim Frauenpriestertum?
Wir leben in einer Zeit, in der wir ein hohes Empfinden für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung haben. Die Frage nach der Rolle der Frauen ist hochrelevant und hat viel zu tun mit dem Leitungsverständnis. Verstehe ich Leitung eher als Verwaltung oder vor allem als Entwicklung? Im Bistum Fulda werden zum Beispiel die Bereiche Entwicklung und Innovation von Frauen geleitet. In der Kirche waren epochale Entwicklungsschritte oft mit einem bemerkenswerten Zueinander von Frauen und Männern verbunden: Bonifatius und Lioba beispielsweise oder Franziskus und Klara.
Hier kann man lernen, wie man miteinander umgehen kann, wo ein Raum entsteht, in dem man gemeinsam auf die Wirklichkeit schaut. Bei den großen Fragen nach dem Amt kommt die Herausforderung hinzu, an der säkulare Organisationen wie die UNO oft an Grenzen kommen: Wie schaffen wir es als Kirche mit ihren vielen Erfahrungen und kulturellen Prägungen beieinander zu bleiben? Als Bischof habe ich ja die Verantwortung, dass die Kirche von Fulda Teil der Weltkirche bleibt – da stehe ich ganz in der Tradition von Bonifatius.

Bischof Gerber: Aufgerufen, einem Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegenzuwirken

Zur Person

Dr. Michael Gerber ist seit zwei Jahren Bischof von Fulda. Im Dezember 2018 wurde er von Papst Franziskus zum – inklusive der vier Fürstbischöfe – 18. Bischof von Fulda ernannt und am 31. März 2019 ins Amt eingeführt. 

Gerber wurde am 15. Januar 1970 in Oberkirch geboren. Nach dem Studium in Freiburg und Rom wurde er im Mai 1997 zum Priester geweiht. In Freiburg war er unter anderem stellvertretender Leiter des Priesterseminars. 2007 promovierte er zum Thema „Zur Liebe berufen: Pastoraltheologische Kriterien für die Formung geistlicher Berufe in Auseinandersetzung mit Luigi M. Rualla und Josef Kentenich“. Kentenich war Gründer der Schönstatt-Bewegung, in der Gerber seine eigene Prägung sieht. 2013 wurde er zum Bischof geweiht. Sein Wahlspruch lautet „Tecum in foedere“ (Mit dir im Bunde).

Frauenpriestertum, Segnung gleichgeschlechtlicher Paare – wünschen sich die Menschen nicht deutlichere Symbole?
Ich bin bei Ihnen, dass es Symbole braucht, die mehr sind als Symbole. Spannend ist, worauf der Fokus liegt und was ich links oder rechts nicht sehe. Wir müssen als Theologen deutlich machen: Was sind die Anliegen, die zugrunde liegen, und was sind konkrete Ausdrucksformen?
Wenn ich aber den Menschen keine konkreten Lösungen anbiete, entfremde ich mich dann nicht immer mehr von ihnen?
Die Frage lautet für mich: Wo genau beginnt so ein Entfremdungsprozess? Wenn ich mit Menschen rede, erfahre ich, dass es viel wichtiger ist, wo für Menschen Kirche konkret relevant war, wo sie einem Seelsorger begegnet sind, der ihnen helfen konnte – aber auch, wo sie eben keine Hilfe erfahren haben.
Wie würden Sie die Rolle eines Priesters definieren, wie soll der sein?
Ein Priester versucht, zusammen mit den Menschen in der Gemeinde wahrzunehmen, was in der Welt passiert und was die geistliche Perspektive ist. Der Priester in der Zukunft steht auch dafür, dass es in der Kirche um eine Wirklichkeit geht, die wir selber nicht beeinflussen können. Wir sind mit unserem Handeln gefordert. Doch durch die sakramentale Grundstruktur der Kirche erfahren wir, dass wir es nicht rund kriegen müssen, dass unser Handeln fragmentarisch bleibt. Da kommt uns noch einmal ein anderer, nämlich Christus entgegen, das hat etwas sehr Entlastendes für mich: Die Letztverantwortung bleibt beim Herrn. Das zu vermitteln, ist eine Aufgabe im priesterlichen Dienst.
Wirke ich aber am Ende nicht zu entrückt, wenn ich immer sage: Da ist noch jemand? Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Kirche nur noch ein kleines Grüppchen bleibt?
Die Gefahr ist da. Aber ich glaube auch, dass sich Jesus deutlich in den Zeichen der Zeit zeigt. Das ist für meinen Weg etwas sehr Wichtiges. Das bedeutet in der Tradition des Heiligen Ignatius für mich, die Begegnungen eines Tages zu betrachten und zu schauen, wo gibt es darin einen Anstoß, der mich herausfordert meinen Horizont zu weiten und in der Tiefe zu wachsen. Das muss dialogisch mit der Gesellschaft bleiben. Und wir sind als Kirche durchaus sehr viel mehr Teil der Gesellschaft, als das manche gerne hätten. Deshalb sind wir aufgerufen, einem Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Bischof Michael Gerber war von Marx‘ Rücktrittsangebot „ehrlich überrascht“

Sie haben in der Kirche seit bestimmt 25 Jahren das große Thema des sexuellen Missbrauchs. Kardinal Marx hat jetzt ein Zeichen gesetzt und seinen Rücktritt angeboten. Was haben Sie für sich daraus abgeleitet?
Aktuell habe ich dazu nur die Informationen aus dem Pressespiegel, deshalb kann ich schwer einschätzen, was ihn dazu bewogen hat – auch aufgrund seiner eigenen Geschichte im Bischofsamt. Die ist ja sehr viel länger als meine eigene. Aus der Antwort des Papstes, dass er weiterhin Bischof bleiben soll, interpretiere ich die Botschaft, dem Amt und den Menschen treu zu bleiben.
Aber was haben Sie empfunden, als sie von dem Rücktrittsangebot erfahren haben?
Ich war ehrlich überrascht, das kam für mich völlig aus dem Off. Und ich habe mich als erstes gefragt, welche Motive er hat. Kardinal Marx habe ich die meiste Zeit, seit ich Bischof wurde, als Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und als streitbar vor dem Herrn erlebt. Ich habe mich schon gefragt: Was passiert, wenn er in dem Kreis fehlt – nicht als Seelsorger, da wollte er ja weiter machen, sondern an seinem Platz unter uns Bischöfen.
Ist dieses Rücktrittsangebot nur ein Zeichen oder ein Beitrag zu einer Lösung?
Es ist vor allem ein Signal, dass jemand an seine Grenzen gekommen ist, und ein Signal sich zu fragen: Wie gehen wir eigentlich miteinander um, welche Verantwortung, welche Sorge tragen wir füreinander? Das diskutiere ich mit meinen Mitbrüdern im Amte des Bischofs oder auch mit Priestern.
Ruft man da einen Mitbruder eigentlich auch mal an und fragt nach seinen Beweggründen?
Ich habe nach dem Bonifatius-Fest einen Brief an alle Bischöfe geschrieben, und ihnen zugesichert, dass ich zusammen mit den vielen Menschen in Fulda hier am Grab des Heiligen Bonifatius für sie bete. Das gab eine ganze Reihe dankbarer Reaktionen. Und ich bin froh, dass wir nächste Woche ein Treffen in Berlin haben, wo das sicherlich auch noch einmal thematisiert wird. Wissen Sie, es ist immer auch eine Frage: Wer ruft da wen an? Wer hat Kontakte zueinander, welcher Generation gehört man an.
Kardinal Marx in München auf der einen Seite – Kardinal Woelki in Köln auf der anderen Seite. Bei ihm hat man das Gefühl er klammert am Amt obwohl er von einem Fettnapf in den nächsten stolpert. Hat man da mal den Wunsch ihn zur Seite zu nehmen und zu sagen: Hör mal, dein Verhalten schadet uns gerade?
Wie gesagt: Es ist immer eine Frage wer mit wem spricht. Und dazu ist mein Kontakt zu Kardinal Woelki nicht eng genug und ich kenne die Situation im Erzbistum Köln nicht so genau. Gleichwohl nehme ich aber auch eine Entfremdung zwischen ihm und den Gläubigen in seinem Bistum wahr. Grundsätzlich kann ich an einen Punkt kommen, an dem ich mir die Frage stellen muss: Bin ich noch richtig an meinem Platz? Auch das diskutiere ich übrigens mit Priestern. Man muss aber generell auch sagen, dass unsere Arbeit in der Bischofskonferenz gerade darunter gelitten hat, dass wir uns seit zehn Monaten nicht in Präsenz treffen.
Wird die Kirche das Thema Missbrauch aber jemals los?
Wir werden sehr lange damit zu tun haben und es geht um den Kern: Wie haben Menschen Kirche erfahren? Und wir müssen schmerzlich feststellen, dass viele auch sexualisierte Gewalt erfahren haben. Perspektivisch müssen wir betrachten: Wie werden wir dieser Tatsache in der Aufklärung gerecht? Da hat die Kirche eine hohe moralische Fallhöhe, und wir müssen aufpassen, dass wir Betroffene dabei nicht retraumatisieren.

Bischof Gerber: Wir müssen aufpassen, dass wir Betroffene nicht retraumatisieren

Von wie vielen Fällen reden wir im Bistum Fulda?
Das waren 75 Fälle und 29 Beschuldigte.
Sind schon Entschädigungszahlungen geflossen?
Wir haben dazu eine unabhängige Kommission eingerichtet. Es sind sehr viele Anträge eingegangen, die wir auf Plausibilität prüfen. Die Festlegung der Höhe und die Zahlung laufen dann zentral über die Kommission und nicht über das Bistum.
Gemeinsam mit den Bistümern Mainz und Limburg planen Sie einen Betroffenenbeirat. Hat der seine Arbeit bereits aufgenommen?
Wir haben hier mit Absicht einen langen Vorlauf gewählt, um Betroffenen die Möglichkeit zu geben sich zu melden. Wir haben diese bewusst über die Medien aufgerufen, sich zu melden, und nicht angeschrieben. Ich weiß von Fällen, da weiß der jetzige Partner nichts von einem Missbrauch, und soll es auch nicht über einen versehentlich geöffneten Brief erfahren. Ende Juni/Anfang Juli werden dann auf Vorschlag eines unabhängigen Auswahlgremiums neun Personen berufen und der Beirat kann seine Arbeit aufnehmen.
Wird es ähnlich wie in Köln eine Studie geben, die ja nicht veröffentlicht werden sollte?
Sicherlich wird die unabhängige Kommission, der ich nicht angehöre, sondern Juristen, Sozialarbeiter, forensische Psychologen und ein Archivar, der weiß, wo was zu finden ist, einen Abschlussbericht vorlegen. Ihr obliegt es, was sie daraus veröffentlicht. Da mache ich keine Vorgaben.
Haben Sie Sorge, dass Ihre Vorgänger Fehler gemacht und Fälle nicht richtig aufgearbeitet haben könnten?
Wo Fehler gemacht wurden, das wird der Bericht zeigen. Wir müssen die innere Bereitschaft und Freiheit haben, das Ergebnis aufzuarbeiten. Vielleicht tue ich mich da leichter, weil ich ja von außen in das Bistum gekommen bin und noch keine lange persönliche Geschichte hier habe.
Wie reagieren junge Priester auf das Thema Missbrauch und sexualisierte Gewalt? Bereitet man sie heute anders vor?
Wichtig ist es zu reflektieren: Wo stehe ich selbst, wie beobachte ich mich und in welchen Beziehungen stehe ich. Wer sich heute als Priester bewirbt, stellt sich nicht nur beim Regens vor, sondern auch bei speziell geschulten Therapeuten.
Stichwort Ehelosigkeit. Womöglich würde es mehr Priester geben, wenn diese heiraten dürften?
Das ist gut möglich. Aber schauen wir auf die evangelische Kirche, in der Geistliche heiraten. Viele demografische Entwicklungen laufen trotzdem parallel ab. Meine Grundfrage ist es: Wie steht jemand in Beziehungen zu Mitmenschen? Es muss aber auch Menschen geben, die den radikalen Schritt der Ehelosigkeit gehen. Das muss in der Realität nicht bedeuten, dass sie vereinsamt in einem Pfarrhaus sitzen, sondern dass sie vernetzt in der Welt und mit Menschen unterwegs sind.
Fuldas Bischof Michael Gerber stellte sich den Fragen der Redaktion.
Haben Sie ein Rezept gegen die Abwärtsspirale, in der sich Kirche zu bewegen scheint?
Es ist ja keine kirchenspezifische Problematik. Die schwindenden Zahlen sind ein genauer Spiegel der Entwicklungen, der unsere ganze Gesellschaft abbildet: Parteien, Vereine erleiden ähnliches. Und das muss unsere gemeinsame Sorge sein: Wie üben wir das Bewusstsein für elementare Werte wieder in verbindliche Gruppierungen ein? Denn das ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.
Was wird sich die Kirche angesichts schwindender Einnahmen künftig noch leisten können?
Wir müssen uns ernsthaft mit dem Rückgang der Kirchensteuer auseinandersetzen. Und dann werden wir nicht darum hinkommen, Kirchen zu schließen und einige Angebote, die bisher selbstverständlich erschienen, abzubauen. Wir können aber auch mit der evangelischen Kirche – und das tun wir schon – und politischen Gemeinden schauen, wo können wir Räume gemeinsam nutzen.
Sie werden sicherlich vermehrt auf das Ehrenamt zurückgreifen müssen. Muss Kirche da nicht viel mehr ein Dienstleister sein, um Menschen sprach- und handlungsfähig zu machen, als sich selbst zu verwalten?
Das wird eine der großen Herausforderungen und Aufgaben sein, die Menschen zu stärken beim Zeugnis im Ehrenamt. Aber ich sehe da im Bistum eine große Bereitschaft und einen Willen. Gerade in Corona-Zeiten sind die Gläubigen sehr aktiv geworden. Beim Jugendgottesdienst und Krippenspiel in Kalbach und Flieden beispielsweise sind digital sehr viele Menschen erreicht worden. Mir ist es wichtig zu sagen: Habt Mut, etwas auszuprobieren.
Was gibt Ihnen Hoffnung für die Zukunft?
Das ist mein persönlicher Glaube. In den 24 Jahren, seit denen ich Priester bin, darf ich mich immer als von Jesus begleitet erfahren.
Die Fragen stellten Michael Tillmann, Bernd Loskant, Hartmut Zimmermann, Andreas Ungermann, Tobias Farnung und Haldun Tuncay.

Rubriklistenbild: © Marzena Seidel

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