Die allermeisten Kassenbons landen im Müll, berichten auch zwei Bäckerei-Ketten in Fulda. (Symbolfoto)
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Die allermeisten Kassenbons landen im Müll, berichten auch zwei Bäckerei-Ketten in Fulda. (Symbolfoto)

Ein Jahr Bonpflicht

Bäckerei-Ketten in Fulda berichten: Fast alle Kassenbons landen im Müll - Pappert setzt auf QR-Codes

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Die Bonpflicht wurde vor mehr als einem Jahr eingeführt. Zwar haben Händler und Kunden mit der Neuerung ihren Frieden gefunden, die allermeisten Kassenbons landen trotzdem im Müll – außer Händler wie die Pappert-Bäckereien in Fulda bieten Kunden Alternativen an.

Fulda - „Nein, danke!“ An dieser Aussage hat sich auch ein Jahr nach Einführung der Bonpflicht nichts geändert, wie auch eine Nachfrage bei zwei Bäckerei-Ketten im Kreis Fulda zeigt. „Das ist für unsere Gäste weiterhin kein echtes Thema“, erklärt Thomas Bertz, Pressesprecher von der Bäckerei Pappert. „Wenn es fünf Prozent sind, die einen Beleg verlangen, ist es hoch gegriffen.“ Auch Michael Happ, Geschäftsführer der Bäckerei Happ, spricht von einem „minimalen Prozentsatz“. „Die meisten Kunden wollten vor der Pflicht keinen Beleg und wollen heute auch keinen.“

Händler, die elektronische Kassen nutzen, müssen Kunden seit Einführung der Bonpflicht (1. Januar 2020) für jeden noch so kleinen Kauf einen Beleg ausdrucken. Der Grund: Der Bundesrechnungshof schätzt, dass durch nicht registrierte Bargeldumsätze dem Staat pro Jahr etwa zehn Milliarden Euro an Steuereinnahmen entgehen. Das soll durch die gedruckten Zettel geändert werden. (Lesen Sie hier: Liebe zum Kräppel auch ohne Fastnacht? Das sagen die Bäcker in der Region Fulda)

Fulda: Bonpflicht vor einem Jahr eingeführt - Fast alle Kassenbons landen im Müll

Konkrete Zahlen, inwiefern Steuerhinterziehung durch das Gesetz vermieden werden konnte, liegen laut Bundesfinanzministerium nicht vor. „Da sich Steuerhinterziehung im Verborgenen abspielt, sind keine Schätzungen möglich“, heißt es in einem Statement. Die meisten kleinen Geschäfte wie Bäckereien, die am meisten betroffen sind, haben sich inzwischen mit der sogenannten Belegausgabepflicht arrangiert.

„Wir hatten in den vergangenen Monaten keinerlei Rückmeldung, Beschwerden oder Fragen bezüglich der Bonpflicht“, sagt Anke Adomeit von der Industrie- und Handelskammer Fulda. Auch Bertz und Happ bestätigen, dass das Thema nahezu keines mehr sei. „Das ist eine der wenigen positiven Folgen von Corona, dass seit März vergangenen Jahres niemand mehr darüber spricht“, sagt Bertz. Im Februar 2020 war das noch ganz anders.

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt lief dagegen die zweite Stufe der neuen Kassensicherungsverordnung. Denn den Händlern wird nicht nur aufgelegt, dass sie allen Kunden einen Kassenbon anbieten. Sie müssen auch ihre Kassen mit einem speziell gesicherten Speicherchip ausstatten – einer sogenannten technischen Sicherheitsausrüstung (TSE). Der Handel musste bis spätestens Ende März seine Kassen nachgerüstet haben.

Video: Süße Quittung - Verzehrbons mal anders

Bleibt noch die Frage nach dem Umweltaspekt. Vor einem Jahr sind zahlreiche Bilder veröffentlicht worden, wie Händler körbeweise des schädlichen Thermopapiers wegwarfen. „Die Art und Weise entspricht überhaupt nicht unserem Gedanken gegenüber dem Kunden. Wir wollen den Kunden ja kein Müll aufzwängen“, sagt Happ. Die Zukunft müsse daher im digitalen Bereich liegen. „Leider werden bisher kaum Kassensysteme angeboten, auf die wir umsteigen könnten.“

Längere Kassenbons

Erschrecken Sie nicht, wenn Sie ab April an der Supermarktkasse einen längeren Bon ausgehändigt bekommen. Das Papier enthält lediglich mehr Angaben. So finden Sie auf dem Beleg künftig einen Code, der für die Buchhaltung der Märkte relevant ist, sowie Beginn und Ende des Kassiervorgangs. Die zusätzlichen Daten sollen Steuerbetrug erschweren. 

Einen anderen Weg hat hingegen Papperts eingeschlagen. Die Bäckerei setzt auf einen Umweltbon. „Unsere Kasse erzeugt dabei einen QR-Code und der Gast bekommt den Bon auf seinem Smartphone angezeigt“, sagt Bertz.

Durch diesen technologischen Schritt entstehen keine überflüssigen Bons, die im Müll landen. „Das war vorher anders, als wir Unmengen an Papier drucken mussten – und es direkt in die Tonne befördert haben. Das entsprach überhaupt nicht unserem Ansatz von Nachhaltigkeit.“

Experte beantwortet drei Fragen zur Bonpflicht

Michael Volz (51) beantwortet im Kurz-Interview drei Fragen zur Bonpflicht. Volz ist Landesvorsitzender der Deutschen Steuer-Gewerkschaft (DSTG) Hessen und stellvertretender Bundesvorsitzender der DSTG.

Welchen Nutzen hat die Bonpflicht?
Sie soll im Bereich der Bargeldgeschäfte der Steuerehrlichkeit dienen. Immerhin wird davon ausgegangen, dass dem Staat und somit der Bevölkerung durch die Nichtregistrierung in unterschiedlichen Branchen jährlich etwa zehn Milliarden Euro vorenthalten werden. Im Kern geht es darum, dass man ehrlich und fair Steuern bezahlt. Die Bonpflicht bezieht da nun auch die Kunden ein Stück mit ein, weil sie nun sehen, dass sie bei einem ehrlichen Unternehmen einkaufen, das seine Umsätze und Einnahmen ordentlich verbucht. Zudem verhindert die Bonpflicht dank der entstehenden Transparenz auch Wettbewerbsnachteile für steuerehrliche Unternehmen. Bei der Bonpflicht geht es also nicht, wie von Kritikern gerne behauptet, um die Gängelung der Kunden oder kleiner Geschäfte, sondern um Fairness – einfach um Steuergerechtigkeit.
Michael Volz, Landesvorsitzender der Deutschen Steuer-Gewerkschaft (DSTG) Hessen und stellvertretender Bundesvorsitzender der DSTG.
Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?
Die Bonpflicht stößt vielerorts auf Unverständnis bei Bürgerinnen und Bürgern sowie bei den Interessensvertretern der Wirtschaft. Anders ist das beispielsweise in Italien. Da wird eine Tasse Kaffee wie selbstverständlich gebont, ohne dass Kritik aufkommt oder gar polemische Diskussionen entstehen. Das hängt in Italien gewiss mit daran, dass die dortige Steuerpolizei stichprobenartig kontrolliert. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass die Menschen ihre Sicht auf die Bonpflicht ganz schnell ändern, wenn ich ihnen erkläre, dass es hier um eine Frage von Steuergerechtigkeit geht und die eben erwähnten 10 Milliarden keine Peanuts sind.
Wo sehen Sie bei der Bonpflicht Verbesserungspotenzial?
Die Politik sollte eine Image-Kampagne auflegen, um den Bürgerinnen und Bürgern, aber auch den betroffenen Unternehmen die Notwendigkeit der Bonpflicht zu vermitteln. Es geht hier wie gesagt um Steuergerechtigkeit und Wettbewerbsgleichheit, keinesfalls um Überwachungsstaat oder Überregulierung. Die Bon-Pflicht verhindert beziehungsweise erschwert massiv – ungerechtfertigte – Steuervorteile zu Lasten der Allgemeinheit.

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