1. Fuldaer Zeitung
  2. Fulda

Braunkehlchen ist Vogel des Jahres 2023 - so selten ist der Wiesenbrüter in der Rhön

Erstellt:

Von: Sebastian Reichert

Mit der Wahl des Braunkehlchens zum Vogel des Jahres 2023 macht der Nabu auf den sensiblen Wiesenbrüter und seine Gefährdung aufmerksam. Der Bestand ist in den vergangenen 30 Jahren massiv zurückgegangen – auch im Biosphärenreservat Rhön.

Hilders - Früher in der Rhön ein häufig anzutreffender Bewohner, ist es bei uns inzwischen beinahe schon aus seinen angestammten Lebensräumen verschwunden: das Braunkehlchen (Saxicola rubetra). Das erklärt das Unesco-Biosphärenreservat Rhön mit Sitz in Hilders im Landkreis Fulda zur Wahl des Vogels des Jahres 2023.

Fulda: Braunkehlchen Vogel des Jahres 2023 - nur noch wenige Paare in der Rhön

Dem Braunkehlchen wird der Titel Vogel des Jahres in Abwesenheit verliehen – es ist ein Langstreckenzieher und bereits im September nach Süden aufgebrochen. Der kleine Singvogel verbringt den Winter mehr als 5000 Kilometer von Deutschland entfernt südlich der Sahara. Im April kommt er wieder zu uns zurück.

Hier angekommen, sucht das Braunkehlchen blütenreiche, oft feuchte Wiesen und Brachen, um seine Nester gut versteckt zwischen Grashalmen auf dem Boden zu bauen. Doch Wiesen, die genug Nahrung und Verstecke bieten, werden auch in der Rhön immer seltener. Vielerorts verwandelt eine immer intensivere Landnutzung einst extensiv genutztes Grünland in arten- und blütenarme Graslandschaften, in denen kein Vogelkind überleben kann.

Der Mäher kommt meist mehrmals pro Jahr – oft schon so früh, dass Blühpflanzen gar nicht erst die Samenreife erreichen. Die Wiese wird immer eintöniger und uninteressanter für Insekten, die wichtigste Nahrungsquelle der Vögel. Düngung und der Einsatz von Pestiziden tun ihr Übriges.

Mit der Wahl des Braunkehlchens zum Vogel des Jahres 2023 macht der Nabu auf seine Gefährdung aufmerksam. In der Rhön ist es selten.
Mit der Wahl des Braunkehlchens zum Vogel des Jahres 2023 macht der Nabu auf seine Gefährdung aufmerksam. In der Rhön ist es selten. © Felix Bayer

Auch werden oft Gelege zerstört, bevor die Jungen flügge werden – beispielsweise, wenn beim Wandern oder Radfahren die Wege verlassen werden oder freilaufende Hunde durch Brutgebiete jagen. Es zeigt sich: Einmal verschwunden, ist es schwer den Vogel wieder davon zu überzeugen zu bleiben und eine Familie zu gründen.

Der Bestand ist in den letzten 30 Jahren dramatisch eingebrochen. Auf Hessen-Seite wird aktuell nur noch von zwei bis drei Brutpaaren ausgegangen, in Thüringen ist es mit fünf bis sechs Paaren etwas besser. Bayern hat mit etwa 15 bis 20 Paaren noch den größten Bestand zu verzeichnen. 

Länderübergreifend wird im Biosphärenreservat Rhön alles versucht, um dem Braunkehlchen-Bestand langfristig zu stabilisieren. Das Braunkehlchen ist eine sogenannte Zielart im Biosphärenreservat. Ausgewählte Zielarten werden durch konkrete Erhaltungsmaßnahmen gefördert, da diese Arten stellvertretend für gesamte Lebensgemeinschaften und ein intaktes Ökosystem stehen.

„In Bayern haben wir 2022 im Naturschutzgebiet Lange Rhön 44 Flächen mit rund 3000 künstlichen Ansitzwarten und 300 Markierungspfählen bestückt“, berichtet Naturpark-Ranger Daniel Scheffler. Auf hessischer Seite wird im LIFE-Projekt „Rhöner Bergwiesen“ der Lebensraum für das Braunkehlchen und weitere bedrohte Arten verbessert.

Zum Schutz und Erhalt der bedrohten Arten können alle beitragen.

Anna-Lena Bieneck, Sprecherin des Unesco-Biosphärenreservat Rhön

Das passiert, indem artenreiche Wiesen neugeschaffen und weiterentwickelt, auf extensive Nutzung umgestellt und Schonflächen sowie künstliche Sitzwarten eingerichtet werden. Schilder sensibilisieren Wanderinnen und Wanderer, sich – nicht nur während der störungsempfindlichen Brutzeit – rücksichtsvoll zu verhalten und sich in den Schutzgebieten an das Wegegebot zu halten.

Im Thüringer Teil des Biosphärenreservats läuft seit 2021 das Naturschutzgroßprojekt Thüringer Kuppenrhön, in dem unter anderem verloren gegangene Offenlandbereiche wiederhergestellt und diese wertvollen Lebensräume vernetzt werden sollen. Auch Vogelsberg wird einiges für den Schutz des stark gefährdeten Braunkehlchens getan.

Lohnt sich der Aufwand für einen so seltenen Vogel, könnte man sich fragen. Die Antwort der Verantwortlichen lautet ganz klar: Ja! Denn von den Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung profitieren auch allen anderen Arten, die dieselben Ansprüche haben. Jede Art übernimmt eine wichtige Funktion in ihrem jeweiligen Ökosystem, und ihr Aussterben hätte ungeahnte Folgen für andere Arten in der Nahrungskette.

Maßnahme im LIFE-Projekt „Rhöner Bergwiesen“: Schilder informieren, unter anderem auf der Wasserkuppe, warum es für den Schutz von Bodenbrütern wichtig ist, Wanderwege nicht zu verlassen.
Maßnahme im LIFE-Projekt „Rhöner Bergwiesen“: Schilder informieren, unter anderem auf der Wasserkuppe, warum es für den Schutz von Bodenbrütern wichtig ist, Wanderwege nicht zu verlassen. © Torsten Raab

Auch Feldlerche, Wiesenpieper, Wachtel und Bekassine sind Wiesenbrüter, die früher in der Rhön weit verbreitet waren und für deren Fortbestand das Biosphärenreservat als Modellregion für nachhaltige Entwicklung eine besondere Verantwortung trägt.

„Zum Schutz und Erhalt der bedrohten Arten können alle beitragen“, schreibt Anna-Lena Bieneck, Sprecherin des Biosphärenreservats Rhön, „Grundbesitzerinnen und Grundbesitzer, Bewirtschafter und Bewirtschafterinnen ebenso wie Touristinnen und Touristen und Ausflüglerinnen und Ausflügler.“

Auch interessant