Eine Aktivistin malt mit Kreide ein Katzensymbol.
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Eine Aktivistin malt mit Kreide ein Katzensymbol. Antonia Quell aus Fulda macht sich mit einer Petition gegen verbale sexuelle Belästigung (Catcalls) stark.

20-Jährige aus Fulda

Große Resonanz: Fast 70.000 Menschen haben die Petition von Antonia Quell zum Thema Catcalling unterschrieben

  • Hanna Wiehe
    vonHanna Wiehe
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Fast 70.000 Menschen haben die Petition der Fuldaer Studentin Antonia Quell unterschrieben. Die 20-Jährige setzt sich dafür ein, dass das sogenannte Catcalling strafbar wird. Inzwischen wird die Petition vom Bundestag geprüft.

Fulda - Es war Anfang August vergangenen Jahres, als Antonia Quell eine Petition auf der Plattform Open Petition hochlud. „Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein“, war diese überschrieben. Hinterherpfeifen, Hinterherhupen, Kussgeräusche, obszöne Gesten, Kommentare über den Körper, sexuell konnotierte Fragen, Anspielungen, Witze und Angebote - all das kann Catcalling sein. Es ist eine Form der verbalen sexuellen Belästigung auf der Straße. Und es ist ein Thema, dass offenbar viele Menschen bewegt: Bis Mitte Dezember vergangenen Jahres konnte man die Petition unterzeichnen; fast 69.444 Unterstützer taten das. 67.900 von ihnen kommen aus Deutschland. Das Ziel: Verbale sexuelle Belästigung sollte strafbar sein, wie es schon bei tätlicher sexueller Belästigung der Fall ist.

Inzwischen liegt die Petition dem Petitionsausschuss des Bundestages vor, der sie prüft und berät. Wie es dann weitergeht, ist noch unklar: „Bislang wurde ich über den Fortgang per Brief informiert“, berichtet Antonia Quell aus Fulda. Doch sie weiß noch nicht, wann der Ausschuss zu einer Entscheidung gelangt.

Fulda: Fast 70.000 Menschen haben Petition von Antonia Quell zum Thema Catcalling unterschrieben

„Eine so große Resonanz an Unterschriften habe ich nicht erwartet“, sagt die 20-Jährige. Dennoch ist sie skeptisch: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dabei eine politische Entscheidung herauskommt“, befürchtet sie. Um eine solche herbeizuführen, müsse man hinter den Kulissen mehr Einfluss auf die Verantwortlichen ausüben können.

Dennoch hat die Fuldaer Studentin in den vergangenen Monaten Gespräche mit vielen Politikern sowie mit regionalen und überregionalen Medien geführt; auch um eines mit Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat sie gebeten.

Antonia Quell: Eine so große Resonanz an Unterschriften habe ich nicht erwartet

Eines hat die 20-Jährige dabei festgestellt: „Viele Menschen sind für das Thema offen, doch sie verstehen nicht, worum es eigentlich geht. Deshalb bereue ich es ein wenig, dass ich die Petition mit ,Catcalling‘ überschrieben habe – das Wort klingt euphemistisch und verniedlichend.“ Dabei sei es ein Wort, das einen Mangel an Respekt darstellt. „Deshalb nehmen es vielleicht auch viele Politiker nicht so ernst“, sagt Quell. Natürlich überschatte auch die Corona-Pandemie alle anderen Inhalte. „Das kann ich auch verstehen, aber es ist doch trotzdem ein wichtiges Thema“, sagt die 20-Jährige. „Die Debatte, was ins Strafrecht gehört und was nicht, ist für mich der Kern der Sache“, betont sie.

Die Fuldaer Studentin Antonia Quell hat eine Petition gestartet, dass Catcalls strafbar sein sollten.

Viel hat sie in den vergangenen Monaten gelernt, sagt die Studentin: „Zum einen über mich selbst, über meinen Umgang mit Stresssituationen. Außerdem bin ich auch mal aus meiner Blase herausgekommen: Ich umgebe mich ja sonst nur mit Menschen, die ich mag, und die mich respektvoll behandeln.“ Doch plötzlich habe sie online auch Kommentare gelesen, die sie und ihr Vorhaben beschimpft und abgewertet haben. „Ich habe festgestellt, dass viele Menschen verlernt haben, sachlich zu diskutieren und respektvoll miteinander umzugehen“, sagt die Studentin. Dabei gehe es doch gar nicht darum, Feindbilder zu schaffen oder eine gesellschaftliche Gruppe auszugrenzen, nach dem Motto: „Ihr seid die Bösen, wir sind die Guten.“ Es gehe um Empathie, um respektvollen Umgang miteinander.

Antonia Quell: Viele Menschen sind für das Thema offen, doch sie verstehen nicht, worum es eigentlich geht

Und noch etwas hat sie gelernt: Die Frage, ob Catcalling strafbar werden sollte, ist in Quells Augen nicht eine juristische, sondern vielmehr eine politische. „Es kommt nicht so sehr auf die Frage an, wie sich eine Änderung herbeiführen lässt, sondern vielmehr: Sind wir bereit, ein neues Strafgesetz zu erlassen, das sich nur auf Frauen und Minderheiten bezieht? Und würden sich die vorwiegend heterosexuellen Männer in den Regierungsämtern dafür entscheiden, auch wenn es sie nicht betrifft?“

Die 20-Jährige bringt es auf den Punkt: „Das ist die eigentliche Debatte, die wir führen müssen: Sind wir empathisch genug, eine solche Transferleistung zu erbringen - auch wenn sie nicht alle in der Gesellschaft betrifft?“

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