Die vierte Corona-Welle setzt Hausarztpraxen unter Druck.
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Die vierte Corona-Welle setzt Hausarztpraxen unter Druck.

Vierte Corona-Welle

Hausarztpraxen am Limit - Beschimpfungen und Bedrohungen durch Patienten

  • Volker Nies
    VonVolker Nies
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Überlastete Mitarbeiter, genervte Patienten, unnötig hoher Aufwand bei Impfungen: Die Hausarztpraxen arbeiten am Limit. Das Ärztenetz Gesundheitsnetz Osthessen (GNO) wirbt um Verständnis für die schwierige Lage der Praxen. 

Fulda - Deutschland befindet sich in der vierten Corona-Welle; für Patienten ab 70 wird die Booster-Impfung empfohlen. Diese Entwicklung trifft auf Praxen, die jetzt schon höchst strapaziert sind: „Durch Infektwellen, Corona-Testungen, Grippeschutzimpfungen und lange Aufklärungsgespräche sind die Praxen aktuell am Anschlag“, sagt GNO-Vorsitzender Ralph Hönscher, Hausarzt in Petersberg (Kreis Fulda). (Lesen Sie hier: Verfolgen Sie alle Entwicklungen zum Coronavirus in Fulda über unseren News-Ticker)

Viel Arbeit mache die Tatsache, dass die Praxen keine einzelnen Corona-Impfdosen erhalten: „Deshalb müssen Praxen immer mindestens sechs Patienten einbestellen. Das bedeutet einen extrem hohen Organisationsaufwand. Die Patienten verbringen durch umfassende Aufklärungsgespräche, Impfung und Überwachung mehr als eine halbe Stunde in der Praxis“, berichtet Hönscher. Ärzte und Fachangestellte der Impfpraxen hätten in diesem Jahr extrem viele Überstunden aufgebaut.

Fulda: Hausärzte am Limit - Beschimpfung und Bedrohung durch Patienten

Das Honorar von 20 Euro pro Impfung decke in keiner Weise den Aufwand der Praxen. Im Gegenteil: Gerade kleine Praxen legten drauf. Deshalb böten viele Praxen im Landkreis keine Coronaimpfungen mehr an.

In der aktuellen Krise gehe es aber nicht nur um Geld: „Es gibt auch häufig Diskussionen mit Patienten, die den Praxen Zeit und Nerven rauben. Forderungen nach Bescheinigungen, um freie Testungen oder Maskenbefreiungen zu erhalten, sind an der Tagesordnung. Beschimpfungen und teilweise Bedrohungen gibt es ebenfalls“, berichtet Hönscher.

Wenn es unterschiedliche Aussagen zur Booster-Impfung gibt – Gesundheitsminister Jens Spahn will sie für jedermann, die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt sie für Medizin- und Pflegepersonal sowie Menschen ab 70 –, belaste dies das Praxispersonal zusätzlich. „Die daraus folgenden Wartezeiten und besetzte Telefone nerven wiederum viele sonst geduldige Patienten. Das bekommen die Mitarbeiter zu spüren.“ (Lesen Sie hier: Neue Regel zum PCR-Test hat Folgen für Wirte und Hoteliers)

Video: Hausärzte fordern Priorisierung der Booster-Impfungen

Hönscher klagt: „Unser Fachpersonal arbeitet rund um die Uhr. Die Bezahlung von Überstunden bleibt an den Praxen hängen. Anders als die Kliniken haben niedergelassene Ärzte und deren Mitarbeiter bislang keine strukturelle Förderung aus Steuergeldern und keinen Dank der Politik erhalten.“ (Lesen Sie auch: Virologe Hendrik Streeck übt Kritik an 2G-Regel)

GNO-Aufsichtsratschef Dr. Jörg Simon fordert, dass die Politik die Voraussetzungen schaffe, damit Praxen die Impfkampagne bewältigen. Er verlangt einen Abbau bürokratischer Hürden und die Verfügbarkeit von Einzelimpfdosen – oder alternativ ein höheres Honorar pro Impfung.

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