Die IHK Fulda übt Kritik am Landesentwicklungsplan Hessen 2020. Hier ist das Schild des Sitzes in Fulda abgebildet.
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Im Interview berichten Christian Gebhardt und Michael Konow von großen Sorgen in der Corona-Pandemie.

„Grundsolide Unternehmen vor dem Aus“

IHK Fulda in Corona-Krise von Politik enttäuscht - „Gravierende Folgen, die sich nicht mehr umkehren lassen“

  • Volker Nies
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Durch den Lockdown wird die Lage vieler Unternehmen immer schwieriger. Jeder Tag angeordnete Schließung bringe Firmen dem endgültigen Aus näher, warnt die IHK. Sie beklagt sich über mangelndes Gehör bei der Politik.

Kreis Fulda - Es war und ist ein lauter Hilferuf. Ende Dezember hat sich die Industrie- und Handelskammer Fulda mit einer Petition an osthessische Bundes- und Landespolitiker gewandt. Darin fordert die Kammer klare Konzepte für wirtschaftliches Leben in Zeiten der Corona-Pandemie – und eine Strategie für die Öffnung.

„Wenn die Politik Handel, Dienstleister und Gastronomie weiter geschlossen hält, dann fürchten wir für die betroffenen Branchen gravierende Folgen, die sich nicht mehr umkehren lassen“, sagt IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt (61) im Gespräch mit unserer Zeitung. 

IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Konow (39) hat die Petition an die Abgeordneten versandt – aber bislang noch keine Antwort erhalten. „Dass nicht ein einziger Abgeordneter auf unsere Petition reagiert und damit Interesse für die Nöte der regionalen Wirtschaft zeigt, hat uns überrascht – und enttäuscht“, sagt Gebhardt.

IHK Fulda in Corona-Krise von Politik enttäuscht - „Grundsolide Unternehmen vor dem Aus“

Knapp 400 Unternehmen aus dem gesamten Landkreis, große Industriebetriebe wie kleine Einzelhändler, haben die Petition mittlerweile online unterzeichnet. „Uns freut, dass sich die Kreishandwerkerschaft und eine wachsende Zahl von Handwerksbetrieben der Petition angeschlossen haben“, sagt Konow.

„Die Stimmung und die Lage der Unternehmen ist viel schlechter, als es bislang öffentlich wahrgenommen wird. Viele Firmenchefs halten ihre Lage für aussichtslos, und sie wissen kaum noch, wie sie liquide bleiben sollen“, berichtet Gebhardt. „Es gibt Branchen, die bringt jeder Tag Schließung der endgültigen Schließung näher. Selbst grundsolide Unternehmen – vor der Krise grundsolide Unternehmen – stehen vor dem Aus“, ergänzt Konow. Besonders die Branchen Gastronomie und Hotellerie, Reise, Messebau und Kultur leiden – und Betriebe, die von diesen Branchen abhängig sind, wie etwa spezialisierte Bäckereien oder Wäschereien, die sich auf Hotels spezialisiert haben.

„Wir wünschen uns einen besseren Dialog mit der Politik: Sie soll mit der Wirtschaft sprechen, bevor sie Entscheidungen trifft“, fordert Gebhardt. Derzeit habe er den Eindruck, dass Bund und Länder nicht einmal nachdächten, ob es Alternativen zur fortgesetzten Schließung von Handel und Gastronomie gibt – ohne zu wissen, ob Läden und Hotels mit ausgefeilten (und teuren) Hygienekonzepten überhaupt Infektionsherde seien. „Die grundsätzliche Frage des anderen Kurses in der Corona-Pandemie wird nicht diskutiert“, sagt Konow.

Der Staat habe zwar milliardenschwere Hilfsprogramme angekündigt, bei den Unternehmen angekommen sei aber wenig. „Insbesondere die November- und Dezember-Hilfe mit der Garantie von 75 Prozent des Vorjahres-Umsatzes hörte sich großzügig an. Aber angekommen ist davon bisher fast nichts“, sagt Gebhardt. Die gezahlten Abschläge seien zu gering, die Obergrenzen für große Betriebe zu niedrig.

Gebhardt: Wir wünschen uns einen besseren Dialog mit der Politik

Die Regeln für die Zuschüsse seien zudem handwerklich schlecht gemacht, bemängelt der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Gebhardt: „Bei den Begrifflichkeiten gehen Aufwand, Ausgaben und Auszahlungen wild durcheinander. Selbst der kundige Steuerberater staunt und fragt sich, was der Staat wohl meint. Rechtssicher sind die Regeln nicht.“ 

Große Sorgen macht sich die Kammer um die Innenstädte. „Der Onlinehandel hat in der Krise Kunden gewonnen – vermutlich dauerhaft. Der stationäre Handel wird so nicht wiederkommen“, warnt Konow. Die Kammer glaube, dass Online- und stationärer Handel sich ergänzten und beide voneinander profitieren können. Die IHK sei für Wettbewerb, auch für den zwischen stationären Geschäften und dem Onlinehandel. „Aber Läden, die geschlossen sind, können sich dem Wettbewerb nicht stellen.“

Im Handel gebe es jetzt schon Insolvenzen. Es sei wahrscheinlich, dass weitere Geschäfte aufgeben müssten. Das werde nicht ohne Folgen für ganze Innenstädte bleiben: „Auch die Anziehungskraft der benachbarten Geschäfte sinkt, das Einkaufserlebnis ist geringer. Das kann eine Abwärtsspiral in Gang setzen“, warnt Gebhardt. Die Fuldaer Innenstadt müsse ohnehin schon zwei große Leerstände verkraften: der ehemalige Hauptsitz der RhönEnergie und Galeria Kaufhof, beide am Uniplatz, stehen leer.

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Was kann der Handel tun? „Die Geschäfte müssen ihre Stärken noch mehr herausstellen: Einkaufserlebnis, mehr Qualität, mehr Beratung“, rät Gebhardt. Niemand könne sich auf bisherigen Erfolgen oder Marktanteilen ausruhen. Das gelte für Geschäfte ebenso wie für Städte.

Die Ankündigung des Landes Hessen von dieser Woche, 40 Millionen Euro zur Förderung der Innenstädte bereitzustellen, sieht Gebhardt kritisch: „Geld zu versprechen, ohne selbst ein Konzept zu haben, das hilft nicht. Wenn allerdings in Fulda oder Hünfeld die Beteiligten ein Konzept erarbeitet haben und dann Geld brauchen, dann sind Zuschüsse aus Wiesbaden gern gesehen.“

Für die Kammer ist auch die erleichterte Genehmigung von vier verkaufsoffenen Sonntagen im Jahr ein wichtiges Thema. Zuständig ist das Land. Konow erklärt: „Verkaufssonntage sind Frequenzbringer. Das würde dem Einzelhandel und der Gastronomie helfen – gerade jetzt. Die Menschen haben 2020 viel Geld gespart. Jeder Anlass, der den Besuch einer Innenstadt noch attraktiver macht, ist gut – sofern das Pandemiegeschehen es zulässt.“

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