Michael Konow ist seit einem Jahr Hauptgeschäftsführer der IHK Fulda. Im Interview spricht er über sein von Corona geprägtes erstes Jahr.
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Michael Konow ist seit einem Jahr Hauptgeschäftsführer der IHK Fulda. Im Interview spricht er über sein von Corona geprägtes erstes Jahr.

Bilanz-Interview

Ein Jahr im Krisenmodus: Michael Konow ist seit Beginn der Corona-Pandemie Hauptgeschäftsführer der IHK Fulda

  • Sabrina Mehler
    vonSabrina Mehler
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Michael Konow ist vor einem Jahr in einer turbulenten Zeit in sein Amt als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda gestartet. Nun zieht der 39-Jährige Bilanz und spricht insbesondere über die Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Sie haben kurz vor Ihrem Amtsantritt gesagt, sie freuten sich, in eine der attraktivsten und lebenswertesten Regionen Deutschlands zu kommen. Waren diese Vorschusslorbeeren, die Sie an Fulda verteilt haben, gerechtfertigt?
Als ich mein Bewerbungsgespräch hatte, fand gerade das Genussfestival statt – und da sah man schon, dass diese Stadt lebt und pulsiert. Für ihre Größe bietet sie viel: vom stationären Einzelhandel und einer tollen Innenstadt bis hin zu kulturellen Veranstaltungen wie dem Musicalsommer, der leider auf 2022 verschoben wurde. Hinzu kommt die Umgebung wie die Rhön mit vielen Freizeitangeboten.
Fulda ist außerdem eine Region mit einer sehr niedrigen Arbeitslosigkeit. Es gibt keine Abhängigkeit von einem einzigen großen Unternehmen, sondern einen gesunden und breiten Branchen-Mix und viele inhabergeführte Unternehmen. Alles, was den deutschen Mittelstand ausmacht, ist hier vertreten.
Wie geht es der regionalen Wirtschaft momentan?
In vielen Unternehmen befinden sich die Mitarbeiter in Kurzarbeit, und die Insolvenzantragspflicht ist ausgesetzt. Daher kann man trotz einer immer noch niedrigen Arbeitslosenquote nicht hundertprozentig sagen, wie gut oder schlecht es der Wirtschaft geht. Die Bereiche in der Industrie sind weitgehend intakt, und auch die Auftragseingänge sind nicht so schlecht. Die Sorgen gehen hier eher dahin, ob sich Corona in der Belegschaft ausbreitet und ob die Mitarbeiter voll arbeiten können.

Ein Jahr im Corona-Krisenmodus: Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der IHK Fulda, zieht Bilanz

In anderen Bereichen ist die Situation allerdings weniger rosig.
Ja, es gibt Branchen, denen jegliche Perspektive fehlt: Hotellerie, Gastronomie, Kongresswirtschaft, Reisewirtschaft, stationärer Einzelhandel, aber auch Kunst und Kultur. Es ist ja ein Ökosystem: Wenn der Musicalsommer oder der Weihnachtsmarkt stattfinden, ist die Besucherfrequenz hoch. Dann laufen die Leute durch die Stadt, kaufen ein, buchen Hotels, gehen in Restaurants. (Lesen Sie hier: Bildungsmesse in Fulda findet wegen Corona digital statt - 150 Unternehmen wollen sich präsentieren)
Dort, wo sich die Branchen früher gegenseitig befruchtet haben und wo es funktionierende Geschäftsmodelle gab, wurden die Läden von einem Tag auf den anderen dicht gemacht. Viele haben jetzt ihre finanziellen Reserven aufgebraucht. Vielfach hat der Staat geholfen, aber es geht ja auch um das psychologische Element des Wirtschaftens: Man möchte nicht dafür bezahlt werden, dass der Laden geschlossen ist.
Wie stehen Sie zur Einführung von Modellregionen?
Davon bin ich ein großer Fan. Ich hätte gerne Fulda oder Hünfeld als Modellregion gehabt. Denn Corona wird uns noch sehr lange begleiten, aber trotzdem wissen wir immer noch nicht, wer die Treiber der Pandemie sind. Wir haben Vermutungen, aber ist es der Einzelhandel oder sind es eher private Treffen? Uns fehlen komplett die Daten. Die Chance, das herauszufinden, wird größer, wenn man solche kontrollierten Feldexperimente durchführt.
Wenn man aber nur drei unterschiedlich große Kleinstädte in Hessen zu Modellregionen erklärt oder wenn man den Versuch stoppt oder gar nicht erst beginnt, sobald die Inzidenz steigt, wird das Experiment nicht funktionieren. Man muss so etwas auch länger durchführen. Zudem müssen solche Versuche mit technischen Lösungen verbunden werden. Denn die gibt es, auch in Fulda. (Lesen Sie hier: Corona-Modellprojekt in Alsfeld abgebrochen: Für die Geschäfte gelten wieder Hessen-Regeln)
Welche sind das?
Es ist schade, dass die staatliche Warn-App ein relativ teurer Flop war. Aber es ist gut, dass man sich nun hessenweit auf die Luca-App festgelegt hat. Und es gibt noch weitere Lösungen: zum Beispiel die Fuldaer App MyBodyPass, die ursprünglich als digitale Patientenakte entwickelt wurde, aber noch viel mehr kann.
Mit den Apps einher geht die Debatte Gesundheitsschutz versus Datenschutz. Aber nur, wenn man sämtliche technische Möglichkeiten nutzt, um zu identifizieren und zu isolieren, wäre ein neuer Lockdown akzeptabel. Einen Lockdown mit einem Weiter-so können wir uns nicht erlauben – den wird auch die regionale Wirtschaft nicht akzeptieren.
Der anhaltende Lockdown ohne Öffnungsperspektive macht IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Konow zu schaffen. (Symbolfoto)
Fühlen Sie sich zurzeit eigentlich gut regiert?
Es ist nicht die Aufgabe einer IHK Fulda, sämtliches Regierungshandeln zu bewerten. Ich glaube aber, dass wir auf regionaler Ebene gut regiert sind und dass der Landkreis und die Stadt Fulda alles in ihrem Kompetenzbereich Mögliche versuchen.
Aber je höher es auf den politischen Ebenen geht, desto mutloser wird es und desto lauter wird die Kakophonie: Während ein Bundesland den Brückenlockdown fordert, macht ein anderes gerade komplett wieder auf. Der Erfolg von Maßnahmen hängt davon ab, ob sie von Bürgern und der Wirtschaft akzeptiert werden. Aber je mehr das Auftreten von Politik so ist wie jetzt, desto kleiner wird die Bereitschaft vieler, da mitzugehen.
Es gibt Stimmen, die kritisieren, dass das Private bis zum Geht-nicht-mehr beschnitten wird, aber die Unternehmen weitgehend unangetastet bleiben. Was entgegnen Sie?
Die regionale Wirtschaft tut ja schon sehr viel. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, an der sich die IHK Fulda beteiligt hat, testen bundesweit 87 Prozent aller Unternehmen ihre Beschäftigten bereits oder stehen kurz davor, Tests anzubieten. Man ist sich der Verantwortung bewusst – obwohl es große Herausforderungen gibt: Lieferschwierigkeiten, Beschaffungsprobleme, die Akzeptanz der Mitarbeiter. Hinzu kommt die Kostenbelastung: Unternehmen, die schon in Hygienekonzepte investiert haben und sowieso schon wirtschaftlich nicht in bester Position sind, sollen jetzt auch noch Tausende Euros für Tests ausgeben. (Lesen Sie hier: In Betrieben bald Testpflicht? Regionale Firmen wie Baumgarten in Weyhers setzen Strategie bereits um)

Video: Fulda - Läden verhängen aus Protest ihre Schaufenster

Und wäre nicht auch eine Homeoffice-Pflicht eine Stellschraube, um die Inzidenz zu senken?
Vor der Pandemie haben vier Prozent der Arbeitnehmer im Homeoffice gearbeitet, jetzt sind es 32 Prozent. Das ist schon ein deutlicher Anstieg. Und nicht in jedem Job ist das möglich: Ein Fabrikarbeiter kann nicht zu Hause arbeiten – und wir sind nun mal ein Industrieland mit viel verarbeitendem Gewerbe, auch hier in der Region. Eine Pauschalisierung ist nicht hilfreich und führt nur zu Fronten. Die Selbstverantwortung der deutschen und auch regionalen Wirtschaft ist sehr hoch.
Was glauben Sie, wie es weitergeht? Bisher ist die Region von einer Pleitewelle verschont worden.
Wir haben im Moment auch Zombie-Unternehmen, da die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt ist. Nicht jedes Unternehmen wird die Krise überleben. Wenn es so wird wie im vergangenen Jahr und wir im Mai Licht am Horizont sehen, dann kann noch eine Menge gerettet werden. Aber wenn wir den Sommer wieder verpennen, dann sehe ich schwarz. Ganz entscheidend ist, ob nach diesem Lockdown Schluss ist und ob eine dauerhafte Öffnungsperspektive und ein Leben mit der Pandemie möglich sind.

IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Konow: Viele Unternehmen haben kreative Ideen entwickelt

Sehen Sie für die Unternehmen auch Chancen in der Krise?
Viele Unternehmen haben in der Krise ganz kreative Ideen entwickelt – die über einen Lieferservice hinausgehen. Das sind Dinge, die vielleicht keinen gigantischen Umsatz bedeuten, aber psychologisch helfen und den Mitarbeitern eine Perspektive geben. Es ist nichts schlimmer, als ein ganzes Jahr lang nichts zu tun. Viele in Gastronomie und Einzelhandel trotzen der Krise. Ein gewisser Kampfgeist ist noch intakt. Wenn es irgendwann wieder aufwärts geht, dann werden sich die Unternehmen auf diese Stärke rückbesinnen können.
Wo konnten Sie in ihrem ersten Jahr in der IHK Akzente setzen, und was hat sich verändert?
Der gesamte Führungsstil. Für mich spielen Hierarchiegrenzen keine Rolle, sondern der einzelne Mensch. Jeder, egal auf welcher Ebene, hat etwas zu sagen. Das will ich fördern. Denn wenn es eine wertschätzende Organisation und ein motivierendes Umfeld gibt, dann bringen die Kollegen eine bessere Leistung.
Auch nach außen gibt es eine Änderung: Die Kammer tritt anders auf, ein wenig transparenter und nahbarer. Wie weit das bereits in die Unternehmerschaft gesickert ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber wir haben nun Kontakte zu Unternehmen, die wir vorher nicht hatten. Wir sind offen und ansprechbar – und mich kann man über viele Kanäle anhauen. Neu ist auch unser Online-Partizipationsportal, über das Unternehmer an Stellungnahmen mitarbeiten können.

Zur Person

Michael Konow (39) hat zum 1. April 2020 die Nachfolge von Stefan Schunck als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer in Fulda angetreten. Zuvor war er neun Jahre lang in der Handelskammer Hamburg in unterschiedlichen Positionen tätig, unter anderem als persönlicher Referent des Hauptgeschäftsführers und zuletzt als Leiter der Abteilung Internationale Projekte und Partnerschaften.

Zuvor arbeitete er von 2009 bis 2011 als Entwicklungshelfer der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit im Niger und von 2007 bis 2009 als Trainee bei der Landeskreditbank Baden-Württemberg. Der ehemalige Leistungssportler und passionierte Läufer ist mit einer Französin verheiratet und Vater eines Sohnes und einer Tochter. 

Gibt es etwas, das Sie im vergangenen Krisenjahr gelernt haben?
In der Krise lernt man das Team besser und schneller kennen. Und ich habe auch gelernt, wie schnell eine IHK reagieren kann. Wir probieren viel aus, haben Ideen und gehen damit sofort an den Start. Und ich selbst habe gesehen, wie belastbar man ist und wie man mit einer Situation, die eigentlich Murks ist, umgehen kann. Wie gut mir das gelungen ist, müssen andere beurteilen. Aber ich denke, dass das erste Jahr für mich ganz in Ordnung war.
Es gab und gibt nur wenige Präsenztermine, stattdessen Videokonferenzen. Lernt man so die Akteure vor Ort überhaupt kennen?
Der Zeitpunkt meines Ankommens im vergangenen April war sicher suboptimal. Aber es wurde zum Glück besser, ab Mai gab es einen Hauch von Normalität. Ich habe mit allen wesentlichen politischen Akteuren sprechen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen können. Und ich habe letztes Jahr insgesamt 80 Unternehmen in der Region besucht – wann immer möglich, war ich draußen.
Welche werden nun Ihre weiteren Arbeitsschwerpunkte sein?
Nach wie vor ist Krisenmodus. Aber es sind auch andere Themen wichtig. Eines davon ist Nachhaltigkeit im Sinne des Dreiklangs ökonomisch, ökologisch, sozial. Unser Wirtschaftssystem basiert auf fossilen Energieträgern, die aber endlich sind oder irgendwann so teuer werden, dass sie wirtschaftlich keinen Sinn mehr machen. Diese Transformation positiv zu begleiten, ist etwas, das eine IHK tun sollte.
Außerdem will ich das Thema New Work in der Kammer vorantreiben. Wenn Mitarbeiter selbstbestimmter sind, wirkt sich das auf die Leistung aus. Nicht alles muss der Hauptgeschäftsführer entscheiden. Damit einher geht die Infragestellung der Organisation: Brauchen wir wirklich eine so starre hierarchische Struktur? Ich denke, dass zunächst die Hierarchie in den Köpfen verschwinden muss, und dann müssen wir auch an die Struktur der IHK gehen.

Das gesamte Interview ist am 10. April in der Printausgabe der Fuldaer Zeitung und im E-Paper erschienen.

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