Zwischen den Chefs der beiden Fuldaer Krankenhäuser kracht es.
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Zwischen den Chefs der beiden Fuldaer Krankenhäuser kracht es.

„Verhalten unkollegial“

Zoff um den Corona-Impfstoff: Klinikum Fulda und Herz-Jesu über Kreuz - Jetzt schalten sich Stadt und Landkreis ein

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
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Zwischen den Chefs der Fuldaer Krankenhäuser kracht es: Herz-Jesu-Geschäftsführer Michael Sammet (51) wirft Klinikum-Chef Dr. Thomas Menzel (56) vor, dieser habe eigene Mitarbeiter bevorzugt – auf Kosten der Kräfte anderer Krankenhäuser, die Corona-Patienten versorgen. Jetzt schalten sich Stadt und Landkreis ein.

Update vom 28. Januar, 17.59 Uhr: Der Landkreis und die Stadt Fulda haben sich in den Zoff um die Verteilung von Impfdosen eingeschaltet und betonen: „Wir ziehen an einem Strang“. Alle Beteiligten - also Politik und Klinik-Chefs - hätten sich am Donnerstag über die aufgetretenen Differenzen ausgetauscht, so der Landkreis.

Landrat Bernd Woide, Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt, Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (alle CDU), sowie Dr. Thomas Menzel, Vorstand des Klinikums Fulda, und Michael Sammet, Geschäftsführer des Herz-Jesu-Krankenhauses, äußern in einer gemeinsamen Presseerklärung: „Entscheidend ist es, dass wir angesichts der Knappheit des Impfstoffes den weiteren Bedarf für die Beschäftigten aller drei regionalen Krankenhäuser koordinieren. Diese Aufgabe wird der für die Durchführung der Impfaktion zuständige Landkreis Fulda übernehmen.“

Zoff um Corona-Impfstoff in der Region Fulda: Stadt und Landkreis schalten sich ein

Das Klinikum Fulda hatte durch den ersten Einsatzbefehl des Landes Hessen – wie alle koordinierenden Krankenhäuser – ein Sonderkontingent an Impfstoff durch das Land erhalten, welches ausschließlich zur Verwendung durch das Klinikum geliefert worden war. Damit sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klinikums geimpft worden. „Durch den heutigen, neuen Einsatzbefehl ist dem Landkreis Fulda ein Kontingent zur weiteren Verwendung in den Krankenhäusern zugewiesen worden“, heißt es in der Pressemeldung. Der Landkreis habe bereits in der vergangenen und aktuellen Woche Impfungen im Herz-Jesu-Krankenhaus und in der Helios-Klinik Hünfeld ermöglicht. Die neuen Kontingente würden vom Landkreis zwischen den Häusern unter Berücksichtigung ihrer Größe und der bislang erfolgten Impfungen gleichmäßig verteilt. Vereinbart wurde darüber hinaus ein regelmäßiger Austausch auf Geschäftsführerebene.

„Unabhängig davon arbeitet der Landkreis Fulda ebenso an der schnellen Bereitstellung von Impfmöglichkeiten für den Bereich der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Diese Gruppe ist – ebenso wie die Beschäftigten im Rettungsdienst – für die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung von entscheidender Bedeutung. Der Landkreis wird sich dazu in der nächsten Woche direkt an die Ärztinnen und Ärzte wenden“, heißt es in der Pressemeldung weiter. Es komme in der Krise darauf an, dass „alle Akteure im Gesundheitswesen an einem Strang ziehen“.

Fulda: Klinikum und Herz-Jesu-Krankenhaus liegen über Kreuz - Zoff um Corona-Impfstoff

Erstmeldung: Fulda - Seit Beginn der Coronakrise sitzen die Vertreter osthessischer Krankenhäuser freitags in einer Videoschaltkonferenz zusammen. Zuletzt wurde es laut: Sammet warf dem Klinikum Fulda bei der Impfstoffverteilung unkollegiales Verhalten vor. Das Klinikum wies die Kritik zurück. 

Begonnen hatte der Streit vor einem Monat. Ende Dezember, als bundesweit das Impfen gerade begann, verteilte das Land Impfstoff an die sieben Kliniken in Hessen, die den Kampf gegen die Corona-Pandemie in den Region koordinieren, darunter in Osthessen das Klinikum Fulda. Das Klinikum sollte mit dem Serum seine „höchstpriorisierten Mitarbeiter“ impfen: dort, wo Ärzte und Schwestern oder Patienten besonders gefährdet sind, auf Covid-, Intensiv- und Krebsstationen sowie in Notaufnahmen.

Klinikum-Chef Thomas Menzel sagte vor zehn Tagen unserer Zeitung, das Klinikum habe - mit dem Impfstoff des Landes - 800 Mitarbeiter geimpft. Später korrigierte Menzel die Zahl auf 780. Diese Aussage machte unter den Mitarbeitern des Herz-Jesu-Krankenhauses die Runde und sorgte für Empörung. Denn: Für das HJK war zunächst kein Impfstoff da. (Lesen Sie hier: Arzt Daniel Jaspersen berichtet von seiner Arbeit im Corona-Impfzentrum Fulda - Welche Rolle Gummibärchen spielen).

Die Beschäftigten wurden bei Geschäftsführer Sammet vorstellig, wie dieser berichtet: „Schwestern und Pfleger fragten mich, wie es sein könne, dass HJK-Mitarbeiter ohne Impfung täglich an der Front stehen - auf Covid-Stationen oder der Notaufnahme, während im Klinikum zahlreiche Mitarbeiter geimpft sind, die keinen Patientenkontakt haben. Das war ihnen von Kollegen aus dem Klinikum freimütig berichtet worden. Zwischen den Belegschaften beider Häuser gibt es viele Verbindungen.“

Video: Das Impfzentrum in Fulda öffnet - Corona-Schutzimpfungen starten

Diese Ungleichbehandlung zwischen den Mitarbeitern der beiden Krankenhäuser sei für ihn umso empörender, sagt Sammet, weil beide Häuser ähnlich viele Covid-Patienten behandeln. Gestern meldete das Nachweissystem des Landes für das Herz-Jesu-Krankenhaus 23 Corona-Patienten auf der Normal- und vier auf der Intensivstation, für das Klinikum 23 Patienten auf der Normal- und elf auf der Intensivstation.

„In anderen hessischen Regionen haben koordinierende Kliniken Teile ihres Impfstoffkontingents abgegeben, damit auch die Schwestern und Ärzte, die in anderen Häusern Corona-Patienten behandeln, geschützt werden. In Fulda soll das nicht möglich sein?“, schimpft Sammet. „Dieses Verhalten ist außerordentlich unkollegial und sicher nicht im Sinne des Landes Hessen.“

Thomas Menzel: Was Herr Sammet veranstaltet, ist eine Kampagne gegen das Klinikum

Klinikum-Chef Menzel weist die Kritik zurück: Der Impfstoff aus dem Sonderkontingent sei ausschließlich für das Klinikum vorgesehen gewesen: „Wir haben gemäß den Vorgaben des Landes die Mitarbeiter der Bereiche mit der höchsten Priorität geimpft. In Einzelfällen wurden lediglich Rest-Dosen - der Impfstoff ist nur sehr begrenzt haltbar - auch an Mitarbeiter verimpft, die nicht in die höchste Priorität fallen. Der Anteil dieser Impfungen liegt unter drei Prozent.“ Solche Impfungen seien auch in den andern koordinierenden Häusern erfolgt, teilweise in deutlich höheren Umfang.

Thomas Menzel.

Sammet hält die Angabe, dass im Klinikum 755 Mitarbeiter - die von Menzel genannten 97 Prozent - in corona-sensiblen Bereichen arbeiten, für nicht überzeugend.

Menzel versichert, seine Angabe sei korrekt, und setzt nach, das Herz-Jesu-Krankenhaus sitze im Glashaus: „Dort ließen sich zwei Mitarbeiter der Verwaltung impfen.“ Sammet empört diese Vermutung: „Der Vorwurf ist falsch. Richtig ist: Eine Mitarbeiterin der Verwaltung wurde geimpft, weil sie als gelernte Krankenschwester einem Impfteam angehört.“

Michael Sammet: Dieses Verhalten ist unkollegial und sicher nicht im Sinne des Landes Hessen

Menzel empört sich seinerseits über die Kritik des HJK: „Was Herr Sammet veranstaltet, ist eine Kampagne gegen das Klinikum.“ Sammet entgegnet: „Es ist legitim, die Ungleichbehandlung beider Häuser zu kritisieren. Unsere Mitarbeiter sind aufgebracht.“

Da der Landkreis über das Impfzentrum Vakzin besorgt hat, sind im HJK mittlerweile 114 Mitarbeiter geimpft, was aber immer noch nicht alle der 160 Kräfte in corona-sensiblen Bereich umfasst.

Michael Sammet.

Das hessische Innenministerium erklärt unserer Zeitung: „Das Land hat den sieben koordinierenden Krankenhäusern in Hessen, den sogenannten Covid-19-Schwerpunktkliniken, insgesamt rund 8000 Dosen des Biontech-Impfstoffes zur Verfügung gestellt, um damit das jeweils eigene höchstpriorisierte Personal nach § 2 Nr. 4 und 5 CoronaImpfV zu impfen.“ Eine Weitergabe an andere Krankenhäuser direkt durch die Schwerpunktkrankenhäuser habe das Land dabei nicht vorgesehen.

Andere Häuser

Die anderen osthessischen Krankenhäuser verfolgen den Streit zwischen den beiden Fuldaer Kliniken, äußern sich öffentlich aber nicht. Allein Dr. Tobias Plücker, Chefarzt im Eichhof-Krankenhaus Lauterbach, bezieht Stellung: „Ich nehme die Verteilungspolitik zur Kenntnis, bewerte sie mit den Priorisierungsvorgaben des Bundes und des Landes und habe ansonsten in der Pandemie eines gelernt: Verlasse dich ausschließlich auf dich selbst und dein eigenes Handeln und bleibe dir selbst treu.“

Viele osthessische Krankenhäuser behandeln Coronapatienten: Im Dezember und Januar waren es insgesamt 141 im Helios St. Elisabeth-Krankenhaus in Hünfeld, 107 im Eichhof-Krankenhaus, 84 im Kreiskrankenhaus in Alsfeld, sowie im Tagesschnitt 40 im Klinikum Hersfeld-Rotenburg. Impfstoff für einige Mitarbeiter erhielten sie mittlerweile über den jeweiligen Kreis. / vn

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