Stimmen aus der Region

„Hinsichtlich der Erkrankung kein großer Vorteil“ - So denken Ärzte über die Corona-Impfung für Kinder

  • Alina Komorek
    VonAlina Komorek
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Weil die Isolation durch die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung vor allem Jugendliche trifft, befürworten Kinderärzte aus der Region die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Sie hoffen vor allem, die psychischen Folgen für Kinder damit abzufangen.

Fulda - Nach wochenlangen Diskussionen hat sich die Ständige Impfkommission (Stiko) für Corona-Impfungen bei Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren ausgesprochen. Wir haben Kinderärzte aus der Region befragt, wie sie zu der Empfehlung stehen.

Dr. Carsten Friedrich in Hünfeld: Trotz Stiko-Empfehlung: Kinderarzt Dr. Carsten Friedrich verzeichnet keine erhöhten Anfragen in seiner kinderärztlichen Praxis in Hünfeld. „Aber das Aufklären ist jetzt deutlich weniger. Der Wunsch nach Information war sehr aufwendig für unsere Praxis“, sagt der Arzt. Er habe viele Gespräche führen müssen, um die verunsicherten Eltern zu beruhigen.

Fulda: „Hinsichtlich Erkrankung kein großer Vorteil“ - So denken Ärzte über Kinder-Impfungen

Aus medizinischer Sicht hält der Arzt die Impfungen von Jugendliche für sinnvoll: „Zehn Prozent aller Infizierten müssen mit den Langzeitfolgen der Corona-Erkrankung rechnen. Kinder erholen sich wohl alle, doch insgesamt bin ich mit der Möglichkeit und der Empfehlung sehr einverstanden.“ Die Stiko habe auf wissenschaftlicher Ebene begründet, dass die Impfung den Jugendlichen einen Vorteil bringe im Vergleich dazu, nicht geimpft zu sein. Jedoch gelte dies für jedes Kind individuell und stelle nur einen Teilaspekt für die gesamtgesellschaftliche Pandemiebewältigung dar.

Auch aus kinderpsychologischer Sicht befürwortet er die Impfung für Jugendliche. „Kinder sollen unter Kinder. Die Pandemie ist für alle eine Belastung – manche Jugendlichen bekommen Symptome, sind unzufrieden oder wollen nicht mehr weiterleben“, erklärt er. Denn für Jugendliche wie für Erwachsene gelten gleichermaßen die Regelungen für Geimpfte, sodass Treffen wieder möglich würden. Allerdings sehe er in der Immunisierung nicht die einzige Maßnahme zur Bekämpfung der Pandemie. „Der Schulbesuch muss anders geregelt werden – er sollte nicht von der Impfung abhängen“, sagt er. Lösungen sieht er in Lüftungskonzepten und Abstands- und Hygieneregelungen. (Lesen Sie hier: Wie der Corona-Lockdown der Kinder-Psyche schadet)

Impfzentrum Landkreis Fulda: Seit dem 22. Juli ist es Jugendlichen im Impfzentrum möglich, sich impfen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Stiko die Impfung auch für Kinder zugelassen, fasst Lisa Laibach von der Pressestelle des Kreises zusammen. „Es kamen immer wieder Kinder und seit diesem Tag haben wir immer einen Kinderarzt im Impfzentrum“, sagt sie. Nach der Zulassung im Juli hat die Stiko nun die Empfehlung der Impfung für Kinder ab zwölf Jahren ausgesprochen. Seitdem seien vermehrt Kinder im Impfzentrum zu beobachten. Zahlen könne der Landkreis dazu aber nicht liefern. „Vorgestern Mittag standen direkt mehr Kinder im Impfzentrum“, berichtet Laibach.

„Im Impfzentrum haben bislang insgesamt 3120 Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren ihre erste Impfung erhalten“, heißt es vom Landkreis. „1636 Jugendliche haben ihre zweite Impfung bekommen.“ Insgesamt leben 21.962 Personen im Alter zwischen zehn und 19 Jahren im Kreis Fulda.

Geregelter Schulbetrieb und Vermeidung psychischer Folgen - Das sind die Vorteile der Kinder-Impfung

Kinderarztpraxis Künzell: Dr. Benedikt Pircher bemerkt noch keinen erhöhten Zulauf in seiner Praxis. Er erklärt, dass schon nach den ersten wissenschaftlichen Erkenntnissen die Stiko nicht abgeraten hatte. „Wir müssen genau hinsehen, um Risiken und Nutzen einer Impfung einzuschätzen und die neuen Daten der Stiko führten zur Empfehlung für Kinder ab 12 Jahren.“ Nun bestehe etwas mehr Sicherheit für die Praxen und die Eltern, die sich für eine Impfung ihrer Kinder entscheiden.

Die Stiko hat am Montag eine Empfehlung für Impfungen von Kindern ab 12 Jahren ausgesprochen. So reagieren die Kinderärzte aus dem Kreis Fulda auf die Empfehlung.

Er begrüße die Entscheidung der Stiko und sprach sich für die Impfung bei Jugendlichen ab zwölf Jahren aus, obwohl die Verläufe einer Erkrankung in dieser Altersgruppe verhältnismäßig mild seien. „Das ist sicherlich ein guter Schritt“, sagt Pircher. „Die Jugendlichen müssen raus und sich wieder treffen dürfen.“ Denn die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung wirkten massiv auf die Psyche der Jugendlichen „Wenn du Corona kriegst, stirbt deine Oma – das muss wieder aus den Kindern raus, sie müssen wieder mehr Freiheiten bekommen“, erklärt der Kinderarzt. (Lesen Sie hier: Diskussion um Luftfilter - Eltern fordern Anschaffung für Fuldas Schulen)

Hinsichtlich der Erkrankung aber denkt er als Kinderarzt, dass die Jugendlichen keinen großen Vorteil von der Impfung haben – eben weil die Verläufe zumeist mild seien. „Ich habe keine Angst davor, die Kinder zu impfen. Denn die Impfung macht im Grunde das, was das Virus auch macht, damit der Körper die Abwehr dagegen aufbauen kann“, sagt Pircher.

Trotz Stiko-Empfehlung: In hiesigen Praxen hält sich die Nachfrage nach Kinder-Impfungen in Grenzen

Arztpraxis an der Wasserkuppe: „Wir haben schon die ganze Zeit Kinder geimpft, seit die Stiko die Impfung für Kinder ab zwölf zugelassen hat“, sagt Dr. Florian Kircher, der als Arzt in der Praxis an der Wasserkuppe in Gersfeld arbeitet. „Die Datenlage aus den USA war gut und den Gesprächsbedarf der Eltern haben wir aufgefangen.“ Die Jugendlichen würden ihm und seiner Praxiskollegin nun „nicht die Bude einrennen“, aber die Impfungen der Kinder ab zwölf Jahren fänden weiterhin statt.

„Ich halte die Empfehlung für sinnvoll“, erklärt Kircher. „Vorher war es eine individuelle Entscheidung und jetzt ist es für alle empfohlen.“ Für ihn sei das Hauptargument, den Schulbetrieb durch möglichst viele geimpfte Jugendliche aufrechtzuerhalten. „Die Sozialentwicklung der Kinder hängt von der Schule und dem Kontakt mit Gleichaltrigen ab.“ Für noch wichtiger aber halte er, dass sich alle Erwachsenen impfen lassen. „Damit auch die ganz Kleinen unter zwölf Jahren geschützt sind“, ergänzt Kircher.

Rubriklistenbild: © Sina Schuldt

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