Das Kreuz organisiert unter anderem das „Winterzeitkino“.
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Das Kreuz organisiert unter anderem das „Winterzeitkino“.

Einnahmen eingebrochen

Treue Gäste und flexible Strategien: Warum kleine Kinos gute Chancen haben, die Corona-Pandemie zu überleben

  • Anke Zimmer
    vonAnke Zimmer
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Die bundesweiten Kinoketten schlagen Alarm, weil die monatelangen Schließungen ihnen große finanzielle Probleme bereiten. Kleine und zum Teil kommunale Kinos stehen besser da. Wiewohl sie es natürlich auch alles andere als leicht haben.

Fulda/Lauterbach - Ein bisschen scheint es so zu sein wie mit den Dinosauriern. Als der Meteoriteneinschlag kam und alles anders wurde auf der Erde, da hatten die Giganten massive Schwierigkeiten, sich anzupassen. Kleine Säugetiere aber erwiesen sich als wendig und flexibel. Wer am Ende überlebte, ist hinlänglich bekannt.

Nicht, dass die bundesweiten Kinoketten wie etwa das CineStar, das in Fulda einen Standort betreibt, Dinosaurier seien. Aber in der Corona-Pandemie haben es kleine und kommunale Kinos ein bisschen einfacher, mit dem monatelangen Stillstand zurechtzukommen. Das kristallisiert sich im Gespräch mit Andreas Heidenreich, dem ersten Vorsitzenden des Bundesverbandes der Kommunalen Kinos, heraus. Und Stefanie Dörr vom Lichtspielhaus in Lauterbach, Wolfgang Wortmann vom Kreuz, das unter anderem das „Winterzeitkino“ organisiert, sowie der Vorstand der Fuldaer Initiative „Kino 35“ bestätigen seine Worte.

Fulda: Kleine Kinos haben gute Chancen, Corona zu überleben - Treue Gäste und flexible Strategien

Heidenreich, der in Weiterstadt ein kommunales Kino betreibt, sieht gleich mehrere Vorteile der Lichtspielhäuser „um die Ecke“, und die öffentliche Förderung ist nur einer davon. Zumal bei Weitem nicht alle kleinen Kinos auch kommunale Kinos seien. So manch ein Haus wie etwa das in Lauterbach sei schließlich ein kleines Privatunternehmen. „Es ist vor allem die persönliche Beziehung zu den Besucherinnen und Besuchern“, wie er sagt. Diese habe eine Treue zur Folge, von der auch Stefanie Dörr schwärmt. „Wir haben viele Stammgäste“, erzählt sie am Telefon. (Lesen Sie hier: Reportage zu Kino-Besuch in Corona-Zeiten: Was ist zu beachten?).

Das habe sich vor allem zwischen den beiden Lockdowns bemerkbar gemacht. Natürlich haben sie und ihr Lebensgefährte, die das Kino als Familienbetrieb führen, eine gewisse Skepsis unter ihren Kunden bemerkt. Und der Sommer sei ja ohnehin nicht die Zeit, in der viele Menschen ins Kino gingen. Aber bis zur zweiten Schließung im November „zog das Interesse merklich an, es gab Fans, die kamen jede Woche, egal welcher Film lief“. Diese Solidarität haben auch die Mitglieder des „Kino 35“-Vorstandes erlebt. Fredrik Makowka und Werner Krah erzählen, dass die Initiative nicht nur treue Kunden habe, sondern auch auf private Spender bauen könne. „Deswegen ist unser Geldtopf auch noch nicht leer“, fügt Krah hinzu. (Auch Musicaldarsteller Friedrich Rau kann in der Pandemie auf seine Fans zählen: Gerade eben hat der 38-Jährige ein Crowdfunding für seine Solo-CD gestartet, und das ging durch die Decke).

Video: Kino-Knaller 2021: Kinobetreiber hat trotz Corona-Pandemie Hoffnung

Ein nicht zu unterschätzender Punkt: Die Arbeit in kleinen Kinos wird nicht selten von Ehrenamtlichen erledigt, von leidenschaftlichen Filmliebhabern also. „Wir mussten niemanden in Kurzarbeit schicken“, sagt Makowka. Und auch Dörr betont, dass ihr Unternehmen keine hohen Personalkosten habe. „Und zum Glück auch keine Mietkosten, denn das Haus gehört uns“, fügt sie hinzu. Was die Ehrenamtlichen betrifft, da ist Andreas Heidenreich skeptischer. „Ich habe die vage Befürchtung“, sagt er, „dass die Männer und Frauen, die sich bislang ohne Lohn an die Kassen gesetzt haben, jetzt merken, dass es alternative Freizeitbeschäftigungen gibt.“

Zeit des Stillstands haben viele Veranstalter für Renovierungen und Umbauten genutzt

Die Zeit des Stillstands haben viele Veranstalter übrigens für Renovierungen und Umbauten genutzt - jenseits der Maßnahmen, die wegen Corona ohnehin nötig waren. So ist das „Kino 35“ - unabhängig von der Pandemie - umgezogen und hat den Saal in der Ohmstraße fit gemacht für „50 Besucher statt der eigentlich möglichen 140 Gäste“, wie Torsten Mager betont. Und auch das Kreuz in Fulda hat seinen Saal an der Schlitzer Straße auf Corona-bedingte Gästezahlen umgemodelt. (Was Sänger Tobias Sammet in Zeiten des Stillstands macht, lesen Sie hier).

Wie Wolfgang Wortmann vom Kreuz betont, hat das soziokulturelle Zentrum nämlich inzwischen die Organisation des beliebten „Winterzeitkinos“ übernommen, nachdem sich der Verein „Filmbühne Fulda“ aus personellen Gründen aufgelöst hat. „Aus Platzgründen können wir den Kulturkeller dafür nicht nutzen“, sagt er, „da dürfen maximal zwölf Menschen rein“. Auf 2020 rückblickend betont auch er, dass viele Menschen das Erlebnis Kino gesucht hätten, die Open-Air-Vorstellungen der Reihe „Kultur. Findet. Stadt.“ seien stets gut besucht gewesen. Angst vor den Streamingdiensten kennen sie nicht.

Bei der Sommeraktion war Fulda finanziell mit im Boot, auch das „Kino 35“ konnte und kann sich auf die Unterstützung der Stadt verlassen. Staatliche Hilfsmaßnahmen wurden zum Teil in Anspruch genommen. Also alles eitel Sonnenschein? Mitnichten. Corona gehe ihnen schon an die Substanz, sagen alle. Die Einnahmen sind gewaltig eingebrochen, Fixkosten geblieben. Aber den Kopf steckt deswegen keiner von ihnen in den Sand, im Gegenteil. Wenn sie dürften, würden sie umgehend an den Start gehen. Zwei Wochen Vorlaufzeit würde Stefanie Dörr brauchen. Das Kreuz spricht von „schlagartig“, und das „Kino 35“ nennt die Zeitspanne von zwei Tagen. Denn das ist noch so ein Vorteil der kleinen Kinos: Sie müssen nicht auf Blockbuster warten. Die Filme für ihre erlesenen Programme sind zwar älter, aber in der Regel von jetzt auf gleich verfügbar.

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