Friedrich Rau hat ein Crowdfunding für seine Solo-CD gestartet.
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Friedrich Rau hat ein Crowdfunding für seine Solo-CD gestartet.

Im Interview

„Ich will von meiner eigenen Musik leben können“: Friedrich Rau über seine neue Solo-CD und die Corona-Krise

  • Anke Zimmer
    vonAnke Zimmer
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Friedrich Rau macht keinen Hehl aus seiner Freude. Gerade eben hat der 38-Jährige ein Crowdfunding für seine Solo-CD gestartet, und das ging durch die Decke. Was Corona betrifft, da sieht der Sänger, Songschreiber und Musicaldarsteller nicht durch die rosa Brille, wie er im Interview mit unserer Zeitung verrät.

Fulda/Leipzig - Ein Jahr Corona: Was bedeutet das für die Kulturszene? Wir haben bei Künstlern, Veranstaltern und Museumsleitern mal nachgefragt. Den Anfang macht Sänger, Songschreiber und Musicaldarsteller Friedrich Rau.

Zehn Stunden reichten, um über ein Crowdfunding 10.000 Euro für die erste Friedrich-Rau-Solo-CD zu sammeln.
So ist es.
Wie ist das gelungen?
Ich habe mir über die Wunschzimmer-Konzerte, die ich seit dem ersten Lockdown donnerstags und sonntags auf friedrichrau.de gebe, also seit knapp einem Jahr, eine feste Fangemeinde erspielt, die regelmäßig zuschaut. Bei diesen Konzerten präsentiere ich normalerweise Coversongs, aber zwischendurch auch immer mal eine eigene Komposition. Irgendwann wurde in dieser Runde der Wunsch nach einer CD mit meinen Liedern geäußert. Und meine Fans ließen mich wissen: Wenn ich die CD mache, unterstützen sie mich. Darauf habe ich beim Crowdfundig gebaut.
Zu erwarten war ein solcher „Durchmarsch“ aber nicht.
Deswegen freut es mich auch so. Man traut es sich ja fast nicht zu sagen in diesen Zeiten, aber ich bin deswegen unglaublich glücklich. Ohne den zweiten Lockdown wäre es dazu vorerst auch nicht gekommen.

Solo-CD und Corona-Krise: Friedrich Rau im FZ-Interview

Zur Person

Friedrich Rau, Jahrgang 1983, ist ein deutscher Sänger, Musicaldarsteller und Songschreiber. In Fulda war er unter anderem in den spotlight-Produktionen „Die Schatzinsel“ und „Der Medicus“ zu erleben sowie im Open-Air-Spektakel „Bonifatius“ vor dem Dom.

Rau war lange Mitglied im Vokalensemble Voxid. Für die Hanauer Brüder-Grimm-Spiele hatte er ein Stück geschrieben („Schneeweißchen und Rosenrot“) und auch die musikalische Leitung übernommen. Im vergangenen Jahr spielte er vor dem ersten Corona-Lockdown in dem Leipziger Musical „Kuss der Spinnenfrau“ mit, vor dem zweiten Lockdown war er in dem Stück „Swing Street“ in Fürth zu erleben.

Wie ist das zu verstehen?
Meine letzte Produktion, „Swing Street“ in Fürth, endete einen Tag vor dem zweiten Lockdown. Und dann habe ich mich gefragt, was ich in der erneuten Zwangspause machen soll. Bis im Mai die Arbeit für mein nächstes Engagement beginnt, ist genug Zeit, um ein Album aufzunehmen. Es sollte aber im Vorhinein klar sein, dass das Produkt Gewinn abwirft. 
Gewinn...
Ich mache das Album ja nicht nur zum Spaß, ich will von meiner eigenen Musik leben können und natürlich auch alle anderen, die daran beteiligt sind, bezahlen können. Gewinn, das bedeutet einfach Lohn.
Damit niemand für lau arbeitet?
Beteiligt sind neben mir und meinem Produzenten auch noch Grafiker für das umfangreiche Booklet, ein Fotograf... Alles Menschen, die von der Krise besonders betroffen sind. 

Crowdfunding

Für die Finanzierung seiner ersten Solo-CD hat Friedrich Rau ein Crowdfunding ins Leben gerufen. Die zunächst angepeilten 10.000 Euro kamen dank zahlreicher privater Unterstützer innerhalb von zehn Stunden zusammen.

Nun will der Sänger und Songschreiber das zweite Fundingziel, 15.000 Euro, erreichen, unter anderem, um davon ein Video drehen und das Marketing groß angehen zu können. Rau hofft dafür auch auf Firmensponsoring und bietet im Gegenzug die Möglichkeit, diverse Werbeflächen (CD-Booklet, Plakate, Online-Auftritte, Social-Media-Kanäle etc.) zu nutzen. „Die Reichweite wird groß sein“, sagt er angesichts des bundesweiten Interesses an seinen Wunschzimmer-Konzerten.

Das zweite Fundingziel sind jetzt 15.000 Euro.
Das strebe ich nun an, um die CD, deren Finanzierung ja steht, auch professionell auf den Markt bringen zu können, etwa für ein Video, und auch da müssen alle Beteiligten bezahlt werden.
Die CD wird ausschließlich Rau-Songs beinhalten?
Nicht nur, aber mindestens zur Hälfte. Ich stelle bei meinem Wunschzimmer-Konzert am kommenden Sonntag (7. Februar) meinen Mitkomponisten Tim Ludwig vor, auch von ihm werden Lieder auf der CD sein. Und vor einigen Jahren hatte ich zusammen mit der Schlagersängerin Ella Endlich Lieder geschrieben, eventuell kommen von denen auch ein paar dazu.  
Die Stilrichtung?
Es gibt da so einen Begriff, der nennt sich Mainstream (lacht). An sich ist es Popmusik, deutschsprachig. Also: Deutschpop.
Und der Zeitplan, wann wird die CD fertig sein, wie geht es dann weiter?
Konkret: Am 16. Juli und 17. Juli werde ich auf der Seebühne der Kneshecke Album-Release-Konzerte geben; vorausgesetzt, es regnet nicht und Corona lässt es zu. Da wird das Album erstmals der Öffentlichkeit mit Live-Band präsentiert. Für den ersten Termin, also die Premiere, können Tickets übrigens nur über das Crowdfunding erworben werden. Da gibt es auch ein VIP-Ticket: die besten Plätze kombiniert mit dem Zutritt zur Release-Party im Anschluss und einer Übernachtung im angrenzenden Hotel. Da übernachte ich auch, man hat also die Chance, mich beim Frühstück zu treffen.
Verkatert...
Genau (lacht). Was aber nicht passieren wird, denn ich muss am Abend ja das zweite Konzert geben. Der Vorverkauf dafür startet, sobald der 16. Juli verkauft ist. Beide Konzerte finden mit Band statt. Am 30. und 31.Juli gebe ich dann dort so wie im letzten Sommer zwei Scheinwerfer-Konzerte, also quasi meine Wunschzimmer-Konzerte unter freiem Himmel. Da wird der Eintritt frei sein, allenfalls eine Reservierung gegen eine geringe Gebühr wird es geben. Die Zuschauer entscheiden selbst, wie viel sie in den digitalen oder analogen Hut werfen, und daraus ergibt sich meine Abendgage. Es gibt noch andere Termine, aber die sind noch nicht spruchreif.
Betrifft das auch die vorhin erwähnte Produktion, die im Frühling stattfinden soll?
Ja, da kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht so viel verraten. Zumal abzuwarten bleibt, ob sie überhaupt stattfinden darf.
Was eine gute Überleitung zum Thema Corona ist.
Ich bin sehr skeptisch, vor allem, was große Veranstaltungen im Indoor-Bereich betrifft, aber auch Open-Air. Die Menschen sind zurückhaltend geworden. Wer kauft denn im Moment Karten? Wer fühlt sich wohl bei dem Gedanken, in einer Menschenmenge zu stehen oder in einem ausverkauften Theater zu sitzen?  
Trotz der begonnenen Impfungen?
Auch wenn alle durchgeimpft sein sollten, wird 2021 noch kein normales Jahr werden.
Aber 2022?
Das hoffe ich.
Rückblickend auf 2020: Viele Künstler hat die Pandemie in große Nöte gebracht, anderen die Türen geöffnet.
Was mich betrifft, muss ich wiederholen: Die CD würde es jetzt noch nicht geben. Allgemein aber gilt: Der zweite Lockdown hat uns Künstler wesentlich härter getroffen als der erste. Jetzt werden wirklich Existenzen zerstört, auch institutionelle, zum Beispiel was Privattheater oder -unternehmen betrifft.
Konkret?
Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was es für spotlight bedeuten könnte, wenn der diesjährige Musicalsommer ebenfalls Einschränkungen oder Schlimmeres erfahren muss. Ich könnte heulen. Das sind doch die innovativen Kulturschaffenden, die wir brauchen, die wir retten müssen.
Und die private Betroffenheit?
Was mich runterholt, ist diese endlose Aneinanderreihung von Enttäuschungen seit November. Immer wieder hieß es, vier Wochen Lockdown, damit über Weihnachten wieder alles gelockert wird, dann kam es doch nicht so. Dieses Hin und Her hat mir sehr zugesetzt.
Was wäre die Alternative gewesen?
Zumindest der Kulturbranche hätte man gleich sagen müssen: Wir machen zwei Monate Lockdown. Aber so, wie es war, hat das psychologische Auswirkungen.
Welche?
Den Menschen in Aussicht zu stellen, dass nach vier Wochen alles wieder öffnet, und das dann nicht einhalten zu können, hinterlässt den Eindruck, wir hätten alles falsch gemacht, hätten uns nicht an Regeln gehalten. Klar, einige haben das auch nicht getan. Aber diese Versprechen, die nicht eingelöst werden konnten, führen zu Schuldgefühlen. Da wäre ein konsequenter harter Lockdown im Herbst besser gewesen.
Wer sind die Verlierer?
Ganz klar die Veranstaltungs-, Tourismus und Gastronomie-Branche. Die Kultur ist am härtesten betroffen. Manche Unternehmen werden mit Millionen unterstützt, Künstler bleiben im Regen stehen.
Die Gelder für Kulturschaffende kommen angeblich auch nicht oder jedenfalls nicht rechtzeitig bei den Betroffenen an.
Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich Hilfen nicht beantrage. Nicht beantragen muss, weil ich über die Wunschzimmer-Konzerte Einkommen hatte und habe. Zudem hatte ich ein paar sozialversicherungspflichtige Engagements, deswegen bekam ich teilweise Kurzarbeitergeld.
Welche langfristigen Folgen wird Corona haben?
Der Schaden wird noch jahrelang spürbar sein.
Was geht verloren?
Viel Personal, also etwa Bühnen- und Tontechniker, muss derzeit umschulen und wird nicht mehr zur Verfügung stehen.
Was passiert in Sachen Nachwuchs?Werden sich angehende Künstler nun genauer überlegen, ob sie diesen Beruf ergreifen?
Man könnte natürlich auch sagen, dass künftig nur noch bei der Stange bleibt, wer es ernst meint mit der Kunst. Vielleicht entsteht dadurch ein Vakuum, das mehr Platz für ernsthafte Künstler lässt.
Könnte diese, ich nenne es mal „Bereinigung des Marktes“, am Ende gar zu besserer Qualität führen?
Nein. Schrott wird es immer geben.

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