Thomas van de Scheck startete mit Michael „Shaggy“ Schwarz einen Podcast.
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Thomas van de Scheck startete mit Michael „Shaggy“ Schwarz einen Podcast.

Über Podcasts und Studio Ghibli

Fuldaer Künstler Thomas van de Scheck über Corona: „Kultur wurde systematisch zum Stillstand gebracht“

  • Anne Baun
    vonAnne Baun
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Auch Musiker, Fotograf und Künstler Thomas van de Scheck (56) aus Fulda fühlt sich von Corona und dem Lockdown eiskalt erwischt. Doch statt den Kopf hängen zu lassen, startete er mit Michael „Shaggy“ Schwarz einen Podcast und versucht sich als vegetarischer Koch.

Fulda - Musiker und Fotograf Thomas van de Scheck aus Fulda spricht im Interview mit unserer Zeitung über Podcasts, die Corona-Pandemie und Studio Ghibli.

Ein Jahr Corona: Wie haben Sie die vergangenen zwölf Monate erlebt?
Eigentlich als sehr verwirrend, irritierend und widersprüchlich.
Wie meinen Sie das?
Zum einen wurden Maßnahmen ergriffen, die in Anbetracht der Situation gerechtfertigt waren. Andererseits wurden dadurch aber auch nachvollziehbare Fragen laut, die jedoch nur unbefriedigend beziehungsweise bis heute nicht beantwortet wurden. Und ständig haben sich Dinge verändert, und das fast wöchentlich, bis ich mich irgendwann gefragt habe, worum es eigentlich primär noch mal ging. Und auch schlimm in den letzten Monaten ist gewesen, dass die Glaubwürdigkeit unserer Bundesregierung stark gelitten hat und ihr Verhalten in der Corona-Pandemie zum Teil fragwürdig gewesen ist.
Fragwürdig?
Klar, man kann jetzt sagen, dass sie es mit einer neuen Situation zu tun hatte und es nicht besser wusste, aber spätestens ab Herbst und der zweiten Welle hätte man dazu lernen können. Und sich vielleicht auch eingestehen, dass man aus Unwissenheit, den einen oder anderen Fehler gemacht hat. Aber das kam leider gar nicht. Bis heute. Doch was das Schlimmste ist, dass sich dadurch und der mangelnden Transparenz von Anbeginn des ersten Corona-Lockdowns, die Gesellschaft massiv gespalten hat. Und dass sich diese Spaltung auch durch Freundeskreise und Familien gezogen hat, macht das Ganze nur umso dramatischer. Falls diese Pandemie irgendwann mal vorbei sein sollte, haben wir nicht nur im wirtschaftlichen Bereich einiges zu kitten, sondern vor allem im sozialen und im psychohygienischen. Da werden wir noch lange dran zu knabbern haben.

Fulda: Künstler Thomas van de Scheck fühlt sich von Corona-Pandemie eiskalt erwischt

Zur Person

Thomas van de Scheck wurde 1965 in Kairo geboren und machte eine Ausbildung zum Lithografen. Nachdem er als Tontechniker für Radio Hamburg und Klassik Radio gearbeitet hatte, wurde er Assistent des Hamburger Modefotografen Lars Matzen und arbeitet bis heute als Fotograf. Zudem arbeitete van de Scheck als Werbetexter für Agenturen und schrieb Artikel für Frauenmagazine wie „Elle“ oder „Freundin“. Im Musikgenre wirkte er als Bassist der Gruppe Cancer Barrack und als Sänger und Gitarrist bei Hell-O-Matic (heute: VAN:TOM:S). Er komponierte für das Musical „Bonifatius“ sowie das Techno-Projekt „B-Dominus“.

Keine Bandproben, keine Auftritte: Sind Musiker Ihrer Meinung nach die am schwersten betroffenen Kulturschaffenden?
Ja, dass alle Auftrittsmöglichkeiten weggebrochen sind, ist schon sehr hart. Nur sind die Musiker aber nur ein kleiner Teil der Unterhaltungsindustrie. Schließlich arbeiten hier auch Veranstalter, Booker, Bühnen- und Beleuchtungstechniker, Caterer, Kartenabreißer, Türsteher. Alle sitzen seit dem ersten Lockdown zuhause und wissen nicht, wie es weitergehen wird. Klar, die Bundesregierung meinte, wir lassen niemanden alleine und bietet großzügige Hilfen. Aber dann stellte sich heraus, dass die Hilfen nur für Betriebskosten verwendet werden dürfen und dass das, was ausgezahlt worden ist, nun wohl wieder zurückgezahlt werden muss. Das hilft den Künstlern und Soloselbstständigen natürlich sehr. Und als dann der zweite Corona-Lockdown kam, und von November- und Dezemberhilfen gesprochen wurde, haben sich viele schon gar nicht mehr gemeldet, weil sie ahnten, dass auch das wieder nur eine potentielle Blase sein könnte. Abgesehen davon, dass diese Hilfen bis heute zum Teil noch gar nicht ausgezahlt wurden.
Das klingt nicht gerade optimistisch.
Die Kultur wurde systematisch zum Stillstand gebracht, und viele Kulturschaffende haben sich umorientiert und versuchen jetzt, in relevanteren Branchen Fuß zu fassen. Damit sind Musiker und Künstler die wirklichen großen Verlierer in einem Wald nicht nachvollziehbarer Entscheidungen und Maßnahmen. Doch unterm Strich werden es aber auch wieder die Künstler sein, an denen es hängen bleibt, dass die Kultur neu belebt wird und die die dafür notwendigen Konzepte entwickelt werden. Jedenfalls von den Künstlern, die dieses große Kultursterben überlebt haben.
Sie nutzen Ihre freie Zeit, um mit Michael „Shaggy“ Schwarz einen Podcast zu starten. Worum geht’s, und wie ist es dazu gekommen?
Ja, der wunderbare Shaggy ist einer der wenigen in Fulda, die einen Weg gefunden haben, das Fähnchen der Kultur hochzuhalten, um diese direkt ins Ohr der Menschen zu bringen. Und zwar in Form verschiedener Podcasts, wie zum Beispiel „Fulda Kultur“, zu dem Shaggy auch mich eingeladen hatte. Dabei haben wir festgestellt, dass uns die Liebe zu japanischen Animes und vor allem die Filme des legendären Studio Ghibli eint.

Video: Kunstaktion für bessere Corona-Hilfen für Soloselbstständige

Was ist denn Studio Ghibli?
Dieses Animestudio ist quasi das japanische Pendant zu Walt Disney und vom künstlerischen Aspekt her sogar noch um einiges anspruchsvoller. Also beschlossen wir kurzerhand, einen gemeinsamen Podcast ins Leben zu rufen, den wir „World of Ghibli“ nannten und in dem wir chronologisch, in einem Zeitraum von zwei Wochen, alle bis jetzt 23 Ghibli-Filme besprechen werden. Gestartet ist das Ganze im Januar und macht jetzt schon einen Riesenspaß. Natürlich hoffen wir auf eine wachsende Zuhörerschaft, um auch in ihnen die Begeisterung für diese Filme zu wecken. Sie haben das Potential, das Leben der Menschen schöner zu machen. Und das ist es, was wir in diesen Zeiten am dringendsten brauchen.
Der Corona-Lockdown macht mürbe. Wie schaffen Sie es, sich selbst zu motivieren?
Na ja, gelangweilt habe ich mich eigentlich noch nie. Irgendwas mach ich immer. Ich steh früh auf, geh nicht zu spät ins Bett, und in der Zeit dazwischen versuche ich, mich gesund zu ernähren und mich im Kopf rege zu halten. Das mach ich, indem ich meine Band VAN:TOM:S (ehemals Hell-O-Matic) bei Laune halte, viel lese, meiner Begeisterung für japanische Animes fröne und fast täglich neue vegetarische Kochexperimente starte. Freundschaften sind leider ein bisschen auf der Strecke geblieben, aber vielleicht kann man die nach der Corona-Pandemie ja wieder reaktivieren oder einfach gleich ganz neue schließen. Mal schauen.
Können Sie aus dem vergangenen Jahr trotz Corona etwas Positives für sich ziehen?
Ja klar, vor allem dass ich überlebt habe, nicht den leisesten Anflug einer Erkältung hatte und endlich mal die Zeit gefunden habe, mich sinnlos zu beschäftigen, ohne dass ich mir deswegen Vorwürfe machen muss. Schließlich waren wir alle Helden im Jahr 2020/2021.

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