Haben die Corona-Maßnahmen das Immunsystem geschwächt? Immunologe Timo Ulrichs hat sich in einem Gastbeitrag zu dem Thema geäußert.
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Haben die Corona-Maßnahmen das Immunsystem geschwächt? Immunologe Timo Ulrichs hat sich in einem Gastbeitrag zu dem Thema geäußert.

Grippe und Erkältung

Schwaches Immunsystem durch Corona-Maßnahmen? Immunologe Timo Ulrichs nennt die Gründe

Timo Ulrichs ist Mikrobiologe, Gesundheitswissenschaftler sowie Professor an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaft in Berlin. Der gebürtige Fuldaer geht in einem Gastbeitrag der Frage nach, wie das Immunsystem infolge der Corona-Schutzmaßnahmen aufgestellt ist.

Berlin - Ist es generell sinnvoll, sich vor der Übertragung potenzieller Infektionserreger zu schützen, oder ist es besser, mit möglichst vielen davon in Kontakt zu kommen, damit das Immunsystem lernt, im Ernstfall besser mit ihnen fertigzuwerden? Diese Frage stellt sich in der Erkältungssaison im Herbst und Winter 2021/22 angesichts der immer noch geltenden Abstands- und Hygieneregeln.

Diese haben in den anderthalb Jahren Corona-Pandemie das Schlimmste verhindert: einen Massenanfall von Infizierten und Erkrankten, Beatmungspflichtigen und komplizierten Fällen mit Vorerkrankungen. Die Maßnahmen waren sinnvoll und notwendig, um bei einer komplett immunnaiven Bevölkerung die rasante Ausbreitung dieses für unsere Immunsysteme völlig neuartigen Erregers zumindest abzubremsen. (Lesen Sie hier: Entwicklungen der Corona-Pandemie in Hessen - Mit unserem News-Ticker bleiben Sie auf dem Laufenden)

Fulda: Müdes Immunsystem nach Corona-Maßnahmen - Das rät ein Immunologe

Mittlerweile läuft die Durchimpfungskampagne und parallel eine Durchseuchung der Ungeimpften (immer noch mit einem Risiko schwerer Verläufe), und das Coronavirus kann sich nun nicht mehr so leicht ausbreiten, weil es statistisch gesehen immer häufiger auf bereits immune Menschen trifft. Ein Ende der Pandemie ist also abzusehen mit Erreichen der Herdenimmunität – auch wenn die vierte Welle noch nicht überstanden ist und es angesichts noch vieler Ungeimpfter leider noch keine Entwarnung (und damit keinen „Freedom Day“) geben kann.

Die Abstands- und Hygieneregeln haben in den Pandemiezeiten auch dazu geführt, dass die regelmäßigen Kontakte zu bereits bekannten (und meistens harmlosen) anderen Erregern ebenfalls stark reduziert wurden, sodass das Immunsystem nicht mehr gut trainieren konnte. Das gilt auch für Erreger, die eher durch Schmier- als durch Tröpfcheninfektion übertragen werden, zum Beispiel virale Erreger des banalen Schnupfens, die an Händen und auf Türklinken kleben.

Anstieg der Influenza - Timo Ulrichs rät zur Grippeimpfung

Und deshalb sehen wir nun, bei vorsichtiger Lockerung der Hygieneregeln, eine verstärkte Ausbreitung dieser Erreger, auch bei Kindern. Zwar gibt es nun mehr Fälle, aber die meisten verlaufen eher harmlos, und das ist der grundsätzlichen Abwehrbereitschaft unseres Immunsystems zu verdanken sowie dem immunologischen Gedächtnis, das auch über längere Zeiträume diese Abwehrbereitschaft vorhält. (Lesen Sie hier: Einkauf im Supermarkt nur noch für Geimpfte und Genesene? Das Sagen Edeka und Co. zur 2G-Regel)

Ein weiterer Nebeneffekt der Hygieneregeln war das nahezu komplette Ausbleiben der Grippewelle in der letzten Saison 2020/21. Die vorsichtigen Lockerungen könnten nun in dieser Saison aus oben genannten Gründen zu einem rasanten Ansteigen der Ausbreitung des Influenzavirus’ führen, deshalb ist sehr zu empfehlen, sich gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen.

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Unerwünschte Wechselwirkungen mit der Corona-Impfung sind nicht zu befürchten, es ist sogar eher davon auszugehen, dass die Corona-Impfung in den Impfkalender für Kinder- und Jugendliche aufgenommen werden wird, und/oder, dass zukünftig Corona- und Grippe-Impfungen als Kombiimpfung für Ältere angeboten werden.

Für alle weiteren Grippesaisons könnten wir uns als Lektion aus der Pandemie angewöhnen, im öffentlichen Raum medizinische Masken zu tragen – zusammen mit einer Grippeimpfung vor allem für gefährdete Personen wäre das eine sehr gute Abwehr gegen die Influenzaviren. Und für die Zeit nach der Pandemie gilt: die Kinder zusammen mit vielen anderen Kindern im Dreck spielen lassen – das Immunsystem wird trainiert, gegen Erreger gewappnet zu sein und gefährliche von ungefährlichen Agenzien zu unterscheiden.

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