Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf die Fortschritte der Inklusion. Dies spüren auch die Verantwortlichen bei antonius Netzwerk Mensch in Fulda.
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Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf die Fortschritte der Inklusion. Dies spüren auch die Verantwortlichen bei antonius Netzwerk Mensch in Fulda.

Umstellung für Bewohner

Corona-Pandemie belastet Inklusionsarbeit - antonius in Fulda: „Um Jahre zurückgeworfen“

  • Sarah Malkmus
    vonSarah Malkmus
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Inklusion lebt davon, Menschen mit Behinderungen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen – dazu gehört Selbstständigkeit und Miteinander. Strikte Corona-Verordnungen erschweren dies. Mitarbeiter und Bewohner der Stiftung antonius– Netzwerk Mensch geben Einblicke in das schwierige Leben während der Pandemie. 

Fulda - „Die Corona-Pandemie wirft die Inklusionsarbeit um Jahre zurück“, sagt Sebastian Bönisch, Mitglied der Geschäftsleitung von antonius-Netzwerk Mensch. Der Grund: Die Krise nehme den Bewohnern ihre Selbstständigkeit – etwas, das sie sich über Jahre hinweg erarbeitet hätten. Das sei tragisch, schließlich gehe dadurch ein Stück weit der Sinn der Arbeit bei antonius verloren. Seit Monaten liege der Fokus darauf, das Leben mit der Krise zu managen, Hygienemaßnahmen zu erfüllen. Dem eigentlichen Stiftungsauftrag könne dann jedoch nicht mehr die volle Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Insbesondere der Verlust der Selbstständigkeit der Bewohner sei problematisch in der Krise, sagt Björn Bierent, Quartiersmanager bei antonius. Dieser Verlust fuße vor allem auf der Strenge der Corona-Regeln. Denn die Verordnungen für die Behindertenhilfe glichen jenen für die Pflegeeinrichtungen, sagt Bierent. Das heißt, im stationären Wohnen herrschten weitaus strengere Vorgaben, als in anderen Bereichen. Doch eine Behinderung sei nicht zwingend ein Risikofaktor, macht auch Bönisch deutlich und fügt hinzu: „Politisch wird die Behindertenhilfe einfach vergessen.“

Corona belastet auch Inklusionsarbeit - antonius in Fulda: „Um Jahre zurückgeworfen“

Um auf die verschiedenen Bedürfnisse der Bewohner einzugehen, haben Stefan Wald, Inklusionsnetzwerker, und seine Kollegen intensive Gespräche mit diesen geführt, ihnen erklärt, wie und warum Masken getragen werden müssen, wozu die Hygienemaßnahmen da sind. „Angst war natürlich da, aber das konnten wir auffangen, indem wir mit unseren Bewohnern über jeden Schritt gesprochen haben“, sagt er. Man habe zudem gemeinsam Nachrichten geschaut, Zeitung gelesen. Besonders die 24-jährige Swetlana Smetanina, Bewohnerin der Wohngemeinschaft Martin, zeigte sich interessiert in Hinblick auf die Krisenthematik.

Inklusionsnetzwerker Stefan Wald (links) hat mit den Bewohnern der Wohngemeinschaft Martin in Marbach Heiko Vey und Swetlana Smetanina Routinen im Umgang mit der Corona-Pandemie entwickelt.

Dennoch empfindet sie die Situation als belastend. Über mehrere Monate hinweg durfte sie – wie die anderen Bewohner auch – ihrer Arbeit auf dem antonius-Campus in Fulda nicht nachgehen. Um die WGs zu schützen, mussten Kontakte stark reduziert werden. Für Smetanina war das schwer. Ihr Freund lebt in einer anderen WG als sie. Besuchen konnten sie sich gegenseitig nicht. „Es ist für mich schwer zu verstehen, dass es eben nicht so läuft, wie ich es mir wünsche“, sagt die 24-Jährige. Trotzdem hat sie einen Umgang mit der Situation gefunden: „Ich habe viel telefoniert, außerdem bin ich sportlich geworden.“

WG-Bewohner: Soziale Kontakte nach außen fehlen

Auch dem 46-jährigen Bewohner Heiko Vey fehlen die sozialen Kontakte. „Überhaupt nicht rauszukommen ist für mich besonders schlimm“, sagt er. Vor der Krise habe er sich hauptsächlich um die Besorgungen für die WG gekümmert, kam oft in Kontakt mit den Nachbarn – schließlich seien die Bewohner der WG stark in das Dorfleben integriert. All das ist derzeit jedoch nur bedingt möglich. Eine große Freiheit sei es für ihn gewesen, mit dem Bus an die Arbeit zu fahren. Erst seit Kurzem geht der 46-Jährige seiner Arbeit auf dem Campus wieder nach. Den Bus kann er trotzdem nicht nutzen, da mit dem Busfahren ein erhöhtes Ansteckungsrisiko einhergehe, wie Bönisch erklärt. Die Bewohner der WG werden Tag für Tag vom antonius-Personal zur Arbeit gebracht. „Mit dieser Umstellung ging es mir nicht gut“, sagt der 46-Jährige.

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Einsamkeit sei trotz allem kein Thema in der WG Martin. „Unsere Bewohner haben sich“, sagt Wald. Viele gruppeninterne Aktivitäten hätten der Einsamkeit außerdem vorgebeugt: Mandalas malen, spielen, miteinander sprechen.

Belastungen durch Corona immens: Hygienemaßnahmen und personelle Engpässe

Doch nicht nur für die Bewohner, auch für die Mitarbeiter bei antonius sei die Situation eine Belastung. „Wir mussten Räume schaffen für Begegnungen, mussten Hygienemaßnahmen umsetzen, außerdem hatten wir personelle Engpässe“, berichtet Wald. Eine personelle Aufstockung habe es nicht gegeben

Doch letztlich – so Wald – spielte sich mehr und mehr eine Routine ein: „Wir waren dann doch durchaus positiv überrascht, wie gut das alles klappt“, sagt Wald. Vor dem Lockdown habe man große Sorge vor dem Umgang mit der Situation gehabt. „Wir hoffen nun auf eine Impfung, damit wir unserer Aufgabe – Begegnungen zu schaffen – wieder gerecht werden können“, sagt Bönisch. Und auch die so wichtige Selbstständigkeit gelinge nur durch das Miteinander.

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