Eine Seniorin erhält von einer Ärztin eine Impfung des Moderna-Vakzins im neu eröffneten Corona-Impfzentrum im Velodrom Stadion in Berlin.
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Was kann der Piks? Und was nicht? Um diese Fragen dreht sich der Gastbeitrag für die Fuldaer Zeitung (Symbolbild).

Gastbeitrag

Corona-Experte Peter M. Kern: „Wer nicht immun ist, den wird das Virus finden, auch wenn es viele Jahre dauert“

Experte Prof. Dr. Peter M. Kern befasst sich in einem Beitrag für die Fuldaer Zeitung mit der Immunantwort auf das Coronavirus und geht der Frage nach, was wir uns letztendlich von der Impfung versprechen dürfen – und was eben nicht.

Fulda - Als Gastautor (60) schreibt der Immunologe und Direktor der Medizinischen Klinik IV am Klinikum Fulda, Prof. Dr. Peter M. Kern, in unserer Zeitung.

Betrachten wir es grundsätzlich: Seit 3500 Millionen Jahren gibt es auf dieser Erde einzellige Lebensformen, seit zwei Millionen Jahren den aufrecht gehenden Menschen. Wir haben uns, wie jede andere komplexe Lebensform, in eine Umwelt hineinentwickelt, die seit Urzeiten von Mikroorganismen beherrscht wurde und wird. Dass wir darin existieren können, verdanken wir einzig und allein unserem Immunsystem. Ohne Immunsystem könnten wir keinen Tag überleben. Ein perfektes Immunsystem dagegen wäre ein entscheidender Beitrag zur Unsterblichkeit. Unsere biologische Realität liegt irgendwo dazwischen.

„Corona-Impfung löst Problem nur zum Teil“ - Beitrag von Experte Peter M. Kern aus Fulda

Den Schutz, den unser Immunsystem gegen einen angreifenden Erreger, also eine Infektion, entwickelt, nennen wir „Immunantwort“. Sie ist immer ganz spezifisch für diesen einen Erreger und nur durch sie überleben wir. Mit jeder Infektion entsteht eine neue Immunantwort. Das gilt seit zwei Millionen Jahren gegen Abertausende Erreger, die uns bedrohen – und nun eben auch für Sars-CoV-2. Dabei gibt es nur eine einzige Alternative zur Infektion: Die Impfung. Sie ist nichts anderes als eine imitierte Infektion, die zwar immun, aber eben nicht krank macht.

Der Immunologe und Direktor der Medizinischen Klinik IV am Klinikum Fulda, Prof. Dr. Peter M. Kern.

Sars-CoV-2 ist seit einem Jahr in unserer Welt und wird es nun für immer bleiben. Die Chance, ihm zu entgehen, ist minimal. Bei den Infektionsraten der „zweiten Welle“ wären innerhalb eines Jahres 50 Prozent der Bevölkerung Deutschlands infiziert. Die viel zitierte Herdenimmunität würde eine weitere epidemische Ausbreitung verhindern, Einzelinfektionen dagegen nicht. Wer nicht immun ist, den wird das Virus finden, auch wenn es viele Jahre dauert. Nur ganz vereinzelt ist es gelungen, Krankheitserreger komplett auszurotten, zum Beispiel die Pocken.

Eine Immunantwort ist praktisch nie ein 100-prozentiger Schutz. Entweder verdämmert sie mit der Zeit (z. B. Tetanus) oder sie kann die Erreger nicht eliminieren (z. B. Herpes) oder diese mutieren und entziehen sich damit der Immunantwort (z. B. Grippe). Eine Impfung gegen Sars-CoV-2 erzeugt derzeit einen 95-prozentigen Schutz. Ob eine Immunität durch Infektion dauerhafter oder effektiver ist, wissen wir noch nicht, aber es wäre gut möglich. Letztlich brauchen wir neben der Impfung auch effektive Therapieverfahren gegen die Krankheit Covid-19. Bisher sind keine verfügbar.

Video: Das Impfzentrum in Fulda öffnet - Corona-Schutzimpfungen starten

Die Impfung allein, selbst wenn sie einmal flächendeckend ist, löst also unser Problem nur zum Teil, zumal wir ja dafür den Schutz durch die Distanzierungsmaßnahmen aufgeben wollen. Der Handel „Impfung gegen Lockdown“ wird noch über viele Monate signifikante Infektionszahlen produzieren, bei risikoadaptierter Impfstrategie allerdings rasch sinkende Zahlen schwerer und fataler Covid-19-Verläufe. Die Debatte um die dauerhafte Beibehaltung zumindest eines Teils der Schutzmaßnahmen steht uns aber noch schmerzhaft bevor, zumal sie auch vor anderen Erregern schützen. Das zeigen deren sinkenden Infektionszahlen (und damit auch Todesfälle) schon heute eindeutig.

Ich habe es vor fast einem Jahr schon gesagt und ich wiederhole es heute: Wir werden bewusst entscheiden müssen, mit welcher Opferrate wir leben wollen. Die Hoffnung auf die „weiße Null“ – also kein Todesfall mehr – ist eine naive Sentimentalität, bei diesem wie bei jedem anderen Lebensrisiko. Immerhin haben wir eine gewisse Wahl!

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