Ein Rettungswagen fährt rasant durch die Innenstadt bei Nacht.
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Der Rettungsdienst in Fulda wurde im Jahr 2018 umstrukturiert. Nun ziehen die Verantwortlichen Bilanz. (Symbolfoto)

Umstrukturierung im Jahr 2018

Rettungsdienst im Kreis Fulda zieht Bilanz - Notfalleinsätze durch Corona zurückgegangen

  • Andreas Ungermann
    VonAndreas Ungermann
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Für den Rettungsdienst im Landkreis Fulda ist jetzt – Mitte 2021 – ein interessanter Zeitpunkt gekommen: 2018 begann die größte Ausweitung in der Rettungsdienststruktur des Kreises mit 38.000 zusätzlichen Stunden. Bei der Bilanz stellten die Verantwortlichen einen coronabedingten Rückgang der Einsätze fest.

Fulda - „Die wichtige Kennzahl im Rettungsdienst in Hessen ist die Hilfsfrist. Binnen zehn Minuten, so gibt es das Land vor, müssen in 90 Prozent der Fälle Einsatzorte im Kreis von Rettungskräften erreichbar sein“, schiebt Kreisgesundheitsdezernent Frederik Schmitt (CDU) vorweg. Es ist ein Wert, dem der Landkreis Fulda inzwischen wieder näher kommt.

2018 habe die Abdeckung bei 80 Prozent gelegen, und Anpassungen seien notwendig geworden. Den Grund dafür sehen Schmitt sowie der Fachdienstleiter Gefahrenabwehr beim Kreis, Frank Reith, und der organisatorische Leiter des Rettungsdienstes, Gerrit Hosenfeld, in der erhöhten Einsatzfrequenz. Aktuell, so ergeben die Erhebungen, sei allerdings wieder in 87,4 Prozent der Fälle die Zehn-Minuten-Hilfsfrist einzuhalten.

Fulda: Weniger Einsätze durch Corona - Rettungsdienst zieht Bilanz

Um dieses Ziel zu erreichen sind diffizile Rechenspiele, umfangreiche Datenerhebungen und penible Zeitabgleiche notwendig. Mit einem einfachen Abzirkeln auf der Landkarte lasse sich der Rettungsdienst nicht strukturieren – sprich: Rettungswachen und Notarztstandorte ließen nicht ohne Weiteres auf der 1380,5 Quadratkilometer großen Kreisfläche platzieren.

„Wir berechnen jedes Jahr ohnehin einen immensen Datensatz aus dem Alltag der Leitstelle. Alle zwei bis drei Jahre nehmen wir noch einmal eine umfangreichere Analyse vor“, beschreibt Reith. Zuletzt war das 2018 der Fall. Damals seien die Strecken auf den Straßen im Landkreis zudem mit Blaulicht und Martinshorn abgefahren worden, um Zeiten mit den Angaben der Leitstelle und der Besatzungen der Rettungswagen abzugleichen.

Die Aufstellung der Dienstpläne gestaltet sich nicht einfacher. „Die Zeiten, in denen ein Rettungswagen einsatzbereit ist, können an unterschiedlichen Wochentagen variieren. Das richtet sich nach dem Einsatzaufkommen und den Zeiten. An manchen Standorten stehen zum Beispiel zwei Mehrzweckfahrzeuge, die sowohl Notfalleinsätze als auch Krankentransporte fahren können. Weil aber nachts dort weniger passiert, ist eines rund um die Uhr, das andere jedoch nur von 7 bis 19 Uhr oder von 8 bis 20 Uhr aktiv“, erläutert Hosenfeld.

Bei der Neuaufstellung der Wachen könne es zudem passieren, dass gar keine Einrichtung weiterer Standorte nötig, sondern diese nur verlegt werden. Jüngst so geschehen bei dem Notarztstandort in Maberzell. Zuvor waren die Mediziner nämlich von Neuenberg ausrückt. Die Verlegung nach Maberzell habe eine bessere Netzabdeckung für Bad Salzschlirf ergeben und dort sei man durchaus glücklich, sagt Schmitt.

Bislang habe der Kurort oft mit dem am Klinikum stationierten Rettungshubschrauber „Christoph 21“ angeflogen oder auch über den Vogelsbergkreis angefahren werden müssen. Groß seien die Befürchtungen gewesen, als der Notarztstandort im Nachbarkreis von Lauterbach nach Willofs verlegt worden sei. „An den Kreisgrenzen gibt es immer Schnittmengen, Einsätze hören da ja nicht einfach auf. Deshalb werden die Standorte in der Nachbarschaft betrachtet“, sagt Reith.

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Neuaufstellung der Wachen: Verlegung des Notarztstandorts hat bessere Abdeckung für Bad Salzschlirf ergeben

Von Interesse sind für ihn und seine Kollegen zudem Änderungen in der Infrastruktur im Landkreis. Bestes Beispiel ist der Lückenschluss an der A 66 mit dem Neuhofer Tunnel. Die Vermutung: Im Südkreis muss aufgrund der Autobahn ein erhöhter Bedarf liegen. Aber Reith klärt auf: „Natürlich gibt es bei solchen Änderungen immer auch negative Begleiterscheinung. In Neuhof hat der Lückenschluss aber in erster Linie zu kürzeren Fahrzeiten geführt.“

Noch etwas hat sich in der jüngeren Vergangenheit ausgewirkt. Bedingt durch Corona ist die Zahl der Notfalleinsätze zurückgegangen. Wohl weil es weniger Verkehrs- oder Arbeitsunfälle gegeben hat, vermutet Schmitt. Deshalb werde eine genaue Analyse notwendig, ob die 38.000 aufgestockten Stunden, deren Kosten grob auf je 10 Euro kalkuliert werden, noch ausreichen. Abgerechnet werden die Rettungsdienstleistungen jedoch nicht über den Kreis, sondern hierzu setzen sich die Träger mit den Krankenkassen ins Benehmen.

Video: Im Notfall - So setzen Sie einen Notruf richtig ab

Eine Herausforderung treibt Schmitt, Reith und Hosenfeld bei allen Planungen um: Auch im Rettungsdienst befürchten sie den Fachkräftemangel. Immerhin fällt für die Notfallsanitäter eine dreijährige Berufsausbildung – in Deutschland die höchste medizinische Ausbildung unter dem Medizinstudium – an, und die bisherigen Rettungssanitäter müssen sich bis Ende 2023 nachqualifizieren. „Zunächst einmal ist die Bewertung des Wegfalls von Wehr- und Zivildienst eine politische Frage.

Aber ja, für die Fachkräftegewinnung war dies von Nachteil“, konstatiert Schmitt, und Hosenfeld fügt hinzu: „Im Zivildienst haben manche Kollegen entdeckt: ,Mensch, die Arbeit macht mir Spaß, das will ich weiterhin machen.‘ Ich bin auch so ein Hängengebliebener. Heute schrecken die von außen sichtbaren Umstände wie Schichtdienst oftmals ab“, sagt er und hofft wie Schmitt und Reith, dass junge Menschen durch Praktika Interesse am Rettungsdienst gewinnen.

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