„Es war kein Angriff, es war ein Sich-wehren“, sagte Verteidiger Hans J. Hauschild (Vierter von rechts) in seinem Plädoyer.
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„Es war kein Angriff, es war ein Sich-wehren“, sagte Verteidiger Hans J. Hauschild (Vierter von rechts) in seinem Plädoyer.

Landgericht Fulda

Prozess um Dolch-Attacke - Anwalt des Opfers: „Der Angeklagte ist eine tickende Zeitbombe“

  • Hanna Wiehe
    vonHanna Wiehe
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Gefährliche Körperverletzung, versuchter Totschlag oder versuchter Mord? Im Fall des 18-Jährigen, der sich derzeit wegen eines Messerangriffs vor dem Landgericht Fulda verantworten muss, sind am Montag die Plädoyers gehalten worden.

Fulda - „Der Angeklagte ist eine tickende Zeitbombe“, sagte Ralf Kuhn, der Nebenkläger des Geschädigten vor dem Landgericht Fulda. Dieser war bei dem Messer-Angriff des Angeklagten am 28. April dieses Jahres schwer verletzt worden. Sein Mandant sei „in die Falle gelaufen“ und völlig unbeteiligt am Geschehen gewesen, sagte Kuhn. Er habe zwar von einem Streit zwischen dem 18-jährigen Zeugen und dem Angeklagten gewusst – nicht aber von einem vorausgegangenen Chat-Verlauf mit teils gewalttätigem, drohendem Inhalt.

Zum anderen sei dem Opfer nicht bewusst gewesen, was für eine Person der fünfmal vorbestrafte Angeklagte sei. Diesen hatte das Opfer gemeinsam mit dem 18-Jährigen und seiner 15-jährigen Freundin am Abend des 28. April in der Wohnung der Freundin des Angeklagten in Fulda aufgesucht. Der Angeklagte, der aus dem Vogelsberg stammt, solle wegen versuchten Mordes „nicht wesentlich unter der Höchststrafe“ verurteilt werden. Weil der Angeklagte zunächst den Zeugen mit dem Dolch angegriffen hatte, forderte Kuhn vor dem Landgericht Fulda eine „angemessene“ Strafe wegen versuchten Totschlags.

Angeklagter sticht auf Opfer ein - Staatsanwältin fordert vier Jahre und sechs Monate Jugendstrafe

Staatsanwältin Dr. Christine Seban sah das etwas anders: Die Beweisaufnahme habe die Vorwürfe nur teilweise bestätigt. Denn in der Anklageverlesung hieß es zunächst, der Angeklagte habe mit dem Dolch auch eine gezielte Stichbewegung in Richtung des Zeugen ausgeführt. Er habe ihn jedoch nicht erreicht, weil der junge Mann auswich. Seine Warnung „Achtung, Dolch!“ habe das Opfer nicht verstanden – er kannte nach eigener Aussage das Wort „Dolch“ nicht.

Vor dem Haus habe der Angeklagte dann auf das Opfer eingestochen. Die Aussage des Geschädigten hielt sie für glaubhaft. Die Behauptung des Angeklagten, er habe aus Notwehr gehandelt, bezeichnete sie als „Schutzbehauptung“. Seban forderte ein Strafmaß von vier Jahren und sechs Monaten Jugendstrafe wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Der Tötungsvorsatz ergebe sich aus der Schwere der Verletzungen, der Wahl der Tatwaffe und der Wucht der Stiche. Für versuchten Mord sehe sie keine Ansatzpunkte.

Nebenklage-Vertreter glaubt Zeugen und seiner Freundin im Prozess um Messerangriff

Nebenklage-Vertreter Andreas Scheja erklärte, er schenke – im Gegensatz zur Staatsanwältin – dem 18-jährigen Zeugen sowie seiner Freundin Glauben. Der Angeklagte sei schnurstracks auf den Zeugen zugerannt, dieser habe in letzter Sekunde ausweichen können, woraufhin sich der Angeklagte dem Opfer zugewandt habe. Scheja sprach sich für eine „empfindliche Strafe“ aus – vor dem Hintergrund, dass Delikte mit Stichwaffen allgemein zunähmen. Er forderte eine Jugendstrafe von mindestens fünf Jahren.

Verteidiger Hans J. Hauschild versuchte vor dem Landgericht Fulda, die Situation aus Sicht des Angeklagten zu schildern: „Es klingelt Sturm an der Tür, draußen steht ein Typ, der mehrmals damit gedroht hat, ihn abzustechen. Er geht davon aus, der hat ein Messer.“ Der Angeklagte habe sich also ebenfalls bewaffnet, in der Hoffnung, der andere würde abhauen, was er auch tat. Doch warum blieb der Angeklagte da? „Wenn da Leute wegrennen und rufen ,Achtung Dolch‘ – gehe ich dann als Opfer hin und gucke mal? Da renne ich auch weg“, sagte der Verteidiger.

Verteidiger Hans J. Hauschild wirft Angeklagtem vor, sich mit Messer gewehrt zu haben

Hans J. Hauschild werfe dem Angeklagten jedoch vor, sich mit einem Messer zur Wehr gesetzt zu haben. Dieser hatte vor Gericht angegeben, er sei vom Geschädigten an die Wand gedrückt und geschlagen worden. Der Angeklagte solle wegen gefährlicher Körperverletzung nach Jugendstrafrecht noch anderthalb Jahre im Gefängnis bleiben, um dort seinen Hauptschulabschluss nachholen zu können. „Ihn lange Zeit wegzusperren, dafür, dass er in einer singulären Situation überreagiert hat, das wäre nicht verhältnismäßig“, sagte der Verteidiger.

Der Angeklagte selbst entschuldigte sich am Ende der Verhandlung: „Es tut mir unfassbar leid.“ Er kenne das Opfer gar nicht und habe ihm nie derart schaden wollen. „Es hätte nicht so weit kommen sollen“, sagte er.

Das Urteil spricht die Kammer unter Vorsitz von Richter Joachim Becker am Mittwoch um 11 Uhr.

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