Der Angeklagte wird in Handschellen zum Sitzungssaal begleitet. Die Düsseldorfer Rechtsanwältin Esther Boos verteidigt ihn gemeinsam mit dem Kölner Rechtsanwalt Gerhard Schaller.
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Der Angeklagte wird in Handschellen zum Sitzungssaal begleitet. Die Düsseldorfer Rechtsanwältin Esther Boos verteidigt ihn gemeinsam mit dem Kölner Rechtsanwalt Gerhard Schaller.

Er verdiente 258.000 Euro

Fulda: Drogenhandel im ganz großen Stil - Angeklagter berichtet vor Gericht von seiner Vergangenheit

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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„Dieser Fall sprengt von den Dimensionen alles, was ich in dieser Kammer je auf den Tisch bekommen habe“, sagt Richter Joachim Becker. Vor dem Landgericht Fulda steht ein 22-Jähriger, der im großen Stil mit Drogen gehandelt haben soll. Mit dem Verkauf von Rauschgift habe er laut Anklage 258.000 Euro verdient. 

Fulda - Wer den Angeklagten sieht, der kann kaum glauben, dass dieser junge Mann in so eine Geschichte reingeraten konnte. Der heute 22-Jährige ist in einem Dorf im Altkreis Hünfeld aufgewachsen, kommt aus guten Verhältnissen. Seine Eltern haben studiert, er hat eine Ausbildung in einem Handwerksberuf abgeschlossen. Auch Drogen habe er – bis heute – nie genommen, weil er „nichts davon hält“, wie er sagt. Doch irgendwann muss etwas schief gelaufen sein.

Jetzt drohen ihm mehrere Jahre Haft. Die Straftaten, die ihm vorgeworfen werden, sind nicht ohne: So soll er im Zeitraum zwischen Juli 2017 und Februar 2020 mit Marihuana, Haschisch und Amphetaminen gehandelt und mit dem Verkauf eine Viertelmillion Euro eingenommen haben. Wenn sich das so bestätigt, dann kann die Haftstrafe zwischen vier und acht Jahren liegen – ohne Bewährung. Gleich zu Beginn erörtert Richter Joachim Becker den möglichen Strafrahmen.

Drogenhandel im ganz großen Stil: War der Angeklagte aus Hünfeld Teil einer Bande?

Die Frage wird sein, ob Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht angewendet werden muss. Denn zum Zeitpunkt der Taten war der Angeklagte noch Heranwachsender. Und es steht noch etwas im Raum: Der junge Mann soll womöglich als Teil einer Bande mit den Betäubungsmitteln gehandelt haben – dann läge die Mindeststrafe bei fünf Jahren.

Gegen drei weitere Personen laufen Ermittlungen. Die Beschuldigten würden aber nicht im Landkreis Fulda wohnen, wie Pressesprecher und Richter Patrick Krug erklärt. Neben den Drogengeschäften wird dem 22-Jährigen auch vorgeworfen, zusammen mit einem Kollegen einen nicht zahlenden Kunden genötigt und mit einer nicht geladenen Pistole bedroht zu haben.

Zweieinhalb Jahre hat die Polizei den Mann wohl beobachtet. Zu den Vorwürfen geäußert hat er sich noch nicht. Das steht erst beim nächsten Verhandlungstermin am morgigen Mittwoch um 10 Uhr an.

Kaum Freunde in der Grundschulzeit: Angeklagter berichtet über seine Vergangenheit

Fragen zu seiner Person beantwortet er. Bei seiner Aussage wirkt er aufgeräumt. Er erzählt, dass er es in der Grundschulzeit schwer hatte, Freunde zu finden. Als der Richter ihn fragt, wie er als Kind seinen Geburtstag gefeiert habe, erzählt er davon, dass er einmal Einladungen ausgeteilt habe, die ihm dann wortlos zurück auf den Platz gelegt worden seien. „In der Grundschulzeit war ich meistens alleine. Ich habe dann versucht, das mit mir selbst auszumachen.“ Auf dem Gymnasium sei es besser geworden.

„Ich hatte ein, zwei Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe.“ Doch nach zwei Jahren ging er ab, weil er Konzentrationsschwierigkeiten hatte. Die Realschule verließ er dann nach der neunten Klasse. Heute noch sagt er: „Mir fällt das Lernen schwer. Schule war nicht mein Fall, deshalb habe ich eine Lehre gemacht.“ Als Handwerker habe er sich verwirklichen können. Die Arbeit habe ihm Spaß gemacht, sowohl in seinem Ausbildungsbetrieb, als auch in der Firma, wo er vor seiner Inhaftierung gearbeitet hat. Jetzt in der JVA helfe er mit, die Zellen zu renovieren.

Drogendealer aus Hünfeld - Schwierigkeiten im Job brachten ihn auf die schiefe Bahn

Nach der Lehre fingen die Schwierigkeiten offenbar an. Sein Ausbildungsbetrieb konnte ihn nicht übernehmen und die Jobs, die er danach angenommen hatte, passten alle nicht so richtig. Als 20-Jähriger, zwischen Mitte 2018 und Anfang 2019, habe er mit Depressionen zu kämpfen gehabt. Das war auch die Zeit, in der die Drogengeschäfte gelaufen sein sollen. „Ich hing in der Luft und wusste nicht, wer ich bin“, erinnert sich der Angeklagte an diese Monate.

Besser sei es erst geworden, als er seine Freundin kennenlernte, mit der er inzwischen verlobt ist. „Ab da ging mein Leben bergauf. Aber ich konnte nicht einfach sagen, ich höre auf“, sagt er und bricht in Tränen aus. Seine Verteidigerin Esther Boos erklärt, dass es Bedrohungen gegeben haben soll: Wenn er nicht weitermache, werde seiner Familie und der Freundin etwas passieren.

Lesen Sie hier: Schlägerei auf der Frankfurter Zeil: 21-Jährige aus Schlüchtern steht vor Gericht.

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