Blinker im Heck
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Die tödlichen Unfälle mit E-Bikes nehmen zu. Braucht es eine Helmpflicht für Radfahrer?

Starker Anstieg

Mehr tödliche Unfälle mit E-Bikes im Jahr 2020 - Muss eine Helmpflicht her?

  • VonMarius Scherf
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Die Corona-Pandemie hat der Bundesrepublik einen E-Bike-Boom beschert. Doch mit den Verkaufszahlen steigen auch die Unfallzahlen. Braucht es daher eine Helmpflicht für Radfahrer? 

Fulda - Ein E-Bike-Boom ist auch in der Region Fulda nicht zu bestreiten. Ein Beispiel gefällig? Es ist Winter. Hoher Schnee bedeckt die Wasserkuppe. Kalter Nebel erschwert einem die Sicht. Wie in einem Science-Fiction-Film hebt sich das graue Radom von der weißen Landschaft ab. Plötzlich taucht ein E-Biker auf, passiert scheinbar mühelos Hessens höchsten Punkt und verschwindet wieder im Nebeldunst.

Das ist im Januar wirklich so passiert. Radler sind, so scheint es, mittlerweile an jedem Ort und bei jeder Witterung anzutreffen. Leistungsstarke E-Bikes mit breiten Reifen und starkem Motor machen es möglich. Das Geschäft boomt: Inzwischen liegen auch die Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) aus dem vergangenen Pandemiejahr vor. Demnach nahm der Verkauf von E-Bikes 2020 um rund 43 Prozent gegenüber 2019 zu. Mehr als jedes dritte verkaufte Fahrrad in Deutschland war ein E-Bike (38,7 Prozent), und überhaupt hat sich jeder zehnte Deutsche 2020 ein neues Fahrrad zugelegt. (Lesen Sie hier: Corona-Trend - immer mehr E-Bikes fahren durch den Wald)

Fulda: Mehr tödliche Unfälle in 2020 mit E-Bikes - Helmpflicht als Lösung?

1300 Euro – so viel wurde laut ZIV 2020 durchschnittlich für einen neuen „Drahtesel“ auf den Tisch gelegt. 30 Prozent mehr als 2019. Die Verbraucher geben immer mehr Geld aus, sagt David Eisenberger, Pressesprecher des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV), und beobachtet einen weiteren Trend: „E-Bikes werden immer schwerer und größer.“ (Lesen Sie hier: Volontärin Celina Lorei macht den Radfahr-Test in Hünfeld)

Auch in Rhön und Vogelsberg geht der Trend zu Rädern mit extra breiten Profilreifen, erklärt Kai Nüchter vom Bike-Store VeloCulTour in Neuhof. „Fast 95 Prozent der Räder, die bei uns verkauft werden, sind für Straße und Gelände geeignet“, sagt der 50-Jährige. „Viele denken, sie brauchen starke Motoren mit viel Leistung, nur weil der Nachbar das auch hat.“ Nüchter klärt seine Kunden dann erstmal auf: Volle Power sei nicht alles, es komme auf die eigenen Bedürfnisse an.

Beliebt sind die Bikes mit Vollausstattung trotzdem. Auch bei Jens Salomon von Bike 950 auf der Wasserkuppe. „Am meisten nachgefragt sind bei mir die sogenannten ,Fullys‘ – unter anderem mit per Knopfdruck verstellbarer Sattelhöhe. Das Spitzenmodell kostet um die 8000 Euro.“

Video: So groß ist der Fahrradboom in Deutschland wirklich

Die meisten Kaufanfragen gäbe es im Bereich der E-Mountainbikes mit Vollausstattung. Doch: „Die Branche kann momentan nicht genug liefern“, sagt er. Die Zulieferer kommen an ihre Produktionsgrenzen. Ein Grund, warum die Bikes immer teurer werden. Und wie lässt sich der Trend zu immer hochgerüsteteren Rädern erklären? „Das Bike wird gerade bei jungen Menschen immer mehr zum Statussymbol. Was früher noch das Auto war, ist heute das Bike.“

Doch parallel zum Boom häufen sich die Unfälle. Die Zahl der getöteten Radfahrer sei 2020 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 22 Prozent gestiegen, schreibt die Deutsche Verkehrswacht betreffend ihrer Unfallstatistik. 40 Menschen starben bei der Nutzung eines „normalen“ Fahrrads. 137 auf einem E-Bike. Auch im Kreis Fulda stiegen die Unfallzahlen. Die Zahl der verunglückten Radfahrer stieg um 15,2 Prozent. 70,3 Prozent beträgt der Anstieg bei E-Bikern. Dabei sei fast jeder fünfte Unfall auf zu schnelles Fahren zurückzuführen, sagt die Polizei in Osthessen. (Lesen Sie auch: Sicherheit auf dem Fahrrad - Polizei schult Pedelec-Fahrer)

Helmpflicht für Radfahrer? - Das sagen ZIV, ADFC und Händler

„Ungeübte Radfahrer, die mit dem neuen Bike ins Gelände fahren, in welches sie es ohne Motor nie geschafft hätten“, darin liegt für Jens Salomon eine der Unfallursachen in der Rhön. Braucht es Angesichts der Unfallzahlen eine Helmpflicht? Kai Nüchter von VeloCulTour findet, die meisten wüssten die Gefahren abzuschätzen. „Das sollte jeder für sich selbst entscheiden.“

„E-Biker wollen nicht langsam fahren“, sagt Wolf-Ulrich Schlösser vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Fulda (ADFC). Von einer Helmpflicht hält er jedoch wenig: „Das würde für viele die Schwelle erhöhen sich mal eben auf das Rad zu schwingen.“

Dem Radler drohe nach wie vor am meisten Gefahr durch andere Verkehrsteilnehmer. Schlösser kritisiert die Sicherheit in der Stadt. Die neue Frankfurter Straße: wieder nur für Autos geplant. Der Schutzstreifen für Radfahrer auf der Kurfürstenstraße: ein „Scherzstreifen“. Beim Fahrradklimatest 2020 des ADFC Deutschland belegt die Stadt nur Platz 86 von 110.

Die Bundesrepublik sei an den Verkaufszahlen gemessen inzwischen ein Fahrradland, sagt David Eisenberger, Pressesprecher des ZIV. Garant für mehr Sicherheit auf den Straßen könnten aber nur gut ausgebaute Radwege bieten. „Eine Helmpflicht lehnen wir strikt ab“, sagt er. Die Radnutzung würde abrupt zurückgehen. Und damit der Boom vorzeitig enden, der nach Einschätzung Jens Salomons noch zwei Jahre anhalten soll.

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