Auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie in Fulda wurde ein Paar teilweise belogen. (Symbolfoto)
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Auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie in Fulda wurde ein Paar teilweise belogen. (Symbolfoto)

Schlechte Erfahrungen am Immobilienmarkt

Verzweifeltes Paar sucht seit drei Jahren Eigenheim in Fulda: „Uns wurde richtiger Schrott angeboten“

  • Andreas Ungermann
    vonAndreas Ungermann
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Seit drei Jahren suchen Elisabeth Müller-Rempel und ihr Mann im Raum Fulda nach einer geeigneten Immobilie – bislang erfolglos, dafür aber mit jeder Menge unschönen Erfahrungen.

Fulda - „Ich würde am Wochenende lieber wandern gehen oder im Garten arbeiten, anstatt mir ein Grundstück nach dem anderen anzuschauen“, sagt Elisabeth Müller-Rempel. Seit drei Jahren sind sie und ihr Mann auf der Suche nach einem Grundstück, einem Haus oder einer Eigentumswohnung im Raum Fulda. Wie viele Objekte sie angeschaut haben, vermag sie nicht mehr zu zählen.

„Im Moment wohnen wir zwangsläufig zur Miete, aber wir wollen etwas Eigenes“, sagt Müller-Rempel. Dieser Wunsch resultiert aus der Erfahrung: Vor drei Jahren wurde dem Paar die Wohnung gekündigt – wegen Eigenbedarfs. Seitdem dauert die Suche an, und diese gestaltet sich aus mehreren Gründen schwierig.

Verzweifelt am Immobilienmarkt: Paar in Fulda sucht seit drei Jahren erfolglos nach Eigenheim

Auf dem Immobilienmarkt, so beklagt Müller-Rempel, werde eine Politik zugunsten von Investoren und nicht für die Bürger verfolgt. „Wenn wir uns früher um einen Bauplatz beworben haben, dann haben wir mit der Grundschullehrerin konkurriert. Heute heißt es vom Verkäufer: Nachher schaut sich noch ein Investor das Grundstück an. Und der kann natürlich ganz andere Preise bezahlen als wir“, nennt die 35-Jährige ein Beispiel und folgert: „Obwohl wir Doppelverdiener und beide im öffentlichen Dienst tätig sind, ist es unmöglich, an ein adäquates Grundstück zu kommen.“ (Lesen Sie hier: Immobilien in Fulda werden immer teurer)

Dabei seien sie und ihr Mann für ihren Traum vom Wohneigentum durchaus bereit, Preise über dem Bodenrichtwert zu zahlen – aber eben in vertretbaren Dimensionen. Die Investoren blätterten hingegen mitunter das Dreifache auf den Tisch, um die Areale möglichst dicht zu bebauen. Schön und wirklich familientauglich sei das nicht – aber am Ende teuer –, meint Müller-Rempel.

Zudem kritisiert Müller-Rempel, dass viele Grundstückseigentümer ihre Flächen hielten, ohne eine wirkliche Bauabsicht zu hegen. Das hätten sie und ihr Mann bei ihrer Suche des Öfteren erfahren, wenn Bauplatz- und Immobilieneigner gute Angebote ausgeschlagen hätten. „Die Kommunen könnten hier einen nachträglichen Bauzwang verhängen“, schlägt Müller-Rempel vor. Das komme, wie häufig kritisiert, aus ihrer Sicht keiner Enteignung gleich. Die Eigentümer hätten schließlich die Wahl, das Gelände zu verkaufen oder zu bebauen. (Lesen Sie auch: Preisanstieg und Lieferengpässe: Auf vielen Baustellen droht Stillstand)

Frau aus Fulda berichtet von schlechten Erfahrungen am Immobilienmarkt

Außerdem sieht die 35-Jährige die Kommunen in der Pflicht, schneller für mehr Bauland zu sorgen, andernfalls spitze sich die Situation immer mehr zu. Die neu ausgewiesenen Baugrundstücke in der Stadtregion reichten bei Weitem nicht aus. „Wenn Wartelisten für Baugebiete in Kommunen aufgelöst und Grundstücke einzeln vermarktet werden, dann wird verschleiert, wie dramatisch die Lage wirklich ist“, sagt Müller-Rempel. Aber selbst wenn sie und ihr Mann Interesse bekundeten, seien etliche Bewerbungen um Bauplätze aussichtslos, weil die Kommunen diese nur an eigene Bürger vergeben. „Teilweise ist das sogar auf die Ortsteile beschränkt, dass nur dortige Einwohner Plätze erhalten“, kritisiert Müller-Rempel.

Immobilienmarkt Fulda

925 unbebaute Grundstücke (inklusive Gewerbeflächen und landwirtschaftliche Grundstücke) wurden laut Immobilienmarktbericht 2020 des Amtes für Bodenmanagement 2019 im Kreis Fulda verkauft. Veräußert wurden dabei insgesamt 507 Hektar für 48,3 Millionen Euro (2018: 911 Verkäufe, 558 Hektar, 39,8 Millionen Euro; 2017: 789 Verkäufe, 645 Hektar 34,3 Millionen Euro).

388 Grundstücke für den Wohnungsbau („Wohnbauflächen“), mit denen auf insgesamt 35 Hektar 25,3 Millionen Euro umgesetzt wurden, waren betroffen (2018: 408 Verkäufe, 36 Hektar, 26,8 Millionen Euro; 2017: 282 Verkäufe, 25 Hektar, 15,1 Millionen Euro).

564 bebaute Grundstücke wechselten 2019 im Landkreis Fulda den Eigentümer. Der Flächenumsatz belief sich auf 71 Hektar, der Geldumsatz auf 134,2 Millionen Euro (2018: 552 Verkäufe, 80 Hektar, 139,7 Millionen Euro; 2017: 535 Verkäufe, 67 Hektar, 115,1 Millionen Euro).

203 Eigentumswohnungen wurden 2019 im Kreis Fulda verkauft, dabei wurden 32 Millionen Euro umgesetzt (2018: 211 Wohnungen, 36,2 Millionen Euro; 2017: 78 Wohnungen, 34 Millionen Euro).

Darüber hinaus sieht sie auf dem heimischen Immobilienmarkt ein weiteres Dilemma, in dem das kinderlose Paar bei der Suche selbst ein Stück weit steckt: „Familien mit Kindern erhalten auf der einen Seite bevorzugt Bauplätze. Auf der anderen Seite aber schrumpft der Kreditrahmen mit jedem Kind und schafft so finanzielle Risiken. Das ist doch ein irrwitziges Paradoxon“, sagt Müller-Rempel.

So oder so sei es schwer, eine passende Immobilie zu finden. Zu den hohen Preisen – von bis zu 800.000 Euro für Neubauten oder den Bestandserwerb samt anschließend notwendiger Sanierung spricht die 35-Jährige – komme oft hinzu, dass die Zuschnitte einfach nicht passend seien. Potenzielle Kinderzimmer etwa fielen in Doppelhaushälften oder Reihenhäusern nicht selten viel zu klein aus.

Video: Mieten oder Kaufen? - Die ewige Frage

Auf ihrer Suche hätten sie und ihr Mann so manches erlebt: „Uns wurde richtiger Schrott angeboten, und wir wurden auch über den Zustand von Immobilien belogen. Das ging bis hin zu gefälschten Energieausweisen, die uns vorgelegt wurden“, berichtet Müller-Rempel. Bei aller Verzweiflung hat das Paar Vorsicht gelernt, zumal Müller-Rempels Mann vom Fach ist und viele Freunde im Bauwesen tätig sind. „Mit denen sprechen wir über die Immobilien und deren Zustand. Außerdem fordern wir in den Bauämtern die entsprechenden Akten an, das ist bei berechtigtem Kaufinteresse zulässig“, sagt die 35-Jährige. Schließlich wisse sie auch von Fällen, in denen gerade erst erworbene Grundstücke gar nicht bebaut werden durften.

Dass ihr und ihrem Mann so etwas widerfährt, will sie ebenso wenig riskieren wie eine erneute Wohnungskündigung. Also geht die Suche nach dem Eigentum auch im größeren Umkreis um Fulda und in ländlicheren Ortschaften weiter – solange, bis Elisabeth Müller-Rempels größter Wunsch in Erfüllung geht: „Endlich die fünf oder sechs Immobilien-Apps von meinem Smartphone zu löschen.“

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