Schweinepest
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Schweinebetriebe im Kreis Fulda kämpfen weiter mit der Krise.

„Saublöde Situation“

Fleischpreise sinken - Schweinebetriebe in Fulda zehren von Reserven

  • Alina Komorek
    VonAlina Komorek
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Steigende Kosten für Futter, Energie und Tierschutz, während gleichzeitig die Preise für Schweinefleisch sinken: Mast- und Zuchtbetriebe im Kreis Fulda klagen über die lange Krise.

Fulda - Björn Döppner (37) aus Bimbach und Andreas Baumgarten vom Ritzelshof in Ebersburg sind Hochs und Tiefs gewöhnt. Aber so schlimm wie gerade war es noch nie. Beide sind Landwirte und haben ihren Schwerpunkt in der Schweinehaltung. Beide leiden gerade enorm unter den sinkenden Preisen für Schweinefleisch.

„Derzeit sind wir bei 18 Euro für ein Ferkel – um die Kosten zu decken, müssten wir 45 Euro bekommen“, erklären beide. Zwar seien Preisschwankungen – auch in diesem Ausmaß – in der Branche normal, doch dass die Krise so lange anhält, das sei ungewöhnlich. (Lesen Sie hier: Schafe schlachten in Fulda ist nach zehn Jahren wieder möglich - Interesse an regionalem Fleisch wächst)

Fulda: Fleischpreise sinken - Schweinebetriebe zehren von Reserven

Weil Döppner seinen Familienbetrieb in Bimbach auf Muttersauen mit Ferkelaufzucht ausgerichtet hat, ist er von den sinkenden Fleischpreisen deutlich stärker betroffen als Baumgarten, der einen Mastbetrieb in Ebersburg leitet. Die Schweinezucht dauert etwa zwölf Monate – von der trächtigen Sau bis zum abgepackten Schnitzel. Daher bleibt Döppner bei diesem sogenannten Schweinestau auf den Ferkeln sitzen. Er kann immer erst verzögert die Produktion anpassen. Er spricht von einer „saublöden Situation“.

Baumgarten hingegen kann sich kurzfristiger entscheiden, keine weiteren Tiere zu kaufen, um sie zu mästen. „Wir stallen weniger Ferkel ein, als wir könnten, und tragen damit direkt zur Senkung des Angebots bei“, erklärt Baumgarten seine Position als Mäster im Schweinezyklus. Döppners Ferkelzucht ist weniger flexibel. Seine Verluste fallen höher aus. „Man kann sich ja ausrechnen, wie die Marktlage ist, wenn wir bei 1000 Ferkeln pro Monat statt knapp 50 Euro derzeit nur noch 18 Euro bekommen“, sagt er.

Aus dem „Schweinestau“ folge einerseits, dass die Schweine länger im Stall verweilen dürfen, bevor sie zum Schlachthof gefahren werden. Andererseits heißt das aber auch, dass die Tiere weitere Kosten verursachen. Zugleich bleiben die Erlöse aus. Was außerdem für beide Betriebe gilt, ist, dass die Kosten für Öl, für Futter und zur Umsetzung der Tierschutz-Auflagen die Produktionskosten in die Höhe treiben. Die Folge: „Durch das Überangebot derzeit gehen wir in eine absolut ungewisse Zukunft. Die Betriebe – auch hier im Landkreis Fulda – schmelzen“, sagt Döppner.

Er zehrt, wie er sagt, von den letzten Reserven. „Ich hoffe, dass mein Atem so lange reicht.“ Er versucht einen Spagat zwischen ethischen Ansprüchen und Betriebswirtschaft. „Alles kostet Geld. Ein idyllischer Bauernhof mit nur wenigen Tieren lässt sich nicht umsetzen.“ Denn die Konkurrenz im Ausland, vor allem in Spanien, produziert günstiger – dort gibt es weniger Tierschutz-Auflagen. Sein Familienbetrieb setzt außerdem auf Ackerbau, um mehrere Standbeine zu haben und selbstständig Futtermittel zu produzieren.

Schweinefleisch: Spagat zwischen ethischen Ansprüchen und Betriebswirtschaft

Auch die Nachfrage nach Schweinefleisch ist stark gesunken. Dafür gibt es mehrere Faktoren. Erstens die Corona-Krise: Die Gastronomiebetriebe sind ein wichtiger Abnehmer für Schweinefleisch, besonders für gute Stücke – sie blieben mit Beginn der Pandemie lange Zeit geschlossen. Zweitens die Afrikanische Schweinepest. So berichtet Baumgarten, dass Deutschland lange nicht betroffen war und viel Schweinefleisch in andere Ländern absetzte.

Bauernverband

Sebastian Schramm, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes (KBV), erklärt, dass derzeit die Schweinehalter stark gebeutelt sind. „Selten war der Schweinepreis in der Vergangenheit so niedrig wie aktuell. 1,20 Euro pro Kilo bekommt der Landwirt für sein Schweinefleisch.“ Gleichzeitig stiegen die Kosten für Kraftstoffe und Futtermittel stark an.

Deshalb seien die Mäster auf den Export angewiesen – viele Teile des Schweineschlachtkörpers wie Füße, Schwänze oder Ohren seien hierzulande nicht vermarktbar. Die Afrikanische Schweinepest hat indirekt ebenfalls Auswirkungen auf den Markt, Exportmärkte für diese Teile, wie China, brächen weg. Ein weiteres Problem: Die Schweinehaltung verlagere sich nach Angabe des KBV zu Ländern mit günstigeren Bedingungen. „Das ist eine gefährliche Entwicklung, da nicht zuletzt die Corona-Pandemie gezeigt hat, wie wichtig eine eigene Versorgung mit Nahrungsmitteln für ein Land ist“, urteilt Schramm.

Dann aber erreichte die Schweinepest auch Deutschland, Exporte gingen zurück. „35 bis 40 Prozent der Schweineteile will in Deutschland niemand essen – da bin ich schon auf globalen Handel angewiesen“, erklärt der 35-jährige Landwirt. Zum Beispiel Ohren, Schwänze und Füße würden hierzulande nicht gekauft. Diese Teile haben ihren Markt vor allem in China. „Das sind Abhängigkeiten, die uns jetzt das Genick brechen – China zeigt uns gerade, wo der Hammer hängt.“

Dass der aktuelle Mangel an Rohstoffen auch die Situation für landwirtschaftliche Betriebe erschwert, berichtet Döppner ebenfalls. Bei ihm kamen eine Zeit lang keine Präparate zur Besamung der Sauen an, weil die Styroporverpackung für den Transport fehlte: „Styropor entsteht bei der Kerosinherstellung – und das wurde kaum produziert, weil kaum Flugzeuge in der Luft waren.“

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Aber sie wollen sich nicht unterkriegen lassen. Auch Baumgarten versucht, noch einige Zeit durchzuhalten, abzuwarten. Gefühlt, so schätzt er, hätten etwa 30 Prozent der Betriebe in den vergangenen zehn Jahren dicht gemacht. Dazu will er nicht gehören, auch er hat seinen Hof breiter aufgestellt, um gegen Krisen gewappnet zu sein. „Im Moment müssen wir die Füße stillhalten“, sagt der 35-Jährige. Seine Frau Lena Hennig stimmt ihm zu: „Wir dürfen jetzt nicht in Panik verfallen.“

Momentan seien die beiden auf der Suche nach neuen Märkten für das Fleisch vom Ritzelshof, zum Beispiel hat eine regionale Metzgerei angefragt. Auf den Lebensmittelgroßhandel könne der Mastbetrieb aber auch nicht verzichten. Es zeigt sich noch ein wenig Optimismus bei ihm, weil er weiß, dass auf jede Tiefphase im Schweinezyklus auch die Hochphase folgt. „Aber es ist wie beim Wetter, die Phasen sind härter und dauern länger an.“

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