Die Archivfotos geben Einblick in den 150.000 Bände umfassenden Bestand der Frauenberg-Bibliothek.
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Die Archivfotos geben Einblick in den 150.000 Bände umfassenden Bestand der Frauenberg-Bibliothek. Hier zu sehen ist Bibliothekar Pater Guntram Stangier.

Stadt nicht beteiligt

Franziskaner-Bibliothek: 150.000 Bücher für wenig Geld nach Sachsen verkauft - Fulda verliert Kulturerbe

  • Hartmut Zimmermann
    vonHartmut Zimmermann
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Es war ein Tod in aller Stille: Nach 397 Jahren hat die Bibliothek der Franziskaner im Kloster Frauenberg in Fulda aufgehört zu bestehen. Der Orden hat den rund 150.000 Bände umfassenden Bestand an ein Antiquariat verkauft. Ein wichtiges Stück fuldischer Kulturgeschichte ist unwiederbringlich dahin. Bemühungen, den Schaden zu begrenzen, haben begonnen.

Fulda - Die Geschichte einer gescheiterten Kommunikation. 1622 bis 2020: Das sind die „Lebensdaten der Franziskaner-Bibliothek auf dem Frauenberg in Fulda. Es gab auch eine „Todesanzeige“ – in Gestalt einer Pressemitteilung: „Franziskaner sichern wertvollen Buchbestand“ – so steht es über einem Text der deutschen Ordensprovinz aus dem März 2020. Und wie das so mit Todesanzeigen ist: Sie können mitunter mehr dem Verblichenen als der Wahrheit verpflichtet sein. Die Bibliothek wird zwar als „kostbares Erbe der Vergangenheit“ bezeichnet – doch gesichert wurden nur kleine Teile, der Rest wurde verkauft. Und das anscheinend auch noch zu schlechten Bedingungen. Aber der Reihe nach.

Der hierzulande massiv schrumpfende und überalterte Franziskanerorden befindet sich seit Jahren in einer Phase der Neuorganisation. Im Jahr 2010 waren die bislang vier deutschen Ordensprovinzen zu einer vereinigt worden. Damit stand auch die Auflösung der zum Teil sehr umfangreichen Bibliotheken bevor. Für Fulda wurde das im Jahr 2016 konkret, als die Zusammenarbeit der Franziskaner mit dem Netzwerk antonius beschlossen wurde. „Im Wissen über die Auflösung des Bestands haben wir antonius die Räume damals zugesprochen“, berichtet der Obere der deutschen Franziskaner, Provinzialminister P. Cornelius Bohl auf Anfrage der Redaktion. Als gebürtigem Neuenberger ist ihm die Fuldaer Situation nicht fremd.

Fulda: Bücher der 400 Jahre alten Franziskaner-Bibliothek billig verkauft

Lesen Sie hier: Kommerz am Frauenberg? Franziskaner und antonius finden klare Worte.

Die Zukunft der Buchbestände war daher das Thema von Gesprächen, die der Orden daraufhin mit Dr. Alessandra Sorbello Staub, der Direktorin der Bibliothek der Theologischen Fakultät aufnahm. „Wir haben den Orden gutachterlich beraten“, bestätigt Sorbello Staub. Dabei habe man vorgeschlagen, die Franziskaner-Bibliothek als Gesamtbestand zu erhalten – möglichst am Frauenberg – und für antonius eine andere Raum-Lösung zu finden. Denn eine seit fast 400 Jahren ununterbrochen bestehende Bibliothek zu zergliedern, sei eigentlich nicht vertretbar. „Eine Bibliothek ist mehr als die Summe ihrer Bücher“, betont Sorbello Staub.

Die Franziskaner hingegen hätten sich eine Lösung gewünscht, bei der das Bistum Fulda oder die Fakultät den Buchbestand übernommen und betreut hätte, sagt Pater Cornelius Bohl. Nachdem die wertvollen Handschriften und Einblattdrucke, die am Frauenberg in einem separaten Schauraum aufbewahrt worden waren, als Leihgabe in die Obhut der Theologischen Fakultät überführt worden waren, habe man Sorbello Staub auch angeboten, dass sie alle Stücke, die für die Fakultät oder das Bistum von Wert seien, aus dem Bibliotheksbestand herausnehme. Das hat die Fakultät abgelehnt, um den Gesamtbestand nicht zu zergliedern. Zudem habe Sorbello gesagt, der fachlich-personelle Aufwand sei zu hoch.

Dieses Buch von 1699 aus der Frauenberg-Bibliothek wird mit dem Fuldaer Stempel online angeboten.

Die Gespräche seien letztlich nicht zielführend gewesen, so Bohl: „Wir meinen, es hätte Möglichkeiten gegeben, mit anderen Konditionen zu schauen, woran die Diözese Interesse hat.“ Manchmal stehe hohe fachliche Kompetenz gegen den einen gewissen Pragmatismus, Dinge auch anzugehen. Daher habe man dann den Verkauf betrieben. Wichtige „Franciscana und Fuldensia“ seien aber am Frauenberg in Fulda – ohne Zeitdruck – zwischengelagert.

Das war im Frühjahr 2020. Sorbello Staub erfuhr davon, als Bohl ihr auf Nachfrage zum Stand der Sache die eingangs zitierte Pressemitteilung des Ordens übersandte. „Es geht um einen Bestand von rund 150.000 Büchern, unter denen auch wichtige Stücke aus den Anfangsjahren der Bibliothek sind“, beklagt Sorbello Staub. Der Verlust für die Region sei außerordentlich.

Pater Cornelus zur Verkaufssumme der Bücher: Es war ein relativ bescheidener Betrag

Käufer ist das Antiquariat bookfarm, das in Löbnitz, rund 30 Kilometer nördlich von Leipzig, seinen Sitz hat. Naturgemäß wäre es interessant zu wissen, zu welchen Bedingungen die Buchbestände, die im Kloster Magazinräume in drei Stockwerken füllten, veräußert wurden. Den gerüchteweise genannte Preis von 30.000 Euro bestätigen weder Sorbello Staub („Ich kenne da keine Zahlen“‘) noch Pater Cornelius („Ich kann Ihnen da jetzt keine Zahlen nennen. Es war jedenfalls ein relativ bescheidener Betrag. Der Bibliotheksverkauf hat uns sozusagen keinen Gewinn gebracht“.)

Sorbello kritisiert deutlich, dass weder das Bistum noch andere Einrichtungen wie die Landesbibliothek oder die Stadt Fulda auch nur die Chance gehabt hätten, die Bestände für die Region zu retten. Magistratssprecher Johannes Heller bestätigt, dass die Stadt nicht beteiligt worden sei. „Grundsätzlich ist es aus Sicht der Stadt sehr bedauerlich, dass es den Beteiligten nicht gelungen ist, die historische Bibliothek mit Beständen aus dem 17. bis 20. Jahrhundert in der Region Fulda zu halten“, betont er.

Nachträgliches Bedauern äußert Gerhard Möller, der Vorsitzende der St.-Antonius-Stiftung. „Diese historischen Bücherbestände für Fulda zu retten – das wäre deutlich besser und günstiger zu regeln gewesen“, sagt der frühere Fuldaer Oberbürgermeister. Möller erläutert, wie auch antonius-Geschäftsführer Rainer Sippel, man habe von den Verhandlungen zwischen den Franziskanern und dem Bistum Fulda immer nur am Rande oder über Dritte erfahren.

Fuldaer Bibliotheksdirektorin startet Rettungsaktion

Um besonders wertvolle Stücke zu retten, machte Sorbello Staub sich mit zwei Mitarbeitern auf den Weg ins Sächsische. Bei Löbnitz stehen – mit Ausnahme eventuell bereits verkaufter Werke – die Buchbestände in einer bookfarm-Lagerhalle. Und die Bibliotheksdirektorin entdeckte viele Stücke, die ihr aus Fuldaer Sicht wichtig waren. In einer ersten „Rettungsaktion“ investierte sie 32.000 Euro aus dem Etat der Fakultät für besonders erhaltenswerte Bücher. Eines lieferte dann mit seiner Darstellung der Geburt Jesu auch das Motiv für die Weihnachtskarte der Bibliothek, die Sorbello Staub mit einem leicht bitteren Hinweis auf unseren Umgang mit Überlieferung und Überliefertem versah.

Gerne hätte die Fachfrau zumindest die insgesamt rund 1500 vor dem Jahr 1700 erschienenen Bücher für Fulda gesichert. Der dafür von bookfarm geforderte Preis: 275.000 Euro. „Der Preis liegt zwar sicherlich unter dem Marktwert dieser Werke, ist aber für uns so nicht zu finanzieren“, bilanziert Sorbello nüchtern.

Inzwischen versucht sie auf anderen Wegen, Unterstützer für den Rückkauf eines Teils der verkauften Schätze zu gewinnen. Auch Pater Cornelius Bohl hat von den Bemühungen der Diözese erfahren. Er kommentiert mit Bedauern: „Das hätte sie alles geschenkt bekommen können.“

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