Der Angeklagte schilderte in seinem halbstündigen Geständnis Konflikte innerhalb der AfD.
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Der Angeklagte schilderte in seinem halbstündigen Geständnis Konflikte innerhalb der AfD.

Spion in der JA?

Goerke-Prozess in Fulda: Ehemaliger AfD-Mann macht vor Gericht „hier heute reinen Tisch“ und packt über Partei aus

  • Andreas Ungermann
    vonAndreas Ungermann
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Ein ehemaliges AfD-Mitglied hatte im Namen von „Fulda stellt sich quer“-Sprecher Andreas Goerke den Notruf gewählt - und behauptet, er hätte seine Frau erschossen. Vor Gericht packt der Angeklagte in einem halbstündigen Geständnis über Partei-interne Konflikte aus.

Fulda - Das Urteil von sechs Monaten Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung, und die Zahlung von 1000 Euro Schmerzensgeld an den Sprecher von „Fulda stellt sich quer“, Andreas Goerke, hatte der 38-jährige Künzeller nicht in dieser Höhe akzeptieren wollen.

Nach der Berufungsverhandlung lautet das Strafmaß nun noch: vier Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung, und 600 Euro Schmerzensgeld. Verurteilt worden war das einstige AfD- und JA-Mitglied vom Amtsgericht Fulda im März 2019 wegen falscher Verdächtigungen und Missbrauchs des Notrufs. Zwei Jahre zuvor, so sah es das Gericht als erwiesen an, hatte er einen Notruf aus einer Telefonzelle in Fulda abgesetzt und darin behauptet, er sei Andreas Goerke und habe gerade seine Frau erschossen. Einsatzkräfte waren daraufhin zu der Wohnadresse des Bündnissprechers ausgerückt, hatten aber sowohl ihn als auch seine Frau unversehrt angetroffen. Goerke sah sich zu dieser Zeit mehreren Attacken ausgesetzt.

Fulda: Ehemaliger AfD-Mann packt vor Gericht über Partei-Konflikte aus

„Ich mache hier heute komplett reinen Tisch“, sagt der Angeklagte nun während der Berufungsverhandlung gleich mehrfach und räumte in einem beinahe halbstündigen Geständnis ein, am 11. Februar 2017 jenen folgenreichen Notruf abgesetzt zu haben. Im Prozess vor dem Amtsgericht 2019 hatte er seine Schuld noch bestritten. Mit der Meldung eines Brandes auf Goerkes Grundstück, Bestellungen von Sexspielzeug, großen Mengen an Büchern und Pizzen sowie Morddrohungen gegen Goerkes Sohn, die in jenen Februar und März 2017 fielen, will er laut seiner Aussage hingegen nichts zu tun gehabt haben.

Die Idee zu dem falschen Notruf sei zum einen eine Einzeltat und zum anderen seine eigene Idee gewesen. „Ich habe damals in einer Blase gelebt und die AfD bedingungslos unterstützt“, sagt der Umschüler zum Lagerhelfer heute rückblickend. Goerke sei da eben eine Hassfigur für ihn und für die AfD gewesen – vor allem, nachdem er einen Auftritt des umstrittenen Thüringer Landeschefs Björn Höcke in Fulda verhindert habe.

Die Adresse habe der heute 38-Jährige nach einem AfD-Stammtisch aus dem Smartphone eines Parteifreundes abgeschrieben, zu dem er seinen Schilderungen zufolge über zwei Jahre hinweg in einem Abhängigkeitsverhältnis gestanden habe. Als „rechte Hand“ des hochrangigen Parteifunktionärs, habe er für diesen beispielsweise auch den Landesvorstand der Jungen Alternative auskundschaften sollen – wohl um die Karriere des Gewährsmannes mitzufördern.

Fulda: Ehemaliger AfD-Mann in Berufungsverhandlung erneut verurteilt

Offenbar war er während seiner Parteimitgliedschaft auch zwischen die Fronten zweier Flügel geraten. In seinem halbstündigen Geständnis jedenfalls schildert er heftige Konflikte, gar Grabenkämpfe, die für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar erscheinen. Klar ist indes: Eine Rückkehr in die AfD wird es für ihn nach dieser Aussage, in der er der Fuldaer AfD eine deutliche Nähe und persönliche Kontakte zur rechtsextremen Kleinpartei „Der dritte Weg“ und zur „Identitären Bewegung“ attestiert, nicht geben.

Dem Künzeller kam nun sein umfangreiches Geständnis zugute. Allerdings will das Gericht das Urteil als deutliches Zeichen verstanden wissen, dass jener falsche Schuldspruch kein Dumme-Jungen-Streich gewesen sei, sondern ein Beitrag zur Verrohung in politischen Auseinandersetzungen: „Und das geht so nicht“, stellte Landgerichtspräsident Dr. Jochen Müller in seiner Begründung fest.

Der Schuldspruch ist rechtskräftig, sowohl die Staatsanwaltschaft, die auf eine Geldstrafe plädiert hatte, als auch der Angeklagte erkennen das Urteil an. Goerke selbst erklärte, er sei vor dem Prozesstag extrem aufgeregt gewesen. „Mit dieser Heftigkeit hätte ich nicht gerechnet, aber die Einlassung zeigt, was für ein zerrissener Haufen die AfD ist“, kommentiert Goerke die Einlassung des Künzellers während einer Verhandlungspause. Verhandelt wurde aufgrund des erwarteten Medien- und Zuschauerinteresses im Polizeipräsidium Osthessen.

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