Der 31-jährige Angeklagte (links) soll seine Ex-Freundin heimtückisch getötet haben.
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Am Freitag wird der Prozess um die getötete Ärztin in Fulda fortgesetzt. Es werden weitere Zeugen gehört

Kollegen sagen aus

„Sie starb vor meinen Augen“: Zeugen schildern im Prozess um getötete Ärztin in Fulda die Minuten nach der Tat

  • Jessica Vey
    vonJessica Vey
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Im Mordprozess um eine 35-jährige Ärztin, die im Dezember in Fulda getötet worden ist, haben am Montag Augenzeugen vom Tatort sowie ehemalige Kolleginnen und Kollegen der Frau ausgesagt und den 31-jährigen Angeklagten belastet. Die Verhandlung wird am Freitag um 9.30 Uhr fortgesetzt.

Fulda - Der zweite Prozesstag dauerte bis zum frühen Abend an. Nachdem der Angeklagte, der Ex-Freund des Opfers, die Tat bestritten hatte, sagten weitere Zeugen aus, darunter Augenzeugen vom Tatort, die der Sterbenden zu Hilfe eilen wollten. Am Morgen des 7. Dezember war die 35-jährige Ärztin aus der Nachtschicht im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda zurückgekehrt, als sie im Hinterhof ihres Wohnhauses durch einen Messerstich in den Hals getötet wurde.

Die Minuten kurz vor und nach der Tat schildern drei Mitarbeiter einer Wohnungsbaugesellschaft, die in dem Hinterhof eine Tasse Kaffee tranken. Nur eine von ihnen, eine 25-Jährige, bemerkte zwei Autos, die in den Hof einfuhren. Sie sah eine Frau, die von ihrem Auto zur Haustür lief. Nur kurz darauf, die Zeugin sagt, es lagen maximal zwei Minuten dazwischen, schaute sie erneut hin. Die Frau habe plötzlich auf dem Boden gesessen und sich abgestützt. Sie habe den Arm gehoben, um auf sich aufmerksam zu machen. „Es sah aus, als ob sie keine Luft bekommt“, erklärt die 25-Jährige und bricht ab, weil ihr die Tränen kommen.

Getötete Ärztin in Fulda: „Sie starb vor meinen Augen“ - Augenzeugen schildern Minuten nach der Tat

Sie habe dann zu ihrem Kollegen gesagt: „Schau mal da hinten. Ich glaube, der Frau geht es nicht gut.“ Der 51-Jährige machte sich auf den Weg, durchquerte den Hof: „Ich dachte erst, ihr ist schlecht oder so. Dann sah ich, da ist überall Blut. Sie sackte in sich zusammen.“

Die Frau hatte eine tiefe Schnittverletzung am Hals. „Man denkt ja, man müsste Erste Hilfe leisten, aber ich konnte ihr nicht mehr helfen. Sie starb vor meinen Augen“, sagt der Mann im Gerichtssaal. „Ich muss dann geschrien haben: ‚Sie ist tot.‘ Ich soll dann nach Krankenwagen und Polizei geschrien haben.“ Er habe unter Schock gestanden, könne es so nur aus Erzählungen wiedergeben.

Im Hinterhof dieses Mehrfamilienhauses in Fulda ist am 7. Dezember 2020 eine 35-Jährige Ärztin getötet worden.

Dann hörten sie einen Schrei vom Balkon einer Wohnung, schildern die Zeugen. Die Mutter der Getöteten habe von dort oben ihre Tochter vor der Haustür liegen sehen. Sie hatte in der Wohnung, während ihre Tochter in der Nachtschicht war, auf deren zweijährigen Sohn aufgepasst, für den das Herz-Jesu-Krankenhaus ein Spendenkonto eingerichtet hat. Ihre Tochter habe noch geklingelt, was sie häufig tat, um ihrem Sohn ihr Kommen anzukündigen, wie Staatsanwältin Dr. Christine Seban in der Anklage, die am ersten Prozesstag verlesen worden war, erklärt hatte.

Als die Tochter nicht hinauf kam, sei die Mutter auf den Balkon gegangen, erklärt eine Polizistin, die mit der Mutter gesprochen hat. Aus der Aussage ging hervor, dass sie den Zweijährigen in den Laufstall gestellt habe und nach unten gegangen sei. Auch eine Nachbarin war auf die Schreie aufmerksam geworden und lief hinterher. Sie habe außerdem den kleinen Jungen „Mama, Mama“ rufen hören.

Prozess um getötete Ärztin: „Mama, Mama“ - Zweijähriger Sohn ruft nach seiner Mutter

Die Mutter der Getöteten wurde bei der Polizei zu dem Angeklagten gefragt. Zu ihr sei er immer „okay“ gewesen. Aber ihre Tochter habe er häufig am Telefon beschimpft, gibt die Polizistin vor Gericht die Aussage wieder. Er sei „krankhaft eifersüchtig“ gewesen. Die 35-Jährige habe kaum Kontakt zu Freunden und Arbeitskollegen haben dürfen. Er habe sie ständig kontrolliert.

Staatsanwältin Dr. Christine Seban schildert unserer Zeitung die Erkenntnisse durch weitere Zeugenaussagen auf Nachfrage. Während ihrer Nachtschicht sei die Ärztin oft am Telefon gewesen, sie habe angespannt gewirkt, schilderte eine Mitarbeiterin des Krankenhauses. Sie sei mit der Kollegin befreundet gewesen.

Am Anfang der Beziehung mit dem Angeklagten sei die 35-jährige Rumänin sehr glücklich gewesen, sie habe sich auch über den Heiratsantrag im März 2020 gefreut. Doch mit der Zeit habe sie immer öfter Zweifel geäußert. Im Herbst 2020, nach knapp einem Jahr Beziehung, habe sie von Trennungsabsichten gesprochen und davon, dass ihr Freund sie geschlagen habe.

Video: Prozess um getötete Ärztin in Fulda - Ex-Freund wegen Mordes vor Gericht

Der Arzt, der die 35-Jährige in der Tatnacht nach ihrem Dienst abgelöst hatte, berichtete von geröteten Augen. Ob sie geweint hat oder ob die Augen vom Stress oder vom wenigen Schlaf gerötet gewesen waren, könne er allerdings nicht sagen. Derselbe Arzt habe sie Ende Oktober, anderthalb Monate vor der Tat, operiert. Warum die Operation nötig war, dies unterliege dem Persönlichkeitsrecht, erklärt Staatsanwältin Seban. Doch der Arzt berichtete, dass dabei ein Hämatom an den Stimmbändern festgestellt worden sei. Darauf angesprochen habe die Ärztin erklärt, sie sei gewürgt worden.

Zu dem Angeklagten konnten die Kollegen wenig sagen, er habe wohl Hausverbot am Herz-Jesu-Krankenhaus gehabt. Eine Kollegin habe ihn vorher mal getroffen, er sei zu ihr freundlich und höflich gewesen.

Getötete Ärztin in Fulda: 31-Jähriger Angeklagter hatte Hausverbot im Herz-Jesu-Krankenhaus

In der Verhandlung ging es auch um die persönlichen Hintergründe des 31-Jährigen. Der Rumäne sei vor knapp zehn Jahren aus seinem Geburtsland nach Deutschland gekommen, zunächst nach Augsburg zu seiner Tante. Er sei mit sechs Geschwistern aufgewachsen, die Familienverhältnisse seien „nicht zerrüttet“ gewesen, sondern „halbwegs geordnet“, erklärt Seban. Er habe weder eine Drogen- noch eine Alkoholabhängigkeit. Auf seine Vorstrafen komme man im weiteren Verlauf der Verhandlung noch zu sprechen.

Zur Fortsetzung des Prozesses am Freitag um 9.30 Uhr werden weitere Zeugen gehört.

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