So leer sieht es am Campus der Hochschule Fulda dieser Tage häufiger aus.
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So leer sieht es am Campus der Hochschule Fulda dieser Tage häufiger aus.

Hochschule Fulda

Wie eine Geisterstadt: Das Semester an der Hochschule Fulda findet fast ausschließlich digital statt

In wenigen Tagen endet an den hessischen Hochschulen das Sommersemester. In Fulda gehen dann rund 9000 Studenten in die Ferien. Die Gebäude am Campus im Fuldaer Norden haben sie in den vergangenen Monaten selten betreten. Corona hat auch an der Hochschule alles verändert. 

Von Daniel Beise

Fulda - Dennis Janser bringt es auf den Punkt: „Ich kenne bis jetzt niemanden, der oder die sagt: „Juhu, online studieren ist so toll!“ Mir kommt das Ganze wie ein Geistersemester vor.“ Der 25-Jährige studiert Soziale Arbeit an der Hochschule Fulda im vierten Semester und ist sichtlich genervt vom Lernen unter Corona-Bedingungen: keine Präsenzveranstaltungen, alles findet online statt – ob Seminare oder Vorlesungen, das Bereitstellen von Literatur oder Skripten wie auch Absprachen zu Terminen und Fristen. Man fühle sich zudem komplett erschlagen von den vielen Texten, die man durchackern müsse. Und dann hieße es gefühlt von den Professoren: „Viel Spaß mit der Literatur, wir sehen uns zur Prüfung.”

Noch nie wurde ein Unibetrieb so rasant verändert wie in den vergangenen Monaten durch Corona. Die Umstellung des Lehrbetriebs verlangte Lehrenden und Studierenden viel ab. „Im Zuge dieser Umstellung mussten sämtliche IT-Systeme so hochskaliert werden, dass circa 9000 Studierende gleichzeitig online arbeiten können, ohne dass diese kollabieren“, sagt Hochschulpräsident Professor Dr. Karim Khakzar. Außerdem musste während des Lockdowns die Mehrzahl der rund 750 Beschäftigten der Hochschule ins Homeoffice geschickt und mit Hochschulrechnern versorgt werden. Es musste sichergestellt werden, dass auch Prüfungen im Onlineformat rechtssicher durchgeführt werden können.

Erhöhte Arbeitsbelastung durch Onlinelehre?

„Die Besonderheit dabei war, dass das von jetzt auf gleich passieren musste“, erklärt Vizepräsidentin Professor Dr. Kathrin Becker-Schwarze. Sie ist zufrieden: „Bei allen Einschränkungen und Belastungen durch die Corona-Pandemie muss auch positiv gesehen werden, dass uns diese Umstellung sehr gut gelungen ist und einen großen Schub in Richtung Digitalisierung gebracht hat.“ Das bestätigten auch Rückmeldungen aus den Fachbereichen und von Studenten.

Dass die Arbeitsbelastung – auf Neudeutsch „Workload“ – der Studenten gestiegen ist (zumindest wird es so wahrgenommen), hängt laut Becker-Schwarze damit zusammen, dass in der Onlinelehre der Stoff im größeren Umfang selbstständig erarbeitet werden müsse, zum Beispiel durch regelmäßig zu erfüllende Aufgabenstellungen. In der Präsenzlehre werde dieser Workload nicht immer so wahrgenommen und auch nicht immer erbracht. „Und dass Dozenten auch während des Semesters Aufgaben geben, ist nicht neu und wird als Voraussetzung für den Kompetenzerwerb gesehen“, so die Professorin für Familien- und Jugendrecht weiter.

Leere Ränge und Lernen für sich? Standard in Corona-Zeiten.

Studierende sollen ihre Module gewohnt absolvieren können

Auch wenn die Lehre nun digital stattfindet, gibt es weiterhin Veranstaltungen, die – natürlich unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen – die Präsenz von Studenten und Professoren erfordern. Prüfungen zum Beispiel. Aber nicht nur. „Dazu gehören zum Beispiel Pflichtpraktika und Untersuchungen im Rahmen von Abschlussarbeiten, zeitlich kritische Forschungsarbeiten im Rahmen von Promotionen und Forschungsprojekten sowie Praktika und Übungen im Rahmen der Curricula, etwa in der Hebammenkunde und Physiotherapie“, erklärt Hochschul-Sprecherin Dr. Antje Mohr.

Das alles funktioniert relativ geräuschlos – und die anfänglichen Kritiker der schnell gefundenen Lösungen sind verstummt. „Nach dem Ausbruch der Pandemie gab es Vorschläge, das Semester komplett ausfallen zu lassen“, erklärt Khakzar. „Doch die Hochschulen haben sich vehement dafür eingesetzt, dass jeder Studierende die regulären Module absolvieren kann und keine Zeit verliert – und das in enger, wöchentlicher Abstimmung mit der hessischen Landesregierung.“

Studenten und AStA vermissen das Campusleben

„Auch wir vom AStA sehen, wie bemüht die Hochschule zur Zeit ist, faire und praktikable Lösungen zu finden”, betont Viktoria Stubbe, die für die Öffentlichkeitsarbeit beim Ausschuss zuständig ist. „Wir stehen in engem Kontakt mit der Hochschule. Insofern bitten wir Studierende auch, mit Problemen zu uns zu kommen, damit wir sie weiter kommunizieren können”, so die 30-Jährige weiter. Auch der AStA habe schon oft gehört, dass sich viele erschlagen fühlten vom „digitalen Workload“. Gemeinsam mit dem Studierendenparlament hat der Ausschuss einen Forderungskatalog aufgestellt, der noch mit der Hochschule diskutiert werden muss. Es geht vor allem darum, Modul- und Prüfungsregelungen während der Krise zu lockern, um Chancengleichheit zu schaffen.

Probleme bei Prüfungen

Nach der Vorlesungszeit beginnt an Hessens Hochschulen die Prüfungsphase. Zum Abschluss des coronabedingten Digitalsemesters kommt auf die Unis einiges zu. So müssen ausgefallene Klausuren des vergangenen Wintersemesters nachgeholt werden. Wegen der Abstandsvorschriften dürfen in jedem Raum nur wenige Plätze besetzt werden. Daher brauchen die Hochschulen mehr Räume, mehr Personal, mehr Zeit – und kämpfen zudem mit rechtlichen Unsicherheiten.

„Der Prüfungsbetrieb einer großen Hochschule ist auch sonst schon eine logistische Großaufgabe“, sagt die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität, Birgitta Wolff. „Jetzt brauchen wir, Faustregel, sechs bis sieben mal so viele Räume.“ Zuvor fanden Prüfungen in Massenfächern wie BWL mit 800 Personen in einem Hörsaal statt – „jetzt brauchen wir dafür das ganze Hörsaal-Zentrum“.

Auch Prüfungen online anzubieten, hat seine Tücken. Um zu beweisen, dass er selbst schreibt, müsste sich jeder Student mit einer Webcam filmen. „Die Herausforderung bei Online-Fernprüfungen besteht darin, den mit einer Webcam-Aufsicht verbundenen Datenschutzanforderungen zugleich mit den prüfungsrechtlichen Erfordernissen gerecht zu werden“, sagt Wolff. Daher finden E-Prüfungen bisher in den Räumlichkeiten der Uni statt, dort bestehen solche Probleme nicht. Zwei weitere Varianten sind in Frankfurt möglich: Eine E-Prüfung mit Aufsicht via Webcam für Studierende, die zu Risikogruppen zählen. Und E-Prüfungen ohne Aufsicht, wenn die Fragen offen oder argumentationsbasiert sind oder als Multiple-Choice-Verfahren.

Natürlich hat sich auch die Arbeit des Allgemeinen Studierendenausschusses durch die Corona-Krise radikal gewandelt. Die Aufgaben seien durch Corona umfänglicher geworden, heißt es. Auf Facebook und Instagram werden Live-Events wie Kochen mit dem Leiter des Café Chaos, ein „International get together“ oder ein Kunst- und DIY-Abend angeboten. „Wir sind zwar keine Influencer und wollen es auch nicht werden, aber als AStA vermissen wir schon das Campusleben und wollen so mit den Studis in Kontakt bleiben“, sagt Viktoria, die 2017 aus Kiel nach Fulda gezogen ist und Sozialrecht studiert.

Auch im Wintersemester müssen sich Studierende auf Online-Seminare einstellen

„Ich hoffe natürlich, dass wir dieses gesellschaftliche Leben und Lernen schnell wiederbekommen, aber die Hochschule wird als sozialer Ort leider nicht wieder so schnell stattfinden“, erklärt Becker-Schwarze. Die Hochschulleitung gehe davon aus, dass auch das Wintersemester 2020/21 hauptsächlich online stattfindet – zumal jetzt bereits die Planungen dafür losgehen und sie sich auf alles einstellen müssten. „Es wird vereinzelt Präsenzveranstaltungen geben. Aber alles, was online geht, machen wir online“, stellt Becker-Schwarze klar.

„Dabei fragen wir uns zum Beispiel, wie wir die Erstsemester auf dem Campus begrüßen können, damit diese einen halbwegs persönlichen Bezug ihrer Hochschule bekommen“, erklärt Khakzar. Eine „Ersti-Woche“ wie sonst werde es leider nicht geben, nur einen abgespeckten Start ins Studium. Doch natürlich sollten die Neuankömmlinge ihren Campus kennenlernen, um zu wissen, wo sie studieren. Darüber hinaus führe die Hochschule eine systematische Befragung der Studierenden zu diesem Semester durch, um dann besser vorbereitet als im März ins Wintersemester zu starten, sagt Sprecherin Antje Mohr.

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