Wencke Schneider mit den tierischen Therapeuten Ronja, Joel und Brutus. Die Reaktionen der stationären Patienten auf die Hunde fallen bisher sehr positiv aus, berichtet Schneider.
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Wencke Schneider mit den tierischen Therapeuten Ronja, Joel und Brutus. Die Reaktionen der stationären Patienten auf die Hunde fallen bisher sehr positiv aus, berichtet Schneider.

Ronja, Joel und Brutus

Hunde sind am Klinikum Fulda dreimal wöchentlich in der Psychiatrie im Einsatz

Am Klinikum Fulda sind seit Kurzem drei tierische Helfer beschäftigt: Ronja, Joel und Brutus unterstützen die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Hunde unterscheiden sich in ihren Eigenschaften und eignen sich daher für verschiedene Patienten.

Fulda - Ronja ist ein Mischling aus Berner Sennenhund und Australian Shepherd. Sie sucht sehr intensiven Kontakt und ist deshalb besonders für Patienten geeignet, die viel Nähe und Wärme brauchen sowie für Patienten mit eingeschränkter Reizaufnahme und Bewegungsreaktion.

Joel ist ein Mix aus Pudel und Kerry Blue-Terrier und sehr vorsichtig im Umgang mit anderen. Er wird daher bei ängstlichen und Patienten mit verlangsamten Körperbewegungen eingesetzt. Der kleinste der drei ist Brutus, ein Mischling aus Appenzeller Treiber und Bolonka Zwetna. Er unterstützt vorrangig die Therapie von Patienten, deren Mobilität eingeschränkt ist.

Fulda: Hunde sind am Klinikum dreimal wöchentlich in der Psychiatrie im Einsatz

Alle drei leben bei Therapeutin und Hundeführerin Wencke Schneider. „Diese Behandlungsform funktioniert nur durch das Team aus Therapeutin und Hund“, betont sie. „Die Reaktionen der stationären Patienten fallen bisher sehr positiv aus“, äußert Schneider.

Derzeit gebe es pro Woche drei Gruppentherapien mit maximal acht Teilnehmern am Klinikum Fulda. Auf zwei Stationen würden Einzeltherapien durchgeführt. Die Struktur einer Sitzung schildert Schneider so: „Es gibt ein Grundschema: Kontaktaufnahme zum Hund, Durchführung individueller Übungen und Verabschiedung. Der genaue Ablauf ist zugeschnitten auf die Erkrankung und die tagesaktuelle Befindlichkeit der Patienten.“

Bei einer Depression könne ein Hund als Motivator fungieren, der den antriebslosen Patienten in Bewegung bringt. Die Behandlung verbessere bei depressiven Patienten die Stimmung. „Sie nehmen wieder mehr am Tagesgeschehen teil und öffnen sich auch anderen Therapiesitzungen“, bemerkt die Hundeführerin. Rastlose Patienten hingegen könne man beruhigen, indem man ihnen den Hund auf den Schoß setzt.

Die Ausbildung

Die Ausbildung der Hunde liegt in der Verantwortung des Hundeführers – dieser entscheidet, ob die Eigenschaften seines Hundes mit dem Ausbildungsziel übereinstimmen. 

Alle Tiere durchlaufen zunächst eine Art Grundausbildung, wobei es vorrangig um den Gehorsam des Hundes geht. Danach erfolgt die Ausbildung zum Therapiehund. Dort werden Grundgehorsam und Eignung des Hundes geprüft. Nach einer Reihe praktischer Prüfungen erhält man das Zertifikat zum geprüften Therapiehund“, sagt Schneider. 

In Deutschland fehlen bisher Organisationsstruktur sowie sowie die Absicherung der Qualitätsstandards, weshalb Zertifikate und Ausbildungsqualität stark variieren. Die Kosten schwankten zwischen 150 Euro und 3000 Euro und die Dauer von wenigen Tagen bis hin zu zwei Jahren. 

Ob sich ein Hund als Therapietier eignet, hängt stark von Erziehung und täglichem Umgang mit dem Tier ab.

Eine Sitzung sei meistens auf 30 Minuten begrenzt. Gruppen oder andere Ausnahmen könnten eine Behandlungszeit von bis zu 60 Minuten haben. Mehr sei keinesfalls möglich, da der Hund spätestens nach einer Stunde eine ausgiebige Pause brauche. „Manchmal wird sogar eine Therapie abgebrochen, wenn der Hund überfordert, verletzt oder krank wird während der Therapie“, bemerkt Schneider.

Da die Therapie die Hunde stark beanspruche, seien sie nie den ganzen Tag in der Klinik und auch nie an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. „Die Gesundheit und das Wohlbefinden des Tieres ist unabdingbar und erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie“, betont die Hundeführerin.

Dr. Solveigh Hilliard , Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, freut sich über den tierischen Zuwachs im Kollegium:„Bisher konnte die tiergestützte Therapie nur außerhalb des Klinikums mit Pferden angeboten werden. Die Hunde hingegen können in die Klinik kommen und dort Patienten mit körperlichen Handicaps unterstützen.“

Der Einsatz von Tieren in der Therapie habe eine lange Tradition und sei in den vergangenen Jahren wiederentdeckt und ausgebaut worden. „Die Arbeit mit dem Tier hat den Vorteil, dass ein Tier unvermittelt kommuniziert. Wir können uns direkt auf diese Art der Kommunikation einlassen und mit dem Tier in Beziehung treten, ohne das Gefühl zu haben, anhand äußerer Kriterien – wie gesellschaftliches oder soziales Ansehen – beurteilt zu werden“, erklärt Hilliard. 

Video: Dies sind die Rassen, die die besten Therapiehunde ausmachen

Darüber hinaus brächten Tiere eine eigene Energie mit, welche helfen könne, eigenen negativen Gefühlen zu entkommen. „Manchmal tut es gut, dass ein Wesen einfach da ist, dessen Wärme und Nähe wir spüren können“, sagt sie.

Ungeeignet sei der Therapieansatz allerdings bei Allergikern und Patienten mit Immunschwächen oder einer generellen Abneigung gegenüber Tieren. Ebenso werde von der Therapie abgesehen, wenn das Tier Angst oder Abneigung signalisiere. „Grundsätzlich entscheiden wir individuell, in welchem Bereich wir das Tier einsetzen und aus welchem Grund. Das eine Tier oder die eine Rasse, die überall eingesetzt werden kann, gibt es nicht“, erläutert die Direktorin.

Ob die Therapieform im Einzelfall angewendet wird, entscheiden Patient und medizinisches Fachpersonal gemeinsam. Die Krankenkassen erkennen sie nur dann als Therapieeinheit an, wenn sie von Therapeuten geleistet wird, die eine Ausbildung in einem anerkannten therapeutisch ausgerichteten Beruf haben – wie zum Beispiel Physiotherapie oder Bewegungstherapie. (von Sophie Brosch)

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