In der Stadtpfarrkirche in Fulda wird am Sonntag das Schutz- und Präventionskonzept der katholischen Kirche im Kampf gegen Missbrauch vorgelegt. (Archivfoto)
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In der Stadtpfarrkirche in Fulda wird am Sonntag das Schutz- und Präventionskonzept der katholischen Kirche im Kampf gegen Missbrauch vorgelegt. (Archivfoto)

Vorstellung heute

Kampfansage an Missbrauch - Innenstadtpfarrei in Fulda legt Schutz- und Präventionskonzept vor

  • Andreas Ungermann
    VonAndreas Ungermann
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Nach den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche verlangt das Bistum Fulda ein Schutz- beziehungsweise Präventionskonzept in den Gemeinden. Die Innenstadtpfarrei in Fulda wird ihres am heutigen Sonntag, 11. Juli, im Gottesdienst vorstellen.

Fulda - Was muss geschehen, damit nichts geschieht? Mit dieser zentralen Frage ist die Innenstadtpfarrei in Fulda an die Erstellung eines Schutzkonzeptes gegen Missbrauch und sexualisierte Gewalt herangegangen. „Wir haben das Corona-Jahr genutzt, um Gespräche mit den Gruppen und Gremien wie beispielsweise Messdienern, Gruppenleitern, Pfarrgemeinderat, aber auch im hauptamtlichen Pastoralteam zu führen“, erklärt Gemeindereferentin Larissa Herr, zugleich „Präventionsfachkraft“.

Wegen der Missbrauchsfälle steht die Kirche in jüngster Zeit nicht gut in den Schlagzeilen. Der Umgang mit dem Thema werde auch zu Recht kritisiert, räumt Herr ein: „Deshalb müssen wir dringend etwas unternehmen.“ Die Kirche solle den Menschen Lebensräume anbieten, in denen sie ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen, ihre Beziehungsfähigkeit und ihren persönlichen Glauben entfalten können. Dass dies in der Vergangenheit nicht immer so war, das hätten die sogenannte MHG-Studie (Mannheim, Heidelberg, Gießen nach den Institutsstandorten der beteiligten Wissenschaftler) und die vielen Berichte der Betroffenen gezeigt, lautet eine Feststellung.

Fulda: Innenstadtpfarrei stellt Konzept im Kampf gegen Missbrauch vor

„Wichtig ist es uns, Missbrauchsfälle zu verhindern und für das Thema zu sensibilisieren“, sagt Herr. Das gelte auch über die Grenzen der Pfarrei hinweg. „Denn die meisten Missbrauchsfälle kommen leider immer noch in den Familien vor. Deshalb wollen wir etwa den Menschen, die haupt- und ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Senioren zu tun haben, Sicherheit geben. Sie sollen wissen, was zu tun ist, wenn sie merken, dass mit einem Schützling etwas nicht stimmt“, betont die Gemeindereferentin.

Zusammengefasst sind Schutz und Prävention denn auch unter dem Dachbegriff der „Kultur der Achtsamkeit“, die in den Pfarreien etabliert werden soll und die wiederum auf gegenseitiger Wertschätzung und Respekt basiert. Verdeutlicht wird dies im Schaubild eines Hauses mit mehreren Bausteinen. Dem Missbrauch vorzubeugen, das beginnt schon bei der Personalauswahl und -entwicklung.

Wichtig ist es uns, Missbrauch zu verhindern und für das Thema zu sensibilisieren

Larissa Herr, Gemeindereferentin

„In Aufgabenfeldern, in denen asymmetrische Beziehungen bestehen, insbesondere in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, mit kranken, alten und behinderten Menschen, haben wir als Kirchengemeinde eine besondere Verantwortung bezüglich der erforderlichen fachlichen und persönlichen Eignung der Mitarbeitenden“, heißt es – das bedeutet: Von Erziehern, Verwaltungsmitarbeitern, Küstern, Reinigungspersonal, Hausmeistern und Organisten sowie Ehrenamtlichen sind künftig ein Erweitertes Führungszeugnis, eine Selbstauskunft sowie eine Verpflichtungserklärung auf das Schutzkonzept vorzulegen.

Kreis Fulda

Für alle in der Jugendarbeit tätigen Personen fordert der Landkreis Fulda ein Erweitertes Führungszeugnis im Sinne des Paragrafen 72a SGB VIII an, um sicherzustellen, dass niemand mit einschlägiger Vorbestrafung als Betreuer tätig wird. Dieser wurde mit dem Bundeskinderschutzgesetz eingeführt und trat zum 1. Januar 2012 in Kraft. Weiterhin erhalten alle Betreuer neben einer Auffrischung des Erste-Hilfe-Kurses eine Fortbildung zu Haltungen, Methoden und rechtlichen Voraussetzungen, erklärt die Kreispressestelle. Allen Veranstaltungen steht ein Team von hauptamtlichen Sozialpädagogen und ausgebildeten Kinderschutzfachkräften bei.

Vereine erhalten im Kreis Fulda eine rechtliche Beratung zur Prävention im Kinderschutz. Es obliegt den Vereinen, sich zu überzeugen, dass keine einschlägig vorbestraften Personen zum Einsatz kommen. Der Treffpunkt Aktiv des Kreises bietet zudem ein Qualifikationsprogramm für alle Vereine an. Diese können sich auch an die Kinderschutzfachkräfte des Jugendamtes wenden.

Letzteres legt Mitarbeitende zudem darauf fest, an Präventionsschulungen teilzunehmen, um sie zu sensibilisieren und ihnen Handlungskompetenz zu vermitteln. Das ist eine Vorgabe des Bistums, das laut Pressestelle die Pfarreien bei der Erstellung der Konzepte unterstützt und nach der Corona-Pandemie diese Schulungen wieder forciert.

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Ein weiterer fundamentaler Baustein ist der Verhaltenskodex: Hinweise und Regeln zu „Sprache, Wortwahl und Kleidung“ sind darin ebenso festgelegt wie die „adäquate Gestaltung von Nähe und Distanz“ sowie die „Angemessenheit von Körperkontakten“ und die „Beachtung der Intimsphäre“ als Themenkomplexe, die an vielen Stellen nahtlos ineinander übergehen. Darüber hinaus ist dem Verhaltenskodex auch die Zulässigkeit von Geschenken und Vergünstigungen, der Umgang mit Medien und sozialen Netzwerken sowie deren Nutzung verankert. Schlussendlich schreibt es die Konsequenzen bei Regelbruch fest.

Jetzt, da Präsenzveranstaltungen wieder einsetzen, rücke die Prävention wieder verstärkt in den Blick und durch die Corona-Pandemie ausgebremste Prozesse würden neu aktiviert. Gerade deshalb zeigt sich die Diözese erfreut, dass die Innenstadtpfarrei mit der öffentlichen Vorstellung des Konzeptes die Gemeinde einbinde. (Lesen Sie auch hier: Pater Siegfried Modenbach: Kirche muss Sexualität aus der Dunkelkammer herausholen)

Kampf gegen Missbrauch: „Schutzprozess, der gelebt werden muss“

Frau Schmidt-Hahnel, Sie sind Präventionsbeauftragte. Wie sieht die Arbeit in der Prävention aus?
In der Fachstelle Prävention im Bischöflichen Generalvikariat ist jeder Tag anders. Wir sind Anlaufstelle für Pfarreien und kirchliche Einrichtungen, wir stellen Schulungsteams zusammen und führen selbst Schulungen durch. Wir treffen uns regelmäßig mit Präventionsfachkräften aus Pfarreien und begleiten deren Arbeit. Gerade läuft die dritte Onlineveranstaltung der Reihe „Näher-Weiter“ mit dem Titel: „Was hat sexuelle Bildung mit Missbrauchsprävention zu tun?“
Worauf kommt es bei Schutzkonzepten an?
Wir sprechen von einem Schutzprozess, der gelebt werden muss. Mit der Verschriftlichung werden Standards festgehalten und Absprachen fixiert. Die Bausteine, die in der Präventionsordnung benannt sind, sollen dann auf die Pfarreien und Einrichtungen angepasst sein. Wichtig ist es, dass die Menschen vor Ort eingebunden sind – wir wollen in der Präventionsarbeit nicht nur einzelne Personen erreichen, sondern alle mit ins Boot nehmen. Auch Kinder und Jugendliche. Die Leitungskräfte spielen in der Umsetzung eine zentrale Rolle.
Birgit Schmidt-Hahnel ist Präventionsbeauftragte in Fulda.
Was wird in Schulungen vermittelt?
Alle Haupt- und Ehrenamtlichen werden entsprechend ihrer Aufgabe und ihres Verantwortungsbereiches geschult. Nach fünf Jahren gibt es Vertiefungsschulungen. In den Veranstaltungen sensibilisieren und qualifizieren wir dafür, mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für grenzverletzendes Verhalten zu entwickeln. Wir informieren über Zahlen und Fakten sowie über typische Täterstrategien und auch über Täter-Opfer-Dynamiken. Es geht ebenso darum, Handlungssicherheit zu vermitteln, etwa: Was muss ich tun, wenn sich mir ein Kind anvertraut oder ich eine Vermutung habe?
Gibt es erste Erkenntnisse über Erfolge?
Wir haben die Prozesse noch nicht evaluiert, aber Erfahrungen gemacht im Kontakt mit Leitungspersonen und anderen Akteuren. In Pfarreien, die die Entwicklung des Schutzkonzeptes als Chance sehen, verändert sich die Kultur des Miteinanders. Da wird Prävention als etwas Kostbares gesehen, das im Alltag integriert ist.

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